Gymi-Prüfung – und das Familienleben wird zur Hölle

Ein Vater möchte über all der Unruhe und dem Stress stehen – schafft es aber nicht. Was tun?

Die Eltern rechnen damit, dass ihr Kind die Aufnahmeprüfung für das Gymi machen wird: Beim Lernen hilft der Vater seiner Tochter. Foto: iStock

Die Eltern rechnen damit, dass ihr Kind die Aufnahmeprüfung für das Gymi machen wird: Beim Lernen hilft der Vater seiner Tochter. Foto: iStock

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Die Gymiprüfung ist ein gemeinsames Projekt von Kindern und Eltern», sagte die Lehrerin am Elternabend zum Thema Übertritt in die Oberstufe. Das war vergangenen Sommer, der Beginn einer neuen Zeitrechnung in unserer Familie.

Lotta war zwölf und hatte soeben ihr vorletztes Zeugnis in der Primarschule erhalten: in Mathe einen Fünfer und in Deutsch einen Fünfeinhalber. Sie ist eine gute bis sehr gute Schülerin, wie viele andere auch, ich würde unser Kind aber nie als besonders begabt oder gar als Genie bezeichnen, nur schon, weil mir eine gewisse Lebenserfahrung gezeigt hat, dass die wenigsten das sind. Es reicht mir, dass sie klug ist und ein liebenswürdiges Mädchen.

Auf jeden Fall rechnen meine Frau und ich seit der vierten Klasse damit, dass sie eines Tages die Aufnahmeprüfung für das Langzeitgymnasium machen wird. Nun war es so weit: Das Zeugnis bildete den Auftakt zum letzten Halbjahr in der Primarschule. Die Vorbereitungszeit begann.

Wie die Unruhe begann

Am Anfang standen zwei Zahlen, 83 und 16, die unter den Eltern zirkulierten: Wer im Abschlusszeugnis im Januar in Mathe und Deutsch je einen Fünfeinhalber hat, schafft die Prüfung mit 83-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Wer zwei Fünfer hat, hingegen nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 16 Prozent. Die Zahlen stammen aus dem Buch «Ich will ans Gymi» und bedeuten: Die Erfolgschancen sinken mit geringeren Vornoten exponentiell.

Mit diesem Wissen begann die Unruhe in unserer und in allen anderen Familien, deren Kinder ans Gymi wollen. Die meisten Familien in unserem Quartier gehören wohl zu dem, was man als bildungsfreundliche Milieus bezeichnet. Viele Eltern haben akademische oder, ganz allgemein, eher anspruchsvollere Berufe.

Früher habe ich die Eltern belächelt, die ihre eigenen Ambitionen mit denen ihrer Kinder verwechseln. Ich erinnere mich an einen Elternabend in der vierten Klasse, an dem ein Vater bemängelte, seine Tochter müsse zu wenig Hausaufgaben machen. «Ich finde das problematisch im Hinblick auf die Gymiprüfung», sagte der Vater. Die Lehrerin sprach mir mit ihrer Antwort aus der Seele: «In der vierten Klasse sollen Kinder zu Hause höchstens eine halbe Stunde arbeiten. Der Druck wird schon noch zunehmen.» Dieser Elternabend ist jetzt zwei Jahre her und die Prophezeiung der Lehrerin wahr geworden.

Leicht, mittel, schwer

Zunächst deckten meine Frau und ich uns mit der einschlägigen Literatur ein. Eine ganze Publikationsindustrie lebt von Titeln wie «Elternratgeber Gymiprüfung», »Wie komme ich ans Gymi?», «Training Gymi-Prüfung». Zusätzlich gibt es sogenannte Gymicards mit Aufgaben, unterteilt in leicht, mittel und schwer. Das Material ist teuer, aber wir kauften es, weil alle Familien es hatten.

Es ist trügerisch, davon auszugehen, dass ein Kind die Gymiprüfung besteht, bloss weil es den Schulstoff beherrscht. Gymiprüfungen gehen über den Schulstoff hinaus und werden, das hört man immer wieder, im Schnitt eine Note tiefer benotet als normale Prüfungen. Schafft ein Kind zum Beispiel eine Vier in einem Aufsatz an der Prüfung, so ist das schon recht gut, weil strenger bewertet wird. Wir schickten Lotta also in die Gymivorbereitung, die die Schule einmal pro Woche anbietet. Andere Eltern platzierten ihre Kinder noch in zusätzlichen, privaten Vorbereitungskursen. Das schien uns dann doch etwas übertrieben.

Nach den Sommerferien hatte jedes Kind samt seinen Eltern ein Standortgespräch mit dem Lehrer oder der Lehrerin. Die Lehrerin schaute Lotta ernst an und fragte: «Glaubst du, dass du eine Gymischülerin bist?» Lotta zögerte mit der Antwort, was ich eher als Zeichen der Bescheidenheit deutete. Da sagte die Lehrerin zu ihr: «Vielleicht ist das Kurzzeitgymnasium eher was für dich.» Das war bestimmt nicht böse gemeint, sondern bloss eine, vielleicht sogar realistische, Einschätzung. Für manche Kinder, die an ein Gymnasium wollen, ist das Kurzzeitgymnasium (nach zwei Jahren Sekundarschule) tatsächlich die bessere Lösung. Viele Kinder müssen, bevor sie sich einem solchen Druck aussetzen, noch ein bisschen reifer werden.

Abends kommt Lotta müde nach Hause, nach einem langen Tag in der Schule, nach Geigen- oder Tanzunterricht.

In der Tat haben wir unserer Tochter erklärt, sie könne auch in die Sek gehen, wenn sie wolle, und sich dann später allenfalls fürs Gymnasium entscheiden. Der Vorschlag schien sie aber überhaupt nicht zu interessieren, ihre besten Freundinnen wollten alle an die Prüfung, die Aussicht, später nicht mehr mit denen in die Schule gehen zu können, schreckte sie ab.

Bald wurde die Gymivorbereitung zu einem festen Bestandteil unseres Familienlebens. So wie die Geburt eines weiteren Kindes Familienstrukturen mit Wucht verändert, so veränderte sich unsere Familie praktisch von dem Tag an, als unsere Tochter trotz der Einschätzung der Lehrerin beschloss, an die Prüfung gehen zu wollen. Alles dreht sich nun nur noch darum. Abends kommt Lotta müde nach Hause, nach einem langen Tag in der Schule, nach Geigen- oder Tanzunterricht. Nach anfänglichem Widerstand setzt sie sich an ihr kleines Pult und malt sich mit Filzstiften erst mal die Hände an, bevor sie sich über eine Matheaufgabe beugt. Wenn sie nicht weiterweiss, setze ich mich zu ihr.

Draussen ist es längst dunkel, ich sehe ihr Kleinmädchengesicht im Schein der Schreibtischlampe und höre meine stets gereizter werdende Stimme, wenn sie meinen Erklärungen nicht folgen kann. Klar, sie tut mir leid. Und ich fühle mich danach immer schlecht. Eines Morgens, sie war bereits in der Schule, sah ich neben ihrem Bett ihre Stoffgiraffe liegen, die sie zum zweiten Geburtstag von einer Tante bekommen hatte. Ich legte das bereits ramponierte Tier auf ihr Pult neben den Stapel mit den sadistischen Matheaufgaben.

Wie geht ein Parallelogramm?

Auf der Website der Primarschule haben die Eltern die Möglichkeit, den Lehrplan einzusehen. Offiziell ist das ein Angebot für die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Eltern wurden ausdrücklich darauf hingewiesen. Immer wieder entdecke ich beim Abgleichen der Hausaufgaben mit dem Lehrplan Lücken. Der eine Lehrer paukt zu wenig Grammatik, der andere vertieft die Geometrie nicht richtig.

Gleichzeitig ist mir inzwischen klar geworden, was an der Prüfung verlangt werden kann. Ich las mich durch Internetforen, lud alte Prüfungen herunter, vertiefte mich in Lerntipps für Kinder. Ich kaufte mir sogar einen Zirkel und übte: Wie konstruiere ich ein Parallelogramm? Wie eine Winkelhalbierende? Jeden Tag nach der Arbeit beginne ich direkt, mir den Stoff anzueignen. Ich will ihn beherrschen, bevor Lotta nach Hause kommt, um keine Zeit zu verlieren.

Wir machen Deals mit unserer Tochter: Drei Rechenaufgaben gegen fünfzehn Minuten iPhone.

Anfangs konnte ich noch eine gewisse Faszination für Bruchrechnungen und komplizierte Divisionen aufbringen. Aber bald ertappte ich mich, wie ich Umwege in den Heimweg einbaute, um mich vor der Paukerei noch etwas zu erholen. Ich stellte fest, dass die Abende mit einem Glas Prosecco im Kopf leichter zu ertragen sind. Eltern, die man beim Einkaufen trifft, klagen ihr Leid. «Was muten wir unseren Kindern bloss zu!», ist ein oft gehörter Satz. An der Kasse in der Migros stellten die Mutter eines Klassenkameraden meiner Tochter und ich uns einmal im Scherz gegenseitig kleine Rechenaufgaben: «Zehn Leute kaufen je drei Bratwürste von 244 Gramm Gewicht. Wie alt ist die Kassiererin?»

«Bis bald dann, an der Prüfung», verabschiedeten wir uns.Manchmal fragen meine Frau und ich Lotta während des Abendessens unregelmässige Verben ab. Sinnen, sann, hat gesonnen. Ich meine, ist es nicht schwachsinnig, das von einem Kind zu verlangen? Wer schreibt denn im Jahr 2018 noch, er habe gesonnen, und nicht einfach, er habe nachgedacht? Nach dem Essen setzt einer von uns beiden sich erneut ins Kinderzimmer. Wir machen Deals mit unserer Tochter: Drei Rechenaufgaben gegen fünfzehn Minuten iPhone. Lotta ist offensichtlich müde, aber wir wissen, da müssen wir jetzt durch.

Langsam schlich sich das Misstrauen in unsere Familie. Am Kühlschrank hing der Prüfungsplan, im Notizbuch meiner Frau entdeckte ich ihre Noten. Ich sagte: «Lotta, am Dienstag hast du doch diese Bruch-Prüfung.» Und wenn Lotta antwortete: «Jaja, ich kann das, ich schaue es mir noch an», dann war ich unsicher, ob ich ihr tatsächlich glauben durfte.

Ich fühlte mich persönlich beleidigt, gleichzeitig war mir klar, wie absurd das ist.

Immer öfter musste ich an den blöden alten Spruch denken: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wie früher im Militär.

In der Migros, beim Bäcker, auf dem Velo, überall treffe ich andere Eltern. Gerüchte machen die Runde. Manche Eltern meldeten ihr Kind schon vorsorglich bei einer Privatschule an, um zu vermeiden, dass es bei Nichtbestehen der Prüfung in eine öffentliche Sekundarschule muss. Man erzählt sich, dass die eher guten Schüler in der Sek unter die Räder kommen, weil die Klassen gemischt sind. Die sogenannten Sek-B-Schüler zeigen angeblich weniger Interesse am Lernen, weil sie mit der Lehrstellensuche beschäftigt sind. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Hört man sich um, dann hat jeder eine andere Meinung oder Geschichte zu erzählen. Klug ist, wer die Nerven hat, mit gar niemandem darüber zu reden.

Im Oktober schrieb Lotta in einer Grammatikprüfung eine 3,75. Ich war geschockt, enttäuscht und frustriert, «Das kann doch nicht sein!», sagte ich in scharfem Tonfall zu ihr. «Du, als meine Tochter!» Ich fühlte mich persönlich beleidigt, gleichzeitig war mir klar, wie absurd das ist. Und ich schämte mich vor der Lehrerin, weil ich weiss, dass sie weiss, dass ich Germanistik studiert habe. Das ist natürlich das erbärmlichste Gefühl.

Früher habe ich in solchen Situationen souverän reagiert, wohl wissend, dass Prüfungen schieflaufen können. Einmal wollte Lotta nicht auf eine Französischprüfung lernen. Als sie mit einer Vier plus weinend nach Hause kam, tröstete ich sie.

Nun ist alles anders. An den Wochenenden will ich, dass sie einen Aufsatz schreibt. Aus meiner Sicht wird das in der Schule viel zu wenig geübt. Zwar wurden die Kinder die ganze Primarschulzeit lang aufgefordert, möglichst viel zu lesen (was sicher sehr wichtig ist!), Schreiben ist dann aber wieder eine andere Sache. Ich weiss, an der Prüfung wird sie zwischen drei Aufsatzthemen wählen müssen. Die Kunst besteht darin, ihr beizubringen, wie sie die richtige Wahl trifft. Ich gebe ihr strategische Tipps: Nimm das Thema, bei dem du eigene Erfahrungen beisteuern kann! Erzähle durchgehend im Präteritum, das ist am einfachsten! Überlege dir genau, was der Höhepunkt deiner Geschichte ist! Versuche Emotionen zu wecken beim Leser.

Um ein Viertel kürzer

Einmal hockte ich eine halbe Stunde lang vor einer Matheaufgabe, brütete darüber nach, wie lange eine Baufirma braucht, wenn sie mit zehn Arbeitern in 28 Tagen eine Wand errichten soll, dann aber nach fünf Tagen mit drei Arbeitern weniger auskommen muss, um nach weiteren neun Tagen mit zwei zusätzlichen Arbeitern den Schlussspurt hinzulegen. Ein anderes Mal musste ich einen Freund anrufen, der an der ETH in Physik promoviert hat, damit er mir den Lösungsweg erklärt. Es ging um einen Swimmingpool, der über verschieden dicke Schläuche mit Wasser gefüllt werden soll und gleichzeitig ein Leck hat. Der Freund fand rasch eine Lösung, allerdings mithilfe eines Gleichungssystems – für Kinder völlig untauglich.

Wir dachten bereits weiter, an die Probezeit: Wo werden die meisten Schüler wieder rausgeschmissen?

Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie Leute, die nicht das Privileg hatten, länger als neun Jahre in die Schule zu gehen, ihren Kindern bei diesem Stoff helfen sollen. Die Satzaufgaben in der Mathematik sind teilweise so formuliert, dass man bereits an der Sprache scheitert, bevor es ans Rechnen geht. Ich weiss nicht, ob für ein fremdsprachiges Kind der Unterschied zwischen «um ein Viertel kürzer» und «auf ein Viertel kürzen» gleich klar ist; wir mussten es unserer Tochter jedenfalls erklären – und ihre Muttersprache ist Deutsch.

Wir besuchten mit Lotta Präsentationen an den verschiedenen Gymnasien der Stadt und versuchten herauszufinden, welches das humanste ist. Die Aufnahmeprüfung ist zwar im ganzen Kanton die gleiche, aber wir dachten bereits weiter, an die Probezeit: Wo werden die meisten Schüler wieder rausgeschmissen? Welche Schule macht den Eindruck, keine blosse Lernfabrik zu sein? Der Prorektor einer Schule hielt eine mit Zahlen und Statistiken dekorierte Rede, er klang wie Juri Andropow 1983 vor dem Obersten Sowjet. In diese Schule wollte ich Lotta nicht schicken.

Mit einer Mischung aus Faszination und Grauen beobachtete ich, wie mein Kind mehr und mehr zu einem Teil meiner selbst wurde. Früher bin ich gut damit klargekommen, dass Lotta sich beim Skifahren ungeschickt anstellte, obwohl ich selbst gut Ski fahre. Ich habe akzeptiert, dass aus ihr keine Geigenvirtuosin werden wird, und sogar, gegen den Willen meiner Frau, gesagt: «Wenn dir das keinen Spass macht, dann hör doch damit auf.»

Verdammt noch mal, bist du eigentlich blöd? Ich hab das doch damals auch geschafft!

Aber die Gymiprüfung hat mich verändert. Ich kann mich nicht mehr distanzieren von dem, was von meiner Tochter verlangt wird. Alle Leichtigkeit in meinem Leben scheint verschwunden, oft bin ich bedrückt. Einmal berechnete Lotta das Wettrennen zwischen einem Hasen und einer Schildkröte und kam zum Ergebnis, dass sich die Schildkröte mit 65 Stundenkilometern vorwärtsbewegt. Ich flippte aus: «Das ist unmöglich! Das musst du doch merken!» Meine Frau schickte mich ins Badezimmer, damit ich mich beruhige.

Ich wurde mehr und mehr zu einem Menschen, der ich nie sein wollte. Ich sagte Sätze, die ich mir nie zugetraut hätte: «Mit dieser Einstellung schaffst du es nicht!» Oder: «Kinder, die solche Fehler machen, kommen logischerweise nicht ins Gymi!» Und einmal sogar: «Verdammt noch mal, bist du eigentlich blöd? Ich hab das doch damals auch geschafft!» Woraufhin Lotta cool antwortete: «Damals war die Prüfung auch einfacher, das hast du selbst gesagt!»

Lottas fünfjährige Schwester, die den Kindergarten besucht, fing an zu quengeln, bis wir auch ihr Rechenaufgaben stellten. Sie spielte sozusagen die familiäre Situation nach.

5+5, 1+2, 20-10. Nachdem sie sie gelöst hatte, liess sie sich von mir oder meiner Frau eine Fantasienote darunterschreiben und legte den Zettel zu ihren Spielsachen.

Die Doppelkonsonanten

«Ihr habt mich eh nur gern, wenn ich die Prüfung bestehe!», sagte Lotta eines Abends. Das tat weh. Ich vermutete sogar, dass Lotta das wusste und den Satz mit voller Absicht sagte, um auch einmal eine moralische Waffe gegen uns einzusetzen.

«Unsere Tochter checkt die Doppelkonsonanten einfach nicht», sagte meine Frau eines Nachts, als wir uns schlaflos im Bett wälzten. Ich machte mir Vorwürfe. Hatte ich es ihr schlecht erklärt? Hatte ich zu wenig geholfen? Zu schlecht geholfen? Zu viel Druck aufgebaut?

Eines Nachmittags rief meine Frau mich im Institut an. «Ich werde langsam wahnsinnig», sagte sie. «Den ganzen Tag denke ich an diese Prüfung.» Wir diskutierten lange, wie es uns gelingen könnte, die Haltung der römischen Stoa einzunehmen: Was auch immer geschieht – alles gleichmütig hinnehmen. Seneca lesen? Am besten im Original? Dann könnte ich endlich mal meine Lateinkenntnisse rauskramen – wahrscheinlich das Einzige, was ich meiner Zeit am Langzeitgymnasium wirklich zu verdanken habe.

Die Probeprüfung hat gezeigt, wie wenig mehr es braucht, um es zu schaffen.

Manchmal schleiche ich durch die Wohnung, um möglichst keinen Lärm zu machen. Die Tür von Lottas Zimmer steht halb offen, und ich sehe, wie sie zerstreut auf einem Stift kaut, aus dem Fenster guckt oder Herzchen aufs Papier malt. Daneben liegen die Matheaufgaben. Und ich frage mich: Warum werden Kinder so gequält?

Ende Januar kam das Abschlusszeugnis mit den Vornoten. Unsere Tochter hatte zweimal einen Fünfeinhalber. Wie leicht ich mich plötzlich fühlte! Lotta strahlte. Andere Eltern sagten uns: «Gut für euch.» Jetzt also 83 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass es klappen wird.

Dann kam die Testprüfung. Eine Simulation des grossen Tages. Meine Tochter kam nachmittags nach Hause und erzählte verstört, es sei wohl nicht so gut gelaufen. Und tatsächlich, ein paar Tage später erhielt sie das Ergebnis: trotz guter Vornoten extrem knapp durchgefallen. Wir waren enttäuscht. Aber es gelang uns, das Ergebnis ins Positive zu drehen. Meine Frau und ich einigten uns auf folgenden Spin gegenüber der Tochter: Die Prüfung hat dir gezeigt, wie wenig mehr es braucht, um es zu schaffen.

Vor den Skiferien beriet meine Frau sich mit Eltern, die das gleiche Hotel gebucht hatten: Wie lange müssen die Kinder lernen, bevor sie auf die Piste dürfen? Gibt es einen Raum, wo sie ungestört sind? Jeden Vormittag bildete Lotta mit den vielen anderen Kindern, die in der gleichen Situation waren, eine Lerngruppe.

Ich habe Horror, dass Lotta nicht schlafen kann.

Unter den Eltern hat sich eine seltsame Dynamik entwickelt. Entdeckt man ein gutes Lehrbuch, empfiehlt man es nur denjenigen Eltern, die man mag. Sagt eine andere Mutter: «Wir machen uns Sorgen wegen Alessia, vielleicht ist sie noch nicht reif fürs Gymi», dann fühlen meine Frau und ich uns genötigt, ihr beizupflichten: «Das verstehen wir, bei Lotta haben wir die gleichen Befürchtungen.» Auch wenn es gar nicht stimmt.

Es scheint uns hochmütig zu behaupten, unsere Tochter sei eigenständig und gut organisiert, wenn die andere Sorgen hat. Zudem scheint es uns zunehmend riskant. Was, wenn wir nun Zuversicht ausstrahlen und Lotta dann durch die Prüfung rasselt? Wie peinlich das wäre. Lieber wollen wir allfälliges Scheitern rechtzeitig abfedern.Gleichzeitig plagen uns Zukunftsängste. Was, wenn Lotta vielleicht zu nervös ist? Wenn sie es tatsächlich nicht schafft?

Inzwischen habe ich das Gefühl, die Prüfung am 12. März sei meine Prüfung. Ich zähle die Tage. Ich habe Horror, dass Lotta nicht schlafen kann. Schlafmittel sind für Kinder zu gefährlich, da habe ich mich schon erkundigt. Man soll die Kinder nicht bis ins Prüfungszimmer begleiten, steht im Leitfaden. Ich versuche mir aber auch schon vorzustellen, wie ich reagiere, wenn die Resultate kommen. Dabei gibt es doch nur eine einzige angemessene Reaktion: Selbst bei einem Scheitern sich mit den Kindern freuen, dass eine lange, schwere Zeit nun wenigstens ein Ende gefunden hat. Dass Scheitern zum Leben gehört; dass es nur ein vorübergehendes Scheitern ist – das ganze Programm der Küchentischpsychologie.

Pancakes

Offenbar fehlt mir die Grösse zu akzeptieren, dass Kinder ihren eigenen Weg gehen. Dass eine Tochter nicht unbedingt aufs Gymi muss, nur weil ihre Eltern dort waren. Ich denke in letzter Zeit oft daran, was der Arzt nach der Geburt von Lotta im Kreisssaal zu mir sagte: «Ich möchte Sie bitten, sich eins zu merken: Kinder sind nicht das Eigentum der Eltern, Kinder sind kein Teil von ihnen, sie sind ihnen anvertraut. Erziehung heisst Erziehung zur Selbstständigkeit.»

Jeden Morgen mache ich für Lotta Pancakes, seit Wochen das Einzige, das sie isst.

Von anderen Eltern hören wir, dass deren Kinder bereits abends um halb neun schlafen. Lotta schläft immer erst um zehn. Daraufhin habe ich meiner Frau vorgeschlagen, die Uhren heimlich um eine Stunde vorzustellen. Leider lässt sich die digitale Zeitanzeige an der WLAN-Box nicht umstellen. Wir müssten sie abkleben.

Ich weiss, ich sollte über all dem stehen. Aber ich schaffe es nicht, und deshalb fühle ich mich elend. Gestern hat meine Tochter mir ein Blatt mit ein paar schwierigen Matheaufgaben hingestreckt. Ich brauchte eine halbe Stunde, um alles nachzurechnen. Jede Aufgabe war richtig gelöst. Ich ging in Lottas Zimmer und lobte sie überschwänglich. Sie schaute mich besorgt an und sagte: «Chills, Papa.» (Das Magazin)

Erstellt: 08.03.2018, 07:24 Uhr

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