«Ich bereue die Abtreibung nicht»

Mutter werden – oder die Schwangerschaft abbrechen? Vier Frauen, die vor der Entscheidung standen, erzählen ihre Geschichte.

Eine Abtreibung ist eine schwierige und prägende Entscheidung: Eine Frau sitzt auf einem Bett. Foto: John Dow (photocase)

Eine Abtreibung ist eine schwierige und prägende Entscheidung: Eine Frau sitzt auf einem Bett. Foto: John Dow (photocase)

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Im Gegensatz zur Schweiz sind in Deutschland Abtreibungen nach wie vor rechtswidrig. Nur unter bestimmten Bedingungen bleibt der Eingriff straffrei. Frauen, die das werdende Kind in ihrem Bauch nicht austragen wollen, müssen sich beraten lassen, bei staatlich damit beauftragten Einrichtungen wie Pro Familia. Eine Abtreibung nach der zwölften Schwangerschaftswoche ist nur dann gesetzlich möglich, wenn für die Schwangere Lebensgefahr besteht oder eine schwerwiegende körperliche oder seelische Beeinträchtigung droht.

Vier Frauen schildern, was sie dazu bewogen hat, sich für oder gegen den Abbruch ihrer Schwangerschaft zu entscheiden.

Paula Deme, 35

Ich verhütete mit der Pille und trotzdem wurde ich schwanger. Ich war 19 Jahre alt und machte in Nürnberg meine Ausbildung zur Erzieherin. Weil meine Periode überfällig war, ging ich zum Arzt. Es war sofort klar, dass ich in der sechsten Woche schwanger bin. Der Termin war mittags, am Abend war ich mir sicher: Ich will das Kind nicht. Von meiner Schwangerschaft erzählte ich nur meiner Mutter. Niemand sollte mir reinreden oder mich beeinflussen. In der siebten Woche ging ich zum Pflicht-Beratungsgespräch bei Pro Familia. Es dauerte nur fünf Minuten, weil ich wusste, in meinem Leben ist kein Platz für ein Kind. Zwischen der Beratung und einem Schwangerschaftsabbruch müssen drei Tage Bedenkzeit liegen. Die Abtreibung war dann in der achten Woche in einer Frauenklinik. Ich war hinterher einfach nur erleichtert.

«Schon nach der Abtreibung wollte ich mich sterilisieren lassen.»Paula Deme

Als ich es später meinen Eltern erzählte, waren sie enttäuscht und meinten, sie hätten uns doch unterstützt. Aber darum ging es nicht. Ich wollte unabhängig, frei sein. Das ist bis heute so. Ich bin 35 und immer wieder bekomme ich zu hören: «Du wärst so eine tolle Mama.» Ich weiss, was es heisst, ein Kind zu kriegen. Als Erzieherin betreue ich Kinder im Alter von drei bis zwölf Monaten. Diese Babys habe ich sehr lieb, ohne Frage, aber ich will eben kein eigenes. Das beisst sich für mich nicht. Ich höre keine biologische Uhr ticken.

Schon nach der Abtreibung wollte ich mich sterilisieren lassen, mit 24 noch einmal, mit Ende 20 wieder. Immer wieder sagte der Arzt: «Denken Sie noch mal drüber nach, warten Sie doch noch. So viele Frauen bereuen das.» Das fand ich bevormundend. Ich bin wütend auf dieses gesellschaftliche Idealbild, nach dem die Mutterschaft der Inbegriff der Weiblichkeit ist und zu einem glücklichen Leben dazugehört. Ich sehe das anders und bereue die Abtreibung nicht.

Carmen Zedler, 59

Es ist 32 Jahre her, aber ich erinnere mich noch genau, wie der Arzt zu mir sagte: «Das Ergebnis ist positiv.» Ich war so erleichtert, denn ein positives Ergebnis, das hiess für mich: Ich bin nicht schwanger. Doch der Arzt verstand etwas anderes unter positiv. Dass ich doch schwanger war, schockierte mich. Fünf, sechs Wochen vorher hatte ich meinen Ex-Freund auf einer Party wiedergetroffen und war mit ihm im Bett gelandet ohne zu verhüten.

«Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam»: Carmen Zedler. Foto: Pilar Alonso

Nicht einen Gedanken hatte ich bis dahin an ein eigenes Kind verschwendet. Ich lebte für meinen Job als festangestellte Regisseurin in München. Ich ging damals durch eine Art Kreuzgang der Gedanken. Eine Abtreibung war möglich, der Vater des Kindes war dafür. Ein, zwei Freundinnen flüsterten mir zu, wie sie schwanger nach Holland gefahren und nicht schwanger zurückgekommen waren. Ich zögerte. Letztlich entschied ich mich für das Kind. Der Hauptgrund: Ich konnte es mir finanziell leisten, verdiente damals 8000 Mark im Monat. Der zweite Grund war die Angst: Was, wenn ich in fünf Jahren ein Kind «nach Plan» möchte, aber mich dann so fühle, als hätte ich auf ein Kind kein Recht mehr? Ich war naiv. An meinem Körper merkte ich noch keine Veränderungen, ich war fit, rank und schlank. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam.

Der Vater des Kindes unterstütze mich zunächst. Als unser Sohn dann zur Welt kam, wusste ich: Er will das Kind nicht. Wir lebten gemeinsam in einer Wohnung am Stadtrand, ohne ein Paar zu sein. Ich schlug sogar eine Heirat vor – für das Kind. Alleinerziehend zu sein war in den 80ern eine Schande, das Kind ein «Bastard». Nach drei Monaten arbeitete ich wieder, darauf bestand ich. Wir bezahlten eine Tagesmutter, was zu einem regelrechten Aufstand in der Familie des Vaters führte: Ich solle zuhause beim Kind bleiben, der Mann das Geld verdienen. Nach zwei Jahren habe ich ihn verlassen und war dann sechs Jahre alleinerziehend. Oft wurde mir gesagt, ich sei an meiner Situation selbst schuld. Ich liess meinen Sohn taufen, weil ich dachte, er habe es so später leichter. Ich konnte diese «moralische Last» irgendwann nicht mehr tragen, und habe mich auch von meiner Familie abgewandt. Heute ist mein Sohn 31 und Arzt. Ich bin froh ihn zu haben und habe es nie bereut. In den 90ern bekam ich noch einen zweiten Sohn. Ich hatte immer das Gefühl, ich trage meine Kinder mit ausgestreckten Armen über meinem Kopf während mir das Wasser bis zum Kinn steht. Das lasse ich jetzt, wo mein zweiter Sohn gerade ausgezogen ist, langsam los.

Sina Schwenk, 33

Ich hatte ein komisches Gefühl, das mir mein Gynäkologe in der 20. Woche beim Ultraschall bestätigte: Unsere Tochter sei schwerkrank und würde nicht überleben. Trisomie 18. Der Termin war dienstags und mir wurde gesagt, dass ich 48 Stunden nach der Diagnosestellung zu einer Abtreibung kommen könnte. Weil meine Tochter bereits zu gross war, hätte man sie durch eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz getötet und dann die normale Geburt eingeleitet. Dachte der Arzt wirklich, ich halte es aus, mein Kind umzubringen, aber nicht es auszutragen? Was ich brauchte, war Zeit. Wir wussten, Enna, unsere Tochter, konnte nicht überleben, denn wegen ihrer Fehlbildung hatte sie unausgebildete Lungen. Es war ein Prozess mit mir selbst. Mir wurde klar: Ich will meine Tochter zur Welt bringen, ich will sie entscheiden lassen, wann sie bereit ist zu sterben. Ich bin selbst Hebamme und plante eine Hausgeburt, bei der ein Palliativteam dabei sein sollte. Es konnte sein, dass Enna ersticken und Morphin brauchen würde, weswegen ich mir Sorgen machte. Täglich hatte ich Angst, dass sie in meinem Bauch stirbt. Sie hat sich viel weniger bewegt als mein Sohn bei meiner ersten Schwangerschaft. Meistens spürte ich nur morgens und abends ein kleines Lebenszeichen. Wo andere ein Kinderzimmer einrichten, mussten wir eine Beerdigung planen.

Hofft, noch einmal schwanger zu werden: Sina Schwenk. Foto: Privat

Enna wurde in unserer Badewanne geboren. Ganz langsam hörte sie auf zu atmen. Es war friedlich. Sie hat sogar die Augen geöffnet und meinen Mann angeschaut. Eine Stunde hat sie gelebt. Wir haben sie in einem Bastkörbchen begraben, welches wir mit einer Matratze auslegten. An das Körbchen haben Familie und Freunde Erinnerungsstücke gebunden.

Das ist nun ein gutes Jahr her. In meinem Beruf als Hebamme bin ich jeden Tag mit der Erinnerung konfrontiert. Aber der Stolz überwiegt die Trauer und wir sind im Reinen mit uns, es war der richtige Weg. Ich habe daraus gelernt, dass man beim Thema Abtreibung vor allem Zeit braucht, um allein nachzudenken. Gerade hoffe ich, noch einmal schwanger zu werden.

Andrea Mauer (Name geändert), 29

Es war Pech. Uns riss das Kondom. Ein, zwei Stunden später nahm ich die Pille danach und dachte: alles in Ordnung. In den folgenden Wochen schlief ich regelmässig um 21 Uhr ein, hatte ein flaues Gefühl im Magen und keine Lust zu rauchen. Ich schob das auf den Stress, den mir meine Abschlussarbeit im Politikstudium bereitete. Als meine Periode ausblieb, machte ich in unserem WG-Bad einen Schwangerschaftstest – positiv. Ich weiss noch, wie mir die Luft wegblieb. Ich stand richtig unter Schock. Mein Freund war bei mir, er konnte es auch nicht glauben. Wir haben uns lange umarmt, wie lange, weiss ich nicht mehr. «Ich will dich nicht beeinflussen», sagte er zu mir. Es hat mir geholfen, die Entscheidung allein treffen zu können. Bei meiner Frauenärztin bekam ich erst eine Woche später einen Termin. Bis dahin war ich total verwirrt. Ich habe so sehr versucht, in mich hineinzuhören. Aber ich konnte mich einfach nicht als Mutter sehen, als Mutter fühlen.

«Auf der Fahrt zur Praxis habe ich vor Angst geweint.»Andrea Mauer

Die Gynäkologin bestätigte die Schwangerschaft. «Wollen Sie es haben?» Reflexartig sagte ich «Nein». Ich hatte das Gefühl, die Ärztin wollte mich umstimmen. Sie hat mir das Ultraschall-Bild und den Mutterpass mitgegeben, aber auch ein Infoblatt über Ärztinnen in Hessen, die Abtreibungen durchführen. Bei zwei Praxen habe ich dann vorsichtshalber einen Termin gemacht. Dann kam das Gespräch bei Pro Familia. Der Berater war echt nett, aber trotzdem war die ganze Situation unangenehm. Er fragte uns Dinge, die für mich sehr privat waren: «Wie haben Sie sich kennengelernt?» oder meinen Freund: «Was möchtest du?» Das Gespräch dauerte eine Stunde, dann bekamen wir den Bestätigungsschein, den man bei einer Abtreibung vorlegen muss.

Ich hatte Angst vor einer falschen Entscheidung, gleichzeitig konnten wir uns das einfach nicht vorstellen – Eltern sein. Wir fuhren ein paar Tage nach Prag. Als wir zurück waren, sagten wir den Abtreibungstermin zu. Ich war in der achten Woche. Ich entschied mich für Frau Dr. Hänel, die sich momentan auch für die Abschaffung des Paragraphen 219a des deutschen Strafgesetzbuches einsetzt. Ich hatte einen operativen Eingriff unter Vollnarkose vor mir. Von einer Pillen-Abtreibung wurde mir wegen der Schmerzen abgeraten, weil ich ohnehin starke Menstruationsbeschwerden habe. Es war nicht irgendeine OP für mich. Auf der Fahrt zur Praxis habe ich vor Angst geweint. Als ich dann auf dem Behandlungsstuhl lag, war die Angst weg.

Als ich aufwachte, sagte ich direkt zu meinem Freund: «Mir geht es gut.» Es fiel eine Last von mir. Auch heute, anderthalb Jahre später, weiss ich, dass es die richtige Entscheidung war.

Erstellt: 22.03.2019, 20:51 Uhr

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