Im Altersheim für Prostituierte

In Mexiko-Stadt befindet sich das weltweit erste Refugium für ältere Sexarbeiterinnen. Es geht dort vergnüglicher zu, als man meinen könnte.

Haben neuen Lebensmut geschöpft: Bewohnerinnen des «Casa Xochiquetzal» bei einer Feier im Innenhof. Foto: Reuters

Haben neuen Lebensmut geschöpft: Bewohnerinnen des «Casa Xochiquetzal» bei einer Feier im Innenhof. Foto: Reuters

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Es ist keine Liebe zu einem Mann, Männer sahen sie immer nur als Objekt – alle etwa achttausend Freier, wie sie schätzt. Auch keine Liebe zu ihren Kindern, die sie alle vier hat abgeben müssen. Es ist eine späte Liebe zum Leben an sich, zu sich selbst und ihren Kolleginnen im Altersheim für Prostituierte im Zentrum von Mexiko-Stadt.

«Ich liebe mich», sagt sie. «Und meine Schwestern hier. Spät – aber immerhin.»

Es ist morgens um neun, die Luft dünn hier auf 2300 Meter Höhe, Norma Sánchez schleppt sich am Gehstock von ihrem Zimmer in den Innenhof des Heims «Casa Xochiquetzal», benannt nach der aztekischen Göttin der Schönheit und Sexualität. Es handelt sich um ein gelb getünchtes Kolonialgebäude, auf einer Tafel am Eingang steht: «Refugium für Sexarbeiterinnen des dritten Lebensabschnitts».

Neben ihr sitzen ihre «Schwestern» – mit denen sie einst um jeden Freier gekämpft hat.

Normas Haar ist grau und kurz, am Körper trägt sie die Narben eines Lebens am Limit, auf dem Oberarm das verblichene Tattoo der Frau, die sie einmal war: mit langen Haaren, aufgeknöpfter Bluse und prallen Brüsten. Neben sie an die langen Tische setzen sich ihre «Schwestern» – Kameradinnen, mit denen sie einst um jeden Freier gekämpft hat: Raquel, 82, die sechzig Jahre lang Sexarbeiterin war. Und Canela, 77, die immer noch aktiv ist, allerdings nur für einen Stammfreier, um sich mal Tacos leisten zu können oder ein Parfüm. «Um nicht aus der Übung zu kommen», sagt Canela trocken.

Die anderen Frauen kichern. Sie kommen aus dem Kichern nicht heraus. Sie ziehen Canela mit Sprüchen auf, die nicht jugendfrei sind.

Das warme Licht des Wintermorgens fällt in den Innenhof. Bald sitzen fünfzehn Frauen zusammen. Zu mexikanischer Volksmusik sticken sie Bilder mit Blumen und einer idyllischen Berglandschaft, wie sie sie in natura nie gesehen haben. Es herrscht eine angenehme Stille, die sie ihren späten Frieden nennen.

«Reich mir mal den Stoffballen, Liebste», sagt Norma zu Canela.
«Gerne, Normita-Baby.»
«Danke, Süsse.»

Es ist ein Konzert der Kosenamen. Gespräche, von denen Norma glaubt, dass all die Zärtlichkeit in ihnen liegt, die ihr ein Leben lang entgangen ist.

Der heutige Präsident Mexikos stellte das Gebäude mietfrei zur Verfügung.

«Als Huren haben wir alle am Abgrund gelebt», sagt sie. «Mit zwanzig läuft es noch. Aber dann wirst du dreissig, und die Freier werden weniger. Mit vierzig fliegst du aus dem Puff. Mit fünfzig verlierst du dein Hotelzimmer. Mit sechzig lebst du auf der Strasse und betest darum, wenigstens einen Freier pro Tag abzukriegen, achtzig Pesos, vier Dollar.»

Schon in den Neunzigerjahren hatte ihre Freundin Carmen Muñoz, die mehr als vierzig Jahre als Prostituierte gearbeitet hatte, eine Idee. Sie sah immer mehr alte Kolleginnen hier in La Merced, einem von sieben Rotlichtvierteln in Mexiko-Stadt: zusammengekauert unter Pappkartons, gezeichnet von Krankheiten wie Aids, Hepatitis und Alkoholismus.

Zugleich sah sie die leer stehenden Häuser im Viertel, diesem prächtigen Kolonialensemble und Unesco-Weltkulturerbe. Und sie sah «die perfekte Gelegenheit», wie sie es nannte: Bürgermeister war Andrés Manuel López Obrador, ein Linker, Sohn eines Krämers, mit einem Herz für die Schwachen und Ausgestossenen. Tatsächlich gab er ihr mietfrei das ehemalige Boxmuseum, 700 Quadratmeter Wohnfläche. Heute ist López Obrador Mexikos Präsident.

«Wir sind der Abschaum der Gesellschaft. Aber hier sind wir Prinzessinnen.»Norma Sánchez, Ex-Prostituierte

So bekam Mexiko, sonst eher bekannt für Machismo und häusliche Gewalt, 2006 das weltweit erste Altersheim für Sexarbeiterinnen. Die Frauen erhalten hier gratis ein Zimmer, Essen, medizinische und psychologische Versorgung. Ein Stück Würde auf den letzten Metern des Lebens.

«Es ist wie in der Bibel», sagt Norma. «Da dürfen alle zu Jesus kommen. Es ist ein Wunder. Wir sind der Abschaum der Gesellschaft. Aber hier sind wir Prinzessinnen.»

Dreissig Meter weiter, vor den dicken Mauern des Kolonialgebäudes, herrscht das hitzige Treiben ihres Vorlebens, das wuselige Chaos dieser 20-Millionen-Metropole. Marktfrauen preisen schreiend Billigware aus China an, Passanten drängen sich schimpfend durch Menschenmassen, dazwischen bieten Frauen allen Alters ihren Körper an, und Männer inspizieren gierig das «Frischfleisch», wie sie es nennen. Prostitution ist in Mexiko erlaubt. Im Gesetz heisst es lediglich, dass Dritte – gemeint sind Zuhälter – davon nicht profitieren dürfen.

Das Zuhause der «Kriegerinnen»

Wer ein paar Tage mit den alten Frauen verbringt, spürt ihre Zerrissenheit. Die einen legen sich nach dem Mittagessen zur Ruhe, sie schauen stumm einen Film im Fernsehsaal; jeden Tag rotiert die Kontrolle über die Fernbedienung. Von ihrem früheren Job wollen sie nichts mehr wissen.

Andere aber machen sich wie Vicky mit Hut und Federboa bereit für ihre Einsätze oder warten auf ihre Liebhaber wie Normas Freundin Canela, die Dienstälteste, eine kleine Frau aus Oaxaca, dem Süden Mexikos. «Ich habe endlich einen Mann fürs Leben gefunden», sagt sie, während Norma ihr hilft, den knallroten Lippenstift nachzuziehen. «Mit ins Heim darf ich ihn nicht bringen, aber zu ihm gehen jederzeit.» Dann tänzelt sie los, am Gehstock, eine alte Dame in den Farben eines Pfaus.

Jede Frau hier ist ein Opfer von Missbrauch und Gewalt, Verlust und Krankheit.

«Als Canela zu uns kam, dachten wir, sie stirbt uns in sechs Monaten, so krank und schwach war sie», sagt Jesica Vargas González, die Direktorin der Casa Xochiquetzal. «Das ist jetzt zwölf Jahre her.»

Vargas, eine noch junge Psychologin, leitet das Altersheim. Mehr als 250 Frauen haben sie aufgenommen. Derzeit leben zwanzig hier dauerhaft, im Alter zwischen 53 und 87. «Kriegerinnen» nennt Vargas sie, Überlebende, Beispiele für die Widerstandsfähigkeit des Menschen, jede Frau ein Opfer von Missbrauch und Gewalt, Verlust und Krankheit. «Früher auf der Strasse mussten sie sich täglich entscheiden zwischen Billighotel oder Suppe, manchmal gab es keines von beidem. Diese Sorge haben sie hier nicht mehr.»

Eiserne Regeln für ihr neues Leben

Das Heim ist für Vargas nicht weniger als eine Revolution: «In einem katholischen Land. Mit viel Armut. Selbst in der Ersten Welt gibt es ein solches Haus für alte Sexarbeiterinnen nicht. Wir leben von Spenden, der Unterstützung von Feministinnen und Intellektuellen. Von der Stadt gibts nichts mehr.»

Die Regeln sind eisern und werden vertraglich festgesetzt: Keine Drogen. Kein Alkohol. Keine Männerbesuche. Keine Faustkämpfe um die Fernbedienung. Jede Frau muss ihr Zimmer sauber halten und an Workshops teilnehmen. «Die Umstellung ist gross, sie mussten sich immer verteidigen. Sie waren frei wie der Wind, ohne Struktur», erklärt Vargas. «Ich habe ein weiches Herz – das Herz eines Huhns, wie wir sagen –, aber manche Dame musste ich rausschmeissen, so wie Marta, die ihre Revierkämpfe hier drinnen fortsetzte.»

Haben ihr Lachen nicht verloren: Ehemalige Prostituierte im Gespräch. Foto: Reuters

Zum ersten Mal in ihrem Leben haben die Frauen einen Stundenplan. Ihre Dienste stehen auf einem grossen Zettel am Schwarzen Brett: Treppe putzen, Brot backen, waschen. Aber auch die Belohnungen: Kinoabend, Backkurs, Märchenstunde. Vargas beobachtet unter den Frauen einen grossen Gerechtigkeitssinn, wie sie ihn unter ihren bürgerlichen Freunden nie erlebt: Wenn eine verbal angegriffen wird, verteidigen sie die anderen. Wenn eine krank wird, streiten sich die anderen darum, wer sie pflegen darf.

Vargas hat viel erlebt in den Jahren: grosse Dramen und Happy Ends. Sie blättert durch ein Fotoalbum und erzählt zu jeder Heimbewohnerin Geschichten. Die grössten Schmerzen verursache nicht das harte Leben auf der Strasse, sondern dass die Familien sie verstossen – zunächst die Eltern, später die eigenen Kinder. «Die beiden Töchter von Rebecca etwa wollten nichts mehr von ihrer Mutter wissen und blieben selbst der Beerdigung fern, obwohl Rebecca sie grossgezogen hat. Die fünf Söhne von Consuelita rasierten ihr den Kopf, als sie erfuhren, dass sie immer noch Sex gegen Geld anbietet. Bei uns liess sie ihre Haare bis zum Tod frei wachsen. Sie starb an Aids, aber eher an gebrochenem Herzen.»

Sie trägt Geschichten mit sich, die einem das Herz brechen, aber auch wieder kitten.

Es gibt auch die anderen Geschichten, die guten. Guadalupe traf vor dem Altersheim die Liebe ihres Lebens und zog mit dem Mann nach Acapulco. Der Sohn von Carmelita besuchte sie plötzlich, nach Jahrzehnten ohne Kontakt. «Es fiel ihm schwer, eine betagte Hure als Mutter zu haben, aber jetzt sieht er sie regelmässig. Beim Erdbeben 2017 kam er mit dem Fahrrad, um sie zu retten.»

Keine vereint Drama und Happy End wie Norma, die Frau mit dem grauen kurzen Haar, findet Vargas.

Normita, wie sie sie nennt, trägt Tausende kleine Geschichten mit sich, die einem das Herz brechen, aber auch wieder kitten. Norma erzählt diese Geschichten in Etappen, in ihrem Zimmer, einem achtzehn Quadratmeter grossen Raum mit Bett und Schrank, der in seiner Schlichtheit an ein Kloster erinnert. Sie muss erst Vertrauen gewinnen, mit Männern tut sie sich schwer. «Johnny», sagt sie zum Reporter, weil jeder ausländische Mann für sie Johnny ist.

«Mein Sohn Ricardo denkt, ich bin seine Tante. Ich wage nicht, ihm die Wahrheit zu sagen.»Norma Sánchez, Ex-Prostituierte

«Johnny, ich wurde vergewaltigt mit neun, verliess mein Zuhause mit vierzehn, begann mein Leben als Hure mit fünfzehn, hatte mein erstes Kind mit sechzehn, Maria Carmen, und gab es ab an meine Mutter.»

Es klingt wie der Einstieg zu einem Höllenritt. Schon als Minderjährige bestach Norma Polizisten, um anschaffen zu dürfen. Die Puffmutter gab sie als Nichte aus, die nur beim Putzen helfe. Mit zwanzig hatte Norma ihr zweites Kind, Fabiola, das ihr von einer Frau geraubt und in die USA verkauft wurde. Sie bekam ein drittes Kind, Ricardo, und überliess es dem Erzeuger, einem Politiker. Sie hatte ein viertes, Guadalupe, und überliess es dem Freier, einem Kaufmann, dessen Frau kein Kind bekommen konnte.

«Heute habe ich nur zu einem Kind Kontakt, Ricardo. Er denkt, ich bin seine Tante. Ich wage nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Keins der Kinder weiss, dass ich hier bin. Vielleicht habe ich schon Urenkel?»

Ist es eine Störung – oder ist es das Leben?

Über ihren Unterarm ziehen sich Narben – die Spuren von vier Suizidversuchen. Auf einem Auge ist sie blind – das Resultat eines Überfalls. Über ihrer Brust kreuzen sich die Narben einer Messerattacke durch einen Freier. Ihr Körper erzählt das Leben.

Nach dem letzten Selbstmordversuch, 2010, strandete sie hier, sie war am Ende ihrer Kräfte. «Ich habe alles erlebt in dieser Welt, Johnny, aber am meisten schmerzt der Verkauf meiner Tochter», flüstert sie durch ihre letzten Zahnstümpfe. «Ich würde sie gern suchen.»

Jetzt laufen Tränen, die sich bei ihr oft abwechseln mit einem bellenden Lachen, jenes heftige Auf und Ab, das die Ärztin des Heims für eine Störung hält – und Norma für das Leben. Wie in allen Gesprächen in der Casa Xochiquetzal offenbart sich auch bei Norma eine Mischung aus Bedauern und Dankbarkeit, dass es Prostitution gibt. Die Arbeit gab ihnen, den Analphabetinnen und Ausgestossenen, das Dach über dem Kopf und das Essen für die Kinder. Aber sie hätten es lieber anders gehabt.

Norma trifft immer noch Herren, für die «Aufbesserung der Pension».

Im Heim aber kann Norma sein, wie sie ist – nach einem langen Leben der Lügen, Täuschungen, des Vorspielens und Verschweigens. Vor den Freundinnen muss sie sich nicht rechtfertigen. «Ich bin, was ich bin: eine Hure im Ruhestand», sagt sie. «Oder fast.»

Der Abend senkt sich früh. Aus der Küche dringt der Duft frischer Zimtschnecken, das Werk eines Workshops. Draussen im grössten Rotlichtdistrikt der Stadt, zwischen Häusern aus dem 16. Jahrhundert, beginnt wieder der zähe Kampf um die Freier.

Für Norma sollte es die Zeit für Brettspiele sein. Für einen Film. Einen ruhigen Abend. Aber sie geht los zum Park an der Metrostation Hidalgo, zu ihrem «Büro». Hier trifft sie ausgewählte Herren, die sie respektvoll «Jefa» nennen, Chefin, für die «Aufbesserung der Pension». Der Rücken schmerzt, sie greift nach dem Gehstock. «Keiner zwingt mich», sagt sie.

«Wenn die Frauen nebenbei arbeiten wollen, ist das ihnen überlassen.»Jesica Vargas, Leiterin Altersheim

«Wir haben zur Prostitution keine Haltung», sagt Leiterin Vargas, als Norma geht. «Wenn die Frauen nebenbei arbeiten wollen, ist das ihnen überlassen.»

Norma braucht das Geld für einen letzten Traum, eine Hütte auf dem Land. Auf dem Streifen Erde im Staat Jalisco, wo ihre Mutter sie einst auf die Strasse setzte. 200 Dollar hat sie zusammen. 4000 braucht sie. Sie will dort ein paar Tiere haben, einen Gemüsegarten mit Tomaten und Koriander, um Tacos zu machen mit Rinderleber und einer Sauce aus Chili und Sonnenblumenkernen.

Vor kurzem wurde Norma zu einer Familienfeier eingeladen, die Hochzeit ihrer Nichte. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ohne Kontakt zur Familie sah sie eines ihrer Kinder wieder. Sie sagt: «Eins weiss ich. Ich werde mit einem Lächeln auf den Lippen sterben.»

(Das Magazin)

Erstellt: 27.07.2019, 16:49 Uhr

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