«Mein Sohn, ich muss mit dir über Pornos sprechen»

Wie soll ich als analoger Urmensch dem jungen digitalen Zukunftsbewohner das mechanische Gerammel der Gegenwart erklären?

Das Gespräch über den fatalen Sog der Bilder im Netz ist schwierig für Eltern: Ein Junge ist schockiert von dem, was er sieht. Foto: iStock

Das Gespräch über den fatalen Sog der Bilder im Netz ist schwierig für Eltern: Ein Junge ist schockiert von dem, was er sieht. Foto: iStock

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Das grosse Kind setzt sich zu mir aufs Sofa. Was nicht mehr so häufig vorkommt: Mein Sohn ist 13, ich bin zurzeit nicht so interessant für ihn. Verstehe ich. Aber jetzt gerät er in meine Nähe, weil ich eine Fernsehserie gucke, die ihn anzieht. Es geht um Spione, Waffen und Verrat, und nach zehn Minuten gibt es eine Sexszene. Ich weiss noch, wie furchtbar ich in seinem Alter die gleiche Situation mit meinen Eltern fand. Also sage ich recht ungeschickt: «Hihi, bisschen unangenehm, oder?» Also, SEHR ungeschickt. Mein Sohn seufzt. «Bis eben nicht», antwortet er trocken.

Wir gucken einen Moment weiter, und dann denke ich: jetzt oder nie. Wir sind allein, schon fast im Thema, und irgendwann muss ich es sowieso tun. «Das Gespräch» haben wir vor Jahren schon geführt, und ich weiss nicht, ob ich es viel besser gemacht habe als mein Vater damals. Er machte mit mir einen Spaziergang im Park und schwadronierte dort auf einer Bank über «schöne Gefühle», bis ich jede Rippe meiner Cordhose auswendig kannte.

Der Sohn guckt alarmiert

Was Eltern damals noch nicht mussten: das zweite Gespräch führen. Über Pornografie, was sie ist und was sie macht und wie man damit umgeht und warum nicht oder wenn, na ja. Als ich Kind war, hatte mein Freund Sille eine Lui-Ausgabe, in der Aerobicstar Sydne Rome sportlich lächelnd nackt mit einem Fisch posierte. Heute hingegen kannst du quasi mit jedem Toaster die härteste denkbare Pornografie mit allen Sexspielarten in allen anatomischen Möglichkeiten abrufen. Was macht das mit einem 13-Jährigen, und was sagt man dazu?

Ich pausiere die Serie, und mein Sohn guckt alarmiert. Normalerweise bedeutet dies einen Vortrag von mir zu zeitgeschichtlichen Hintergründen, den er über sich ergehen lässt. Nun aber sage ich entschlossen wie beim Pflasterabreissen: «Ich muss noch mal mit dir über Internetpornos reden.»

Einmal haben wir das schon getan, als er mit elf meinen alten Laptop bekam. Aber damals interessierte ihn nur Minecraft, und sein Entsetzen schon bei Bildern halb nackter Frauen in Spam-Mails schien mir absolut echt. Mein Hinweis damals: Lieber nicht aus Spass nach «Sex» und «Porno» suchen, weil das, was man da sieht, einen sehr verunsichern kann. Damals war es, als hätte ich ihm gesagt, er solle sich lieber nicht den Fuss abhacken, weil das Schwierigkeiten beim Laufen bereiten könnte: Er wäre nicht draufgekommen, es zu tun.

Ich möchte meine Kinder sexpositiv erziehen, aber die Internetpornografie ist vor allem eins: sexnegativ.

Aber natürlich beschäftigt mich das Thema weiter. Es gibt relativ alarmierende Studien darüber, wie Internetpornografie süchtig macht, und dass sie insbesondere die sexuelle Entwicklung von Jungen und jungen Männern stört. Und wie soll eine 13-jährige Seele mit diesem Gefühl der Traurigkeit, der Leere und der Selbstabneigung umgehen, das mich umfängt, wenn ich die fleischfarbene Briefmarkensammlung auf den gängigen Porno­seiten betrachte? All die hart rangenommenen Stiefschwestern, die «gerade in Deutschland besonders beliebt» sind, wie die einschlägige Unterrubrik heisst, die «100 besten Cumshots», die gerade als millionste derartige Sammlung hochgeladen worden sind, die «Mega-Schwänze», die von «unschuldigen Teenies» bestaunt und gerade besonders gut geklickt werden.

Ich möchte meine Kinder sexpositiv erziehen, wie das heute heisst, aber die Internetpornografie ist vor allem eins: sexnegativ. Angesichts all dieser Körperverrenkungen, Körperflüssigkeiten, Körperöffnungen erscheint mir der Mensch mit seinem Begehren schon nach wenigen Sekunden grotesk und abschreckend, und wenn ich das mit über 40 so empfinde, wie soll das erst ein 13-Jähriger verarbeiten, dessen Blick noch längst nicht so abgestumpft ist?

Er sieht mich an und sagt: «Du musst nicht Internetporno sagen, Papa. Es gibt eigentlich keine anderen Pornos mehr.» Stimmt natürlich. Aber ich sage auch noch «Internetvideo», als müsste ich es von der VHS unterscheiden. Wie soll ich, ein Urmensch aus der Höhle des Analogen, dem digitalen Zukunftsbewohner überhaupt das mechanische Gerammel der Gegenwart erklären? «Ich mach mir ein bisschen Sorgen», sage ich, «dass du durch die Internetpornos ... also, durch Pornos einen falschen Blick auf Sex und die Liebe bekommst.»

Das Wort «Erfahrungen» in diesem Satz klingt schrecklich verdruckst und ausserdem: Das ist seine Privatsphäre.

Das hätte noch weitergehen sollen, aber er unterbricht mich, mit leicht satirisch leiernder Stimme: «Ja, das ist alles nur so mechanisch und rein körperlich, und in der Wirklichkeit ist das ganz anders, und eigentlich kann man mit Sex auch richtige Gefühle ausdrücken, Liebe und Leidenschaft, und in Pornos ist das halt völlig unrealistisch, ich weiss, und in Wahrheit sieht auch keiner so aus, das sind Schauspieler.»

«Ihr habt in der Schule darüber gesprochen.»

«Ja. Und du hast so was auch schon mal gesagt. Und ich bin ja auch nicht bescheuert.»

Einen Moment überlege ich, ob ich ihn fragen soll, was er denn bisher schon für «Erfahrungen» gemacht hat mit Pornos, aber das Wort «Erfahrungen» in diesem Satz klingt schrecklich verdruckst und dumm, zu klein und gross zugleich, und ausserdem: Das ist seine Privatsphäre.

Er blickt recht sehnsüchtig auf das angehaltene Fernsehbild. Aber ich bin noch nicht fertig. Seit einigen Jahren geht der Trend auf den Pornoseiten zum Amateur-Content, also zu Videos, die relativ normale Menschen beim Sex zeigen. Eigentlich erst mal eine gute Sache, denn die Perfektion, das Sportliche, das Mechanische - das fällt beim Amateurporno grösstenteils weg, könnte also ein Fortschritt sein. Aber auch die Amateurpornos sind so wahnsinnig schnell frauenfeindlich, verachtend und Gewalt verherrlichend. Porno hat ein Menschenbild, das ich niemandem wünsche, vor allem nicht meinen Kindern.

Wie unterscheidet man zwischen einem lustvollen Schmerzensschrei und einem gequälten?

Zum Beispiel: Wenn einem auf einer gängigen, für 13-Jährige sofort zugänglichen Sexseite acht Oralsex-Videos angeboten werden, ist bei mindestens einem im Titel die Rede davon, eine «Bitch» oder eine «Schlampe» würde «bestraft», müsste «würgen», sie werde «zerstört» oder «gedemütigt». Zum Teil verbergen sich Filmchen hinter diesen Titeln, die mir an sich recht liebevoll erscheinen und bei denen offenbar beide Freude an ihrem Sex haben. Dennoch werden auch solche Videos gern mit reisserischen Formulierungen verkauft.

Die Botschaft, die immer mitklingt, ist: Gewalt von Männern und Erniedrigung von Frauen gehören zum heterosexuellen Sex. Und hin und wieder stehen dahinter wirklich Filme, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob der Widerwille der Frau gespielt, also Teil einer einvernehmlich ausgelebten Sexfantasie ist, oder ob hier nicht vielmehr einer anfangs noch Freiwilligen das alles zu viel und zu unangenehm wurde.

Wie steht man zu seinem Begehren, wenn man die hässlichste Fratze der männlichen Lust gesehen hat? Wenn man 13 ist?

Es gibt Formen von Gewalt und Grenzüberschreitungen, die im Porno allgegenwärtig sind und für den Zuschauer kaum einzuschätzen: Ist das eine liebevolle Szene zwischen zwei Menschen, die beide damit einverstanden sind, oder ist es ein Racheporno, den der Mann nach dem Ende der Beziehung ins Netz gestellt hat? Wie unterscheidet man zwischen einem lustvollen Schmerzensschrei und einem gequälten? Und wohin geht man mit sich, wenn man einmal auf einen Film geklickt hat, in dem zum Beispiel eine thailändische Prostituierte unbestimmten Alters einen weissen Mann und sein Begehren bestenfalls stoisch über sich ergehen lässt? Und wie steht man danach zu seinem eigenen Begehren, wenn man die hässlichste Fratze der männlichen Lust gesehen hat? Wenn man 13 ist?

Neben mir sitzt also ein Kind, dem ich all das ersparen will: einerseits diesen Abgrund der Unmenschlichkeit, andererseits den Gedanken, dass Sex meistens so ist. «Weisst du», sage ich, «es ist nicht nur das. Es ist eben auch, dass man sehr schnell auf Filme trifft, bei denen Menschen nicht freiwillig mitgemacht haben, oder wo Frauen gar nicht wollen, dass das ins Internet kommt.» Ich zögere, weil mir meine Worte unzulänglich vorkommen und weil ich merke, dass mir die Rolle als souveräner Vater entgleitet. Ich fühle mich hilflos, und ich höre mich auch so an.

Der Alte ringt mit sich

«Okay?», sagt mein Sohn, aber eher abwartend als ungeduldig. Ich glaube, er merkt: Der Alte ringt mit sich, also muss es was Wichtiges sein. Mein nächster Versuch: «Es macht was in einem kaputt, wenn man das sieht.» Aber er hört mir jetzt richtig zu. «Also ... sei bitte vorsichtig. Und sag mir, wenn dich da ... wenn dir was auffällt. Oder wenn du Fragen hast.» Womit ich am Ende den lahmsten aller Schlusspunkte gewählt habe: die elterliche Ein­ladung zur pubertären Fragerunde, selten bis nie von der Zielgruppe angenommen. Und dann noch dieses so universelle wie vergebliche «Sei bitte vorsichtig», Vater aller Elternwünsche. Ich spüre die Niederlage in den Knochen.

Aber es ist gar keine. Mein Sohn sieht mich an, es ist gar nicht viel Zeit vergangen. Nach einer Weile sagt er: «Okay, Papa. Ich merke, dass dir das wichtig ist.» Er sagt es ernst, ohne den ungeduldigen Sarkasmus, der sonst seine Standardeinstellung ist. Mehr, denke ich, kann ich nicht erreichen, als dass er das merkt. Für mich ist es viel. Und ich bin ganz froh.

Leider können wir die Serie dann nicht mehr weitergucken, denn es ist spät, Schlafenszeit, und er ist ja noch ein Kind.

Erstellt: 16.11.2018, 16:20 Uhr

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