Sie liebte drei Jahrzehnte lang einen verheirateten Mann

Er war der Direktor des Spitals, Franziska seine Drittfrau. Chronik eines «gottlosen» Lebens.

«Wir waren Freundinnen, liebten den gleichen Mann, ohne dass sie es wusste, ab und zu hütete ich ihren Papagei»: Vom Leben gezeichnete Hände. Symbolbild: iStock

«Wir waren Freundinnen, liebten den gleichen Mann, ohne dass sie es wusste, ab und zu hütete ich ihren Papagei»: Vom Leben gezeichnete Hände. Symbolbild: iStock

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Eines Nachts, ich hatte Dienst, stand seine Frau vor mir. Fräulein H., wissen Sie, was Sie tun? Sie zerstören eine Ehe. Meine. Wenn Ihre Eltern das wüssten, ehrenwerte Leute. Das war das einzige Mal, dass sie mich darauf ansprach – dass ich die Geliebte ihres Mannes war, er 44, Direktor des Spitals, mein Chef, ich 22, seine Telefonistin.

Ich liebte ihn, hatte kein Mittel dagegen.

Und liebe Paul noch heute, dreissig Jahre nach seinem Tod am 13. Juni 1988. Ich sass neben ihm, streichelte sein Gesicht, das graue Haar, das einst schwarz gewesen war. Dünn war er geworden, schwach und gelb, Paul sprach meinen Namen, Franziska, Franzi, ich sagte, ich habe dich immer geliebt, Paul, du warst, du bist das Beste in meinem Leben, wirst es immer sein, er schlief weg, wachte auf, rief nach seiner Mutter – Müetti, Müetti –, ich streichelte seine Hand, nahm Paul in meine Arme, es war Nacht, ein Montag ohne Wetter und Trost.

Paul, nimm mich mit.
Lieber Gott, betete ich, lieber Gott, wenn es dich gibt, dann lass mich mit ihm sterben.
Ich schäme mich nicht.
Und bereue nichts.

Manchmal, nachts in meinem Bett, höre ich seine Stimme – dein Weg, sagt Paul, war meiner und meiner deiner. Manchmal sagt er, du kannst das, Franzi, du kannst das.

Was war gut in meinem Leben?
Nach 84 Jahren?
Was war richtig?

Vielleicht alles, sogar die Tuberkulose – ich war 16, lebte, weit weg von Eltern und neun Geschwistern, in Bellinzona, 1950, und hatte eben eine Lehre als Telefonistin der PTT begonnen, Post Telefon Telegraf, als mich ein Brief des Betriebsarztes erreichte, das Schirmbild meiner Lunge zeige Spuren von Tuberkulose, noch nicht offen, hoch ansteckend, man könne mich nicht weiter beschäftigen und bedauere sehr. Ich rief meine Eltern an – wenn ich an meiner Mutter etwas nicht mochte, dann dies, dass sie sofort weinte. Wie ich – bis heute. Mein Vater, der Dorfschmied, mein schöner guter Vater, der im Kasino Kulissen schob, wenn sie «Gräfin Mariza» spielten oder «Die lustige Witwe», mein Vater, der an Fronleichnam den Himmel trug, das helle Tuch, unter dem der Pfarrer durchs Dorf ging, Papa sagte, komm nachhause, Mädchen, wir finden einen Weg. Den gibt es immer.

Mein Weg

Abends, wenn er aus der Schmiede kam, stellte er sich an den Schüttstein in der Küche, zog das Hemd aus, wusch sich die Brust, die Arme, das Haar – jeden Abend wusch sich mein Vater das Haar. Und ich dachte, Franziska, du hast den schönsten Vater im Dorf. Jeden Abend trat er an unsere Betten, tauchte den Finger ins Weihwasser, zeichnete ein Kreuz auf unsere Stirn, wünschte gute Nacht.

«Vielleicht dachten sie, Paul sei das Quantum Glück, das ich, ihr viertes von zehn Kindern, verdiene.»

Einmal, da war ich vielleicht sechs und teilte das Zimmer mit meiner Schwester Fini, die bereits zur Schule ging, fand er mich heulend im Bett. Mädchen, warum weinst du?

Ich schwieg.
Franziska, sag mir, was dich quält.
Ich schüttelte den Kopf und heulte.
Ich möchte wissen, was du hast, sagte mein Vater, sprich, damit du schlafen kannst.
Die dort drüben hat gesagt, ich sei so dumm im Kopf, dass ich nächstes Jahr, wenn ich in die Schule komme, direkt zu Fräulein Schlumpf in die Hilfsklasse muss.
Fini, hast du das gesagt?
Hab ich nicht.
Was hast du denn gesagt?
Gar nichts.
Sag mir die Wahrheit.
Gar nichts habe ich gesagt, die Fränzle erfindet ständig solches Zeug.
Dann drehte sich mein Vater zu mir und sagte, Franziska, dass du so lügen kannst – Und ich dachte, mein Vater ist nicht nur der schönste, sondern auch der gemeinste.

Langweile ich?

Jahre später, ich war zehn, sass ich mit Brüdern bei Eile mit Weile, da befahl mir Vater, leere Flaschen in den Keller zu tragen.

Ich kann jetzt nicht.
Weshalb nicht?
Weil die sonst bescheissen, während ich im Keller bin.
Franziska.

Ich stand auf, nahm die Flaschen, stellte sie unter die Treppe, nicht in den Keller. Vater sah es, trat zu mir, ich bückte mich und rannte weg, schlug meinen Kopf gegen den Ofen. Blut lief über mein Gesicht, meinen Hals, meine Hände, Vater zog mich zum Schüttstein, wusch mir die Stirn, holte Schnaps, goss ihn über die Wunde, Mutter brachte Tücher, und Vater sagte, das Kind verblutet, wir müssen zum Arzt. Dann schob er mich zum Velo, es war Samstagabend, Vater setzte mich auf den Gepäckträger und fuhr in die Stadt, der Arzt, ein Bekannter, holte Nadel und Faden, nähte die Wunde – was ist denn passiert?

Dumm gelaufen, log der beste Vater dieser Welt.

Mit zwei Jahren im Sanatorium, hatte der Lungenarzt gesagt, sei zu rechnen. Vater brachte mich zum Bahnhof, ich weiss nicht, ob er weinte.

Papa winkte.
Dann drehte er sich weg.
Und ging.

Hinter Landquart, im Zug nach Davos, schlossen sich die Berge – vielleicht siehst du jetzt dein Dorf nie mehr, deine Eltern, deine Geschwister. Ich war 16, konnte kaum atmen.

Vier Jahre war ich in Davos, 1950 bis 1953, zuerst im Sanatorium Albula, geleitet von Nonnen aus Cham, Frühstück um 8 Uhr, dann zwei Stunden liegen in der Höhenluft, lesen oder stricken erlaubt, wieder liegen von 13.30 bis 15.30 Uhr, steif und stumm, Männer und Frauen getrennt, dann Tee, liegen von 17 bis 18 Uhr, Streptomycin, Rimifon, manchmal rief ich zuhause an und wollte reden, konnte nicht.

Liebe Franziska, endlich komme ich dazu, dir einige Worte zu schreiben. Wir haben eine solche Ordnung im und ums Haus, dass ich gar nicht aus der Arbeit komme. Lege noch 4 Stg. Wolle bei für 1 Paar Kniesocken für Josef. 1 Paar noch etwas kleiner, aber nicht viel, für Ruedi. Liebe Franziska, vielleicht könntest du noch das rosa Jäckli auftrennen und ein Unterleibchen daraus stricken wie Muster für Arminli. Wie geht es sonst? Hoffe, dass es jeden Tag etwas besser geht. Man muss halt einfach Geduld haben. Wenn es nun auf der einen Lungenseite schon ordentlich gut geht, wird es auf der anderen auch besser kommen. Wenn es ja nur auf natürlichem Wege wieder bessert und keine Operation dazu kommt. Nun habe doch recht guten Mut. Gewiss kommt alles wieder gut. Nachher ist es dann umso schöner. Also viele lb. Grüsse von allen Geschwistern, besonders Vater & Mutter.

Und Vater fragte, du weisst doch, dass nicht gut ist, was du tust?

Sie warfen mir nie vor, dass ich Pauls Geliebte war. Vielleicht dachten sie, Paul sei das Quantum Glück, das mir zur Verfügung stehe, das ich, ihr viertes von zehn Kindern, verdiene, Franziska, die Schüchterne, schmal und dünn und leise.

Mutter sagte einmal, Franziska, du bist ja so viel jünger als der.
Und Vater fragte, du weisst doch, dass nicht gut ist, was du tust?
Aber ich sah, wie sehr sie litten, weil ich liebte, wie zu lieben sich nicht schickte.
Was war falsch mit mir?

Später, längst pensioniert, zog Paul zu uns ins Dorf, wohnte nur Minuten neben meinen Eltern, hob den Hut, wenn er Mama sah, plauderte mit Papa. Pauls Frau, ein freundlicher Mensch, stets gut gekleidet, trank mit Mutter Kaffee, ass von ihrem Kuchen, lobte ihre Geranien.

Du weisst, dass nicht gut ist, was du tust?, fragte Papa.
Ich kann nicht anders.
Papa nickte.
Und drehte sich weg.

Seit ich ihn sterben sah, fürchte ich das Sterben nicht. Mein Vater starb in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1974. Alle zehn Kinder waren nach Hause gekommen, Franz aus Amerika, Rosa aus Afrika, Elmar aus England. Papa, 79 Jahre alt, lag im Spital und wurde täglich schwächer, seine Bauchspeicheldrüse. Abends um elf stand ich an seinem Bett, Mama neben mir und Franz, der katholischer Pfarrer gewesen war, ehelos, und nun Vater zweier Söhne. Papa sah ihn an und sagte, Franz, du weisst, wie ich denke, ich kann nicht anders, ich war einst stolzer Vater eines Priesters, aber geh den Weg, der für dich stimmt, es gibt keinen anderen.

Jemand setzte Pauls Asche in das Grab seiner Frau, die er geliebt hatte und nie verlassen.

Und ich dachte, bald redet er, weil ich nur eine Geliebte bin, zu mir, Franziska, du weisst, wie ich denke – Papa sah mich an, er lächelte, lächelte, schwieg, drehte sich zu Mama und tastete nach ihrer Hand, ich danke dir, dass du mich getragen hast. Dass du mir das Leben möglich machtest, das ich leben wollte. Du bist der beste Mensch auf Erden, das Geschenk meines Lebens.

Ich ging aus dem Zimmer, weinte, zog den Bruder in den Gang, liess meine Eltern allein, es war Mitternacht. Nach zehn Minuten öffneten wir die Tür – Vater war gegangen, Papa war tot, die schwielige Hand in der seiner Frau.

Daran dachte ich, als Paul starb, 14 Jahre später, mein Geliebter, mein Mann.

Der mir verboten hatte, die Nachricht von seinem Tod in die Zeitung zu setzen. Keinen Pfarrer wollte er, keine Musik, keine Reden, vielleicht ein Gedicht. An seinen Abschied, die Feier im Friedhof, erinnere ich mich kaum, einige Geschwister waren gekommen, Elmar, Rosa, Josef, Armin, Werner, Fini, jemand setzte Pauls Asche in das Grab seiner Frau, die er geliebt hatte und nie verlassen.

Ein Freund, Schauspieler von Beruf, las Gryphius, ich weiss nur, dass ich schluchzte am Arm eines Bruders.

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit, ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid, ein bald geschmolzner Schnee und abgebrannte Kerzen.

Wer darf lieben?

An einer Fasnacht, zur Freude der Kranken, übte eine Nonne ein Lustspiel ein, Michael und ich, von der Schwester dazu bestimmt, gaben ein Liebespaar, er 20, ich 18, beide tuberkulös – und verliebten uns wirklich, ich war glücklicher denn je. Wir hielten uns an den Händen, küssten uns im Verborgenen, bis mich der Anstaltspfarrer in sein Zimmer holte, dieses Geschlecke sei des Teufels, weil wir, Michael und ich, TB hätten, eine Krankheit, die sich vererbe, Fräulein Franziska, Kinder dürfen Sie nie haben, aus Ihnen wird nichts, am besten, Sie gewöhnen sich daran.

Dann befahlen sie Michael in ein anderes Haus am Rand von Davos, manchmal, zur abgemachten Zeit, rief ich ihn an, hörte seine Stimme, seine Liebe und das Knacken der Leitung, wenn die Nonne mitlauschte, Schwester Adelrike.

Heimliche Liebe: Ein Paar küsst sich. Foto: Getty Images

26. 6. 52 Liebe Franziska. Wollte dir noch schnell mitteilen, dass du das Körbli für Kirschen gleich wieder zurückschicken sollst, damit ich es auf Sonntag wieder schicken kann. Werde dir auch noch etwas Garn schicken, damit du die Zeit ausfüllen kannst. Lb. Grüsse von allen deinen Geschwistern. Grossmutter ist für paar Tage zu Tante Annie in die Ferien. Also nochmals lb. Grüsse, Vater & Mutter.

Irgendwann, nach zwei Jahren im Sanatorium Albula, meinten die Ärzte, ich sei nun fähig, die Klinik zu verlassen, nicht aber Davos und seine Luft, ich wurde Kindermädchen, lebte bei einer Familie im Dorf, ging jeden Montag zur Kontrolle ins Albula – Rückfall nach vier Monaten. Wieder war ich im Sanatorium, lag wieder auf einer Liege, jetzt helfe, sagte der Arzt, nur noch ein Pneumothorax, man stecke mir eine Hohlnadel zwischen die Rippen, führe Luft in den Brustkorb und bringe so meine kranke rechte Lunge zum Kollabieren, dann müsse sie nicht atmen, sei ruhig gestellt, könne schneller heilen.

Ich schwitzte vor Angst, wenn sie die Nadel steckten, zweimal die Woche.

Fräulein Franziska, ein kleiner Teil Ihrer Lunge ist verklebt, vernarbt. Das lässt sich beheben, ein kurzer Eingriff nur – es roch wie in Vaters Schmiede, wenn er den Pferden glühende Eisen anpasste.

Michael rief nicht mehr an. Vier Jahre war ich in Davos, 1950 bis 1953, dann reiste ich zurück ins Haus der Eltern, das neue Fenster hatte, neue Türen, neue Böden, mach das Kaufmännische, sagte Mama. Werde Stewardess, sagte ein Onkel.

Sehr geehrtes Frl. H., ich würde Sie gern zu einem Vorstellungsgespräch einladen.

Jede Woche fuhr ich im Zug nach Zürich, liess mir eine Nadel setzen, Luft in den Brustkorb pressen.

Er habe sich erkundigt, sagte der Onkel, die Swissair stelle keine Leute an, die TB haben.

Und eines Tages legte mir der älteste Bruder, Schmied wie mein Vater, die Zeitung hin, hier, sagte er, Telefonistin gesucht. Wir setzten uns an den Tisch, mein Bruder und ich, und schrieben einen Brief, 14. 6. 53, sehr geehrter Herr Direktor K., hiermit bewerbe ich mich um die angezeigte Stelle als Telefonistin im Bezirksspital M. Zwar werde ich erst zwanzig Jahre alt, glaube aber, Ihren Anforderungen zu genügen.

Was war schlecht in meinen 84 Jahren?

Sehr geehrtes Frl. H.
Ihre Bewerbung vom 14. d. M. habe ich dankend erhalten und würde Sie gern zu einem Vorstellungsgespräch einladen.

Papa brachte mich zum Bahnhof, ich nahm den Zug nach M., stand eine Stunde zu früh im Spital, Gebäude B, Verwaltung/Direktion – wagte nicht, mich zu setzen. Endlich ging eine Tür, ich sah einen Mann, schwarze Hose, schwarzer Kittel, er hinkte, sah mich warten, fragte, zu wem ich möchte.

Zu Herrn Direktor K.
Dann kommen Sie mit.

Er schob mich in sein Büro, setzte sich an seinen Tisch und las meine Bewerbung, fragte plötzlich, Fräulein H., aber wo waren Sie in den letzten Jahren?

Vielleicht, denke ich, war Davos der Preis, den ich zahlte, um ein Leben lang zu lieben.

Wo waren Sie in den letzten Jahren?
Ich begann zu weinen.
In Davos.
Er tat, als sähe er meine Tränen nicht.
TB?
Ich nickte.

14 Bewerbungen habe er erhalten, sagte Paul, und meine sei so gültig wie jede, er lasse von sich hören.

Mein Fräulein, das hatte ich auch, sagte Paul, Knochentuberkulose. Deshalb gehe ich so seltsam, watschle wie eine Ente. 14 Bewerbungen habe er erhalten, sagte Paul, und meine sei so gültig wie jede, er lasse von sich hören.

Am 1. September 1953 begann ich im Bezirksspital M., war eine von fünf Telefonistinnen, die jüngste, fuhr jeden Abend im Zug zurück ins Dorf, wohnte im Haus der Eltern. War Nachtdienst, blieb ich im Spital, 19 bis 7.30 Uhr, legte mich, wenn nichts zu tun war, auf das Bett nebenan. Manchmal trat Paul ins Büro, Direktor K., und wünschte alles Gute und Schöne, ging dann hinüber in seine Wohnung, Parterre.

Paul und seine Frau hatten keine Kinder.
Eines Nachts stand sie vor mir. Fräulein H., Sie zerstören meine Ehe.

Einmal, Jahrzehnte später, sagte sie, ich sei ihr wie eine Tochter – sie schenkte mir einen Ring, bestückt mit kleinen Brillanten. Am Abend des 10. September 1987, Paul und seine Frau, beide hinfällig, lebten seit Monaten im Heim, stürzte sie im Gang und brach sich den Schenkel, rief ich den Krankenwagen, folgte ihr nach Zürich ins Spital, hielt ihre Hand, bis sich nachts um drei ein Chirurg zu ihr beugte – sie überlebte nicht.

Ich sass an ihrem Bett, als sie starb, Stunden nach dem Eingriff, 82 Jahre alt.
Dann fuhr ich zum Heim.
Nänni, schluchzte Paul, Nänni – Nänni hatte er sie genannt.
Nänni war ein grosser Mensch, sagte ich.

Paul, zum Schreiben kaum fähig, schrieb: An den Folgen einer Notoperation ist am 11. September 1987 meine geliebte Gattin sanft entschlafen. Gott gebe ihr die ewige Ruhe. Für die trauernden Hinterbliebenen, der Gatte: Paul K.

Du weisst doch, was der in Zürich macht?, sagte sie. Seine Geliebte besuchen.

Eine Kollegin, die mit mir im Büro sass, Gebäude B, Verwaltung/Direktion, Parterre, lachte, Kleine, pass auf dich auf.

Pass auf dich auf?
Ab und zu brachte mich Paul in seinem Auto nach Hause, fuhr dann weiter nach Zürich.
Du weisst doch, was der in Zürich macht?, sagte sie. Seine Geliebte besuchen.

Paul war ein schöner Mann.
Paul liebte die Frauen – das gibt es.
Die Frauen liebten ihn – das gibt es.

Eines Abends, nach der Weihnachtsfeier im Spital, vielleicht 1954, bot er an, mich nach Hause zu fahren, in der Telefonzentrale, sagte er, lebe ein neuer Geist, seit ich zur Gruppe gestossen sei, ich käme ihm vor, sagte Paul, wie ein Engel, und ungefähr so, Fräulein Franziska, sehen Sie aus, er umarmte mich, streichelte kurz mein Gesicht.

Ich war zwanzig, er 42, verheiratet, Direktor.
Ich darf dir doch du sagen.

Wieder und wieder brachte er mich ins Dorf, Paul erzählte, dass er seinen Vater, der starb, als er, Paul, fünf war, nicht gekannt habe, dass er, kaum war der Vater tot, an Tuberkulose erkrankte, Knochentuberkulose, und dann in Leysin lebte, sechs Jahre lang, 1300 Meter über Meer, und sich endlich, mit zwanzig, das rechte Bein versteifen liess, Franzi, bestimmt weisst du längst, weshalb ich oft in Zürich bin.

Paul küsste mich auf den Mund, streichelte mein Haar.

Sie besuchen dort, heisst es, eine Dame.
Stört es dich?
Sollte es das?

Eine Kollegin, Leiterin der Telefonzentrale, wurde pensioniert, mach du das fortan, sagte Paul, du bist die neue Chefin.

Mach du das, sagte er, als die Buchhalter sich mit Lochkarten quälten.
Als die Bibliothekarin schwanger war.
Dann –

Eines Nachts, ich hatte Dienst, kam er ins Büro, er sei froh und glücklich, sagte er, dass ich hier sei – Paul küsste mich auf den Mund, streichelte mein Haar, ging hinüber zu seiner Frau, sieben Jahre älter, aus reichem Haus.

Ich weiss nicht, was ich dachte.
Ob ich etwas dachte.
Es war gut.
Dann –
Liebe auf dem Bett der Telefonzentrale –

Liebstes, ich möchte dich gern am Sonntagabend um 18.30 Uhr schnell sehen im Café Niederberger. Wenn es zu hat, dann davor. Wenn du nicht da bist, nehme ich an, dass du fort musstest. Und gehe dann auch nachhause. Komm dann aber am Montag zu mir in die Wohnung um 9.30 Uhr. Ich bin allein, falls meine Fensterläden offen sind. Bis zirka 12 Uhr. Ich sehne mich nach dir. Paul. PS. Am Dienstag kann ich leider nicht, ich sage dir dann weshalb.

Vielleicht ist es besser, sie erfährt nicht, wie es um uns steht, sagte Paul.

Ich weiss nicht, was ich dachte.
Ob ich dachte, besser den als keinen.
Ich war glücklich traurig glücklich.

Paul lud mich ein, seine Dame in Zürich zu besuchen, Fräulein Roos im Stadtteil Höngg, er nannte sie Röschen. Sie habe, sagte er, immer zu ihm gehalten, eine gute Freundin sei sie, Einkäuferin des Warenhauses Jelmoli, oft unterwegs in Italien, Frankreich, England, auf Handtaschen und Seidenschals verstehe sich keine besser als sie, sein Röschen.

Vielleicht ist es besser, sie erfährt nicht, wie es um uns steht, sagte Paul, als wir vor ihrer Wohnung standen.

Wer bin ich?
Meine Telefonistin, die beste.

Röschen war nett, sie war lieb, ein guter Mensch – ich wünschte, sie wäre das Gegenteil. Manchmal, wenn er bei ihr war, lag ich zuhause im Bett, wollte weinen. Nie hat Paul mir versprochen, mit ihr zu brechen. Ich war seine Drittfrau. Aus freiem Willen – falls es den gibt.

Wer bin ich?

Manchmal fuhr ich mit Röschen ins Tessin, wo Pauls Frau eine Wohnung besass, einmal fuhr ich mit ihr nach Florenz, wir waren Freundinnen, liebten den gleichen Mann, ohne dass sie es wusste, ab und zu hütete ich ihren Papagei.

Mein Quantum Glück

Im Zug nach M. sass oft ein junger Mann, Student der Physik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, ein leiser Mensch, Franziska, sagte er, begleitest du mich zum Offiziersball?

Ich lachte laut, Offiziersball – und ging mit ihm ans Fest. Mein Beweis, dass es mich gab auch ohne Paul.

Der Student, nach dem Ball, zog mich ins Bett – ich wollte nicht, konnte nicht.

«Du weisst doch, dass ich dich von ganzem Herzen liebe?»: Paul schenkte Franziska einen Ring, den sie heute noch trägt. Symbolbild: iStock

Nach dem Physiker kam der Künstler, ein Maler aus Luzern, Freund eines Bruders, zwei Jahre lang lag ich in seinen Armen – und sehnte mich süchtig nach Paul. Der bereits zwei andere hatte und mich und hie und da eine vierte. War der Künstler im Militär, überliess er mir sein Auto. Damit fuhr ich zur Arbeit im Bezirksspital M., stellte es vor Gebäude B, Verwaltung/ Direktion.

Was das für ein Schlitten sei, fragte Paul.
Ein Triumph.
Wem gehört der?
Einem Freund.
Was für ein Freund?
Meinem Freund.
Und überhaupt, wo warst du am Wochenende?

Und irgendwann begann ich zu denken, ich sei vielleicht mehr als eine Affäre.
Ich sei ihm so wichtig wie Frau und Geliebte.

Papa gefiel es, dass ich ihn sonntags ausführte, nach Huttwil oder Stein am Rhein, Frauenfeld, Schwyz. Einmal fuhren wir nach Einsiedeln, wir traten in die grosse dunkle Kirche, und Vater sagte, wenn schon in Einsiedeln, möchte er zur Beichte.

Eine gottlose Sünderin sei ich, flüsterte der Priester durchs schwarze Gitter.

Könnte ich auch, dachte ich, die seit Jahrzehnten nicht gebeichtet hatte, und zwängte mich in einen Beichtstuhl, erzählte dem Mönch von meinem Weg.

Dass ich einen Verheirateten liebe.

Du sollst nicht begehren deiner Nächsten Mann, neuntes Gebot Mose. Eine gottlose Sünderin sei ich, flüsterte der Priester durchs schwarze Gitter, nicht würdig, bei der Gnadenmutter von Einsiedeln zu beten, eine Ehe haben Sie zerstört, eine Familie, das Leben einer Frau, eine ganze Welt –

Ich stand auf, schwieg und ging und zitterte – habe nie mehr gebeichtet seither.
Wartete auf Vater, wir setzten uns ins Auto, fuhren stumm nachhause.
Mädchen, was hast du?, fragte mein guter Papa.

Was hatte ich?
Wer war ich?

Paul meinte, eigentlich hätte ich noch Besseres verdient.

Fast 17 Jahre Bezirksspital M. – Paul meinte, es sei Zeit, Neues zu wagen, Röschen habe erzählt, bei Jelmoli in Zürich, unter den Warenhäusern das beste, werde die Stelle der obersten Telefonistin frei. Ich bewarb mich, 1970, zog, als ich die Stelle bekam, nach Zürich, Rothstrasse 4, zwei Zimmer, ein Gärtchen. Paul meinte, eigentlich hätte ich noch Besseres verdient, den Umgang mit Menschen, er kenne eine Dame, Wiebke, Leiterin des berühmten Kurhauses Bircher am Zürichberg. Die Kundschaft dort, sagte Paul, sei international, vielleicht ist es gut, du lernst, bevor du dort beginnst, Englisch, vier Monate London, sagte Paul. Er schenkte mir einen Ring, besetzt mit kleinen Rubinen, zum Zeichen dafür, dass ich dir gehöre.

Ich reichte ihm ein Amulett, gemacht aus der Uhrenkette meines Vaters, nimm das, sagte ich, als Pfand meiner Liebe, behalte es, bis ich wieder bei dir bin.

Paul brachte mich zum Flughafen, wir versprachen uns, täglich zu schreiben, 2. August 1971, er war 59, ich 37.

Miss Franziska H.
c/o Mrs C. Russell
51 Addison Avenue London W 11 4 QU
Mein Liebstes, gestern nach dem Abschied glaubte ich, es breche mir das Herz. Du fehlst mir so sehr. Wie bist du gereist? Wie war der Zoll? Wie sieht deine Bude aus? Was sind es für Leute? Schreib mir bitte ausführlich, so wie es dir in den Sinn kommt. Trägst du in London den Ring oder getraust du dich nicht? Es ist nun 3 Uhr morgens. Ich bringe den Brief auf die Post. Ich küsse dich ganz fest. Dein Paul.

Meine Briefe an ihn, Luftpost auf dünnstem Papier, schickte ich an meine Adresse in Zürich, Rothstrasse 4, wo er täglich die Blumen goss, den Kasten leerte.

Liebste, gestern keine Nachricht von dir und heute auch nicht. Ich bin ganz verzweifelt. So weiss ich nicht, was du über Sonntag machst, denn morgen wird bekanntlich keine Post vertragen. Schon steigt die Angst in mir hoch, es sei ein Neuer da und du denkst nicht mehr so sehr ans Schreiben. Vergiss mich nicht, mein Liebling, ich weiss mir nicht zu helfen. Schreib mir 20 x, dass du mich liebst. Röschen muss wohl noch zehn Tage das Bett hüten. Es ist ein Infekt irgendwo, den sie nicht finden. Hoffentlich nicht die Lunge. Nächste Woche gehen meine Frau und ihre Schwägerin ins Tessin. Das wäre so schön gewesen, jede Nacht bei dir zu sein. Wie ich mich geistig und körperlich nach dir sehne, kannst du dir gar nicht vorstellen. Du hast wenigstens Kurzweil & Abwechslung, und bei mir ist nichts los. Schreib mir lang & ausführlich über deine Erlebnisse. Ich bin dann bei dir. Wo bleibt dein Brief? Ich umarme dich fest, Paul.

***

25. 9. 71 Mein lieber Paul. Warum quälst du dich und mich? Ich beginne jeden Tag mit dir, ich halte Zwiesprache mit dem wunderbaren Symbol unserer Liebe, dem Ring. Du weisst doch, dass ich dich von ganzem Herzen liebe. Du solltest das doch spüren, ich spüre, dass du mich liebst, so stark, dass ich täglich neu Trost und Kraft daraus schöpfen kann. Was hast du bloss aus mir gemacht? Eine Frau, die fähig ist, aus ganzem Herzen zu lieben! Liebster, mein Liebster du, ich umarme und küsse dich ganz fest, ganz innig. Lass uns eine schöne Zeit haben, wir lieben uns doch. Ganz deine Franzi.

Ich weiss nicht, wann und wie ich es merkte – dass sie seine Geliebte war.

Verzeih mir, mein Engel, bitte bleib bei mir. Ich werde noch verrückt. Ich habe keine ruhige Minute mehr. Und ich habe Angst, dass Röschen es merkt. Ich komme mir so schlecht vor. Ich küsse dich, dein Paul.

***


Liebste Franzi. Vorhin deine geliebte Stimme zu hören, war wunderbar. Der Blutdruck ist leicht besser, die antidepressiven Mittel waren fürchterlich. Herzklopfen, Schweissausbrüche, Zittern. Ich drücke dich fest an mein Herz, liebste Fanzi, und küsse dich auf alle deine mir so lieben, süssen Stellen und bin dir treu. Paul.

***

16. 10. 71 Ich mache mir ernstlich Sorgen wegen deiner Frau. Geht es ihr gesundheitlich besser? Soll ich ihr einmal schreiben? Oder besser nicht? Ich werde dich heute anrufen, wenn du bei Röschen bist. Was macht Röschen? Geht es ihr wieder gut? Gib mir warm, liebster Paul, küsse mich, liebkose mich, und dann werden wir gut und lange schlafen. Deine Franzi

«Was würdest du sagen, wenn ich dich adoptieren würde. Ich glaube, meine Frau und Röschen wären einverstanden.»Paul in einem Brief

Was würdest du sagen, wenn ich dich adoptieren würde. Ich glaube, meine Frau und Röschen wären einverstanden. Denk doch darüber nach. Es ist keine Heirat, aber doch eine engere Beziehung, und ich würde mein Leben nicht mehr so sinnlos führen. Franzi, du bist der gütigste und selbstloseste Mensch, den ich kenne. Ich liebe dich mehr als mein Leben.

Am 1. Dezember 1971 begann ich im Kurhaus Bircher, Schreberweg 9, Zürich, ich war stellvertretende Leiterin, Wiebke die Chefin, eine Frau aus Berlin, jünger als ich.

Vergeht es irgendwann?

Ich weiss nicht, wann und wie ich es merkte – dass sie seine Geliebte war.

Manchmal fuhr er vor, ich stand am Fenster und wusste, dass auch sie am Fenster stand – und jede hoffte, sie sei, wenn auch nur für einen Besuch im Café Select, die Auserwählte.

Ich hasste ihn.

Wenn ich je taub war vor Eifersucht und Wut, dann damals. Ich hasste Paul – und stand am Fenster, wenn er kam, und zitterte.

Wiebke – auch sie besass einen Papagei, den ich hütete, wenn sie mit Paul unterwegs war – nahm schliesslich den Hausmeister, zog weg und hinterliess mir ihr Tier, das wunderbar sang: Sind Sie der Graf von Luxemburg, o pardon, sind Sie der grosse Mann von Welt?

Heute, mein halbes Leben später, muss ich lachen.

War es gut?

Vier Jahre Bircher – Paul, nun pensioniert, meinte, es sei Zeit, Neues zu wagen, er legte mir eine Anzeige hin, Alters- und Pflegeheim N., Leiterin gesucht, 100%.

Das kann ich nicht.
Franzi, wenn jemand das kann, dann du.
Das trau ich mir nicht zu.
Ich war 44, er 66, noch immer gross und schön.

Mitte Februar 1978 begann ich im Heim, zog zurück ins Dorf meiner Kindheit, das nun eine Stadt war, kaufte eine Wohnung, fünf Zimmer, Pauls Frau half mit einem Kredit. Zwei Jahre später zog meine Mutter zu mir, ein Bruder, Mama kochte, was Paul ihr brachte, sie liebte die Blumen, die er schenkte, die Nektarinen, Mutters liebste Frucht, die er nie zu kaufen vergass, dann tranken sie Kaffee und plauderten, Paul und Mama, und lachten über Tante Josy und Tante Frieda, die mit Paul so gern ins Tessin fuhren. Ihren Mann, erzählte Mama, habe sie geliebt wie niemanden sonst, ihr Mann, erzählte sie Paul, sei der grösste Schatz ihres Lebens gewesen, oft habe er sie geneckt und sie ihn, und dass wir zehn Kinder hatten, lieber Paul, hat seinen Grund.

Was war gut?

Gut war das halbe Jahr, als meine Mutter bei mir war. Mama, die sich ihr Leben lang einen Balkon gewünscht hatte, sass nun auf meinem Balkon, sie pflegte Geranien und Kräuter, spielte mit Tigerli, der Katze, die sie mit ins Haus gebracht hatte, und mit Joggi, Wiebkes Graupapagei, der wunderbar sang: Arrivederci, Hans, das war der letzte Tanz.

Den Knochen warf sie unter den Tisch, wo Bello lebt, ihr Hund, der vor Jahrzehnten starb.

Mama starb am 29. Juni 1980 im Kantonsspital B., 76 Jahre alt, ich sass bei ihr, hielt aus, bis sie gegangen war morgens um vier.

Und als ich sie verliess, die Augen verweint, stand Paul im Parterre, seine Augen verweint.

Ab und zu sassen wir im Opernhaus, Paul und ich, oder im Theater, wir fuhren nach Frankreich oder Italien, sahen uns Städte und Museen an, Fräulein H., sagte seine Frau, Sie kommen mir vor wie eine liebe Tochter.

Und irgendwann gab es kein Röschen mehr.
Wie war dein Tag?, fragte Paul oft.

Heute wurde Frau Mächer 86 und wünschte sich, wie jedes Jahr, zum Mittagessen ein Kotelett. Den Knochen, wie jedes Jahr, warf sie unter den Tisch, wo Bello lebt, ihr Hund, der vor Jahrzehnten starb.

Wie war dein Tag? – ich liebte seine Frage.

Kurz vor eins schellte das Telefon, Herr Schmid am Apparat, Zimmer 8 im dritten Stock, Frau H., es ist etwas passiert, kommen Sie, kommen Sie schnell. Ich nahm den Lift und rannte ins Zimmer 8, Herr Schmid stand dort, zitternd, und neben ihm Herr Lüthi vom Zimmer nebenan, Zimmer 9, beide fast neunzig.

Ich hab nichts gemacht, sagte Herr Lüthi, nichts gemacht, nichts angefasst.
Was ist denn passiert?
In meinem Bett, sagte Herr Lüthi, liegt Frau Biasotto, ich hab nichts gemacht mit ihr, nichts angefasst.

Ich ging hinüber in sein Zimmer, fand tatsächlich Frau Biasotto in Herrn Lüthis Bett, ihre Strümpfe auf seinem Stuhl, die weite Bluse daneben, Frau Biasotto, muss man wissen, ist mit einem schweren Busen begabt und stolz darauf, sie schlief – Frau Biasotto, sagte ich, Signora, ich glaube, sie haben sich im Stock geirrt, eigentlich gehören sie in den zweiten, Sie sind hier im dritten.

Nie hatte er mir versprochen, seine Frau zu verlassen.

Pauls Frau hatte einen Schlaganfall, er war müde, verbraucht, konnte kaum noch gehen, kaum atmen, zwei Herzinfarkte, Franzi, fragte Paul, wir schaffen es nicht mehr allein, nimmst du uns auf? Anfang 1987 zogen sie ins Alters- und Pflegeheim N., das ich leitete, sie 82, er 75, sie lebten in zwei Zimmern, sie im Wohnbereich, Paul im Pflegetrakt.

Nänni – an den Folgen einer Notoperation ist am 11. September 1987 meine geliebte Gattin sanft entschlafen. Gott gebe ihr die ewige Ruhe. Für die trauernden Hinterbliebenen, der Gatte: Paul K.

Nie hatte er mir versprochen, sie zu verlassen.
Nie hatte ich es verlangt, nie gewollt.
Paul schenkte mir ihren Ring, verliess das Bett nicht mehr.
Und irgendwann, im Januar 1988, seine Frage, willst du meine Frau werden?
Willst du meine Frau werden?
Seit ich zwanzig war, wollte ich seine Frau werden.

Wir heirateten am 17. März 1988, ich war 54, Paul 76. Ein neues Kleid hatte ich gekauft – und dann nicht angezogen, weil ich dachte, es stehe mir nicht zu, in Seide neben meinem Mann zu stehen, der ein Nachthemd trug und Schläuche im Bauch. Paul, zum Schreiben kaum fähig, übte seine Unterschrift –

Endlich trat der Gemeindeschreiber ins Zimmer und las, was er lesen musste, wir unterschrieben, waren nun Eheleute, ein Bruder und seine Frau die Zeugen.

Nach über 30 Jahren wurde die Beziehung doch noch offiziell: Ein Paar unternimmt einen Spaziergang. Foto: Getty Images

Ob ich glücklich war?
Ich fürchte, ich war es nicht.
Lachsbrötchen und Sekt.

Paul schenkte mir ein Amulett, Rotgold, gemacht aus dem Siegelring, den er ein Leben lang getragen hatte.

Er wollte ein letztes Mal ins Tessin, Franzi, ein letztes Mal dorthin – unsere Hochzeitsreise.

In Locarno buchte ich ein Zimmer mit zwei Betten, Clinica Santa Chiara, ich bestellte einen Krankenwagen, nahm eine Woche frei, vier Tage wollten wir bleiben.

Und fuhren nie los.
Pauls Nieren versagten, sein Herz.

«Ich sass neben ihm, streichelte sein Gesicht, das graue Haar, das einst schwarz gewesen war.»

Ich sass neben ihm, streichelte sein Gesicht, das graue Haar, das einst schwarz gewesen war und glänzend. Paul sprach meinen Namen, Franziska, Franzi, ich sagte, ich habe dich immer geliebt, Paul, du warst, du bist das Wahre in meinem Leben, wirst es immer sein – er schlief weg, wachte auf, rief nach seiner Mutter –

Müetti, Müetti –, ich streichelte sein Gesicht – nahm meinen Mann in die Arme.
Es war Nacht, ein Montag ohne Wetter und Trost.

Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann lass mich mit ihm sterben.
Ich schäme mich nicht.
Und bereue nichts.
Ich habe geliebt, war geliebt.

Manchmal, nachts, sagt er, Franziska, hab keine Angst, Franzi, bis bald.
Das schönste Hemd zog ich ihm an.

(Annabelle)

Erstellt: 15.06.2018, 20:40 Uhr

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