Zwischen Solidarität und Geschäftemacherei

Vor 50 Jahren wurde in New York die LGBT-Bewegung geboren. Zum Jubiläum drucken viele Firmen den Regenbogen auf ihre Produkte. Wie glaubwürdig ist das?

In diesem Sommer gibt es Schuhe, Socken und zahlreiche andere Produkte im Zeichen des Regenbogens.

In diesem Sommer gibt es Schuhe, Socken und zahlreiche andere Produkte im Zeichen des Regenbogens.

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Man muss genau hinsehen: Welcher Regenbogen ist gerade gemeint? Es gibt den Regenbogen mit sieben Streifen, oben violett, unten rot. Das ist der Regenbogen der Friedensbewegung. Oft steht auf ihm das italienische Wort «Pace», Frieden – nun, das ist dann einfach. Wenn derselbe Regenbogen, ohne das Wort «Pace», um 180 Grad gedreht ist, ist es der Greenpeace-Regenbogen. Auf dem Greenpeace-Flagschiff Rainbow Warrior III fliegt darüber die Friedenstaube. Und dann gibt es noch den Regenbogen mit sechs Streifen. Ohne Hellblau. Das ist der Regenbogen, der gerade am häufigsten zu sehen ist: der Pride-Regenbogen.

Mit ihm feiern Lesben, Schwule, Transpersonen und Bisexuelle weltweit ihre Zugehörigkeit zur LGBT-Familie. «Pride» heisst Stolz, und als Symbol des Stolzes gibt es den Pride-Regenbogen momentan auf Turnschuhen, auf Uhrenarmbändern, auf Limonaden- und Bierflaschen, auf Schallplatten, Marmeladengläsern, T-Shirts, Hundehalsbändern, Unterhosen, Rasiergels, Socken, Mundspülungen, Wodkaflaschen, Kaffeebechern, und auf Schutzhüllen für Smartphones. All diese Produkte, und viele mehr, gibt es in speziellen Pride-Editionen, von verschiedensten Herstellern. Es ist ein regelrechter Regenbogen-Konsumrausch.

Die Firmen denken gerade gerne an ihre LGBT-Kundschaft

Man könnte jetzt natürlich fragen: Was bitte sollte in einer freien Welt mit freiem Markt falsch daran sein? Es ist doch sehr nett, wenn die Wirtschaft den fünfzigsten Jahrestag der sogenannten Stonewall Riots in New York zum Anlass nimmt, die LGBT-Bewegung mit Produkten zu überhäufen. Bei den Stonewall Riots wehrten sich in den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 die Gäste der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street gegen eine Polizeirazzia. Drag-Queens, Schwule, Lesben, Transpersonen: Sie hatten die Nase voll von der Polizeischikane. Sie zogen auf die Strassen, es kam zu Zusammenstössen, tagelang. Es war die Geburtsstunde der modernen LGBT-Emanzipationsbewegung.

In Erinnerung daran kann man sich nun also auch morgens Rasierschaum ins Gesicht schmieren, von der Marke Harry's, die zum Jubiläum der Stonewall Riots eine Pride-Rasier-Box in limitierter Auflage herausgebracht hat, inklusive Rasierhobel in Regenbogen-Optik.

Die kapitalistische Wirtschaft ist nun mal raffiniert. Früher trug man zum Christopher Street Day, bei dem jährlich im Sommer der Stonewall Riots gedacht wird, einen Regenbogen-Anstecker und fand das schon mutig. Oder man schwenkte die Pride-Flagge. Die schien als Symbol viel bunter und optimistischer und historisch weniger belastet zu sein als der Rosa Winkel, das pinkfarbene Dreieck, das die Nazis den Schwulen angeheftet hatten. Eiserne Regel des Kapitalismus: Wenn es Ausdrücke des Wunsches nach Sichtbarkeit einer bestimmten Demografie gibt, werden diese aufgegriffen. Was folgt, ist Überangebot und das Bedienen der Differenz. Apple, Ikea, Levi's, Almdudler, Esprit, Listerine, viele weitere Marken – sie alle denken gerade gerne an ihre LGBT-Kundschaft.

Auch Apple will bunt sein und verkauft Uhren mit sechsstreifigem Armband. Foto: Apple

Vielen Menschen, auch aus der LGBT-Community, stösst das auf. Es riecht für sie nach Ausverkauf, nach Geschäftemacherei. Vielleicht sollte man sich aber als queerer Mensch gar nicht allzu grundsätzlich über den Kapitalismus beschweren. Immerhin wäre ohne ihn der Kampf um die Akzeptanz nichtheterosexueller Lebensmodelle nie so erfolgreich gewesen, wie er es bis heute, immerhin, ist. Popsongs, Romane, Filme und ja, auch Wodkaflaschen und T-Shirts haben seit den Stonewall Riots geholfen, die Kunde davon in die Welt zu tragen, dass es nichts Schlimmes ist, lesbisch, schwul, trans oder bi zu sein.

Ob Pride-Marmelade wirklich das richtige Mittel gegen Homophobie ist?

Als der schwule Gospelsänger Carl Bean 1977 den Disco-Song «I Was Born This Way» sang, war die Ehe für alle noch in weiter Ferne, in der Bundesrepublik stand sogar noch der elende «Schwulenparagraf» 175 im Strafgesetzbuch. «I Was Born This Way» war der erste Hit mit explizit schwulem Text, der von einer grossen, kommerziellen Plattenfirma veröffentlicht wurde. Ein starkes Signal. Und natürlich arbeiteten bei Motown Records auch Menschen, die zuerst gerechnet und dann gesagt hatten: Okay, das können wir gut verkaufen, dafür gibt es einen Markt.

Und fürs Statement-Frühstück: Marmelade mit Regenbogen. Foto: Marmelicious

Heute gibt es in Berlin die Firma Marmelicious, die Marmeladen ohne künstliche Farbstoffe und Aromen kocht. Das ist gesund – und ermöglicht der Marke, ihre aktuelle Pride-Sonderedition (sechs Geschmacksrichtungen in den Farben des Regenbogens) mit einer echten Perle des Werbetextens anzupreisen: «Der Genuss der Pride-Edition ist so natürlich wie Homo-, Bi- und Transsexualität.» Damit nicht der Eindruck entsteht, es gehe um Profit, spendet Marmelicious die Hälfte der Erlöse aus der Aktion an das Hilfsprojekt Enough Is Enough. Das setzt sich gegen homophobe Gewalt im In- und Ausland ein.

Das ist dann fast schon Erpressung: Wer diese Marmelade nicht kauft, will gar nichts gegen Homophobie tun?! Nun gut, man könnte den anteiligen Betrag auch direkt an das Hilfsprojekt spenden, ohne Marmelade. Aber im Regenbogen-Konsumrausch gerät so eine Idee auch schnell mal in Vergessenheit.

Erfinder der Pride-Flagge schenkte sie der Community

Gilbert Baker dürfte sich jedenfalls im Grab umdrehen. Der amerikanische Künstler und Aktivist gilt als der Erfinder der Pride-Flagge. 1978 nähte er in San Francisco sein erstes Exemplar zusammen, aus selbstgefärbten Stoffstreifen, für die «Gay and Lesbian Freedom Day Parade». In Interviews erklärte Baker häufig, er habe sich seine Erfindung damals nicht patentieren lassen, weil sie sein Geschenk an die weltweite LGBT-Community sein sollte. Ehrenhaft. Wobei Baker, der 2017 im Alter von 65 Jahren starb, wohl ohnehin Schwierigkeiten bekommen hätte, sich den Regenbogen als LGBT-Symbol schützen zu lassen. Vor seiner Pride-Flagge gab es ja auch schon die Schauspielerin Judy Garland, die in «Der Zauberer von Oz» (1939) den Song «Somewhere Over The Rainbow» sang. Dieser herzerweichende Song war lange die inoffizielle Hymne aller queeren Menschen. Sie konnten in ihn nämlich gut ihre Sehnsucht hineinprojizieren nach einem Ort, an dem sie glücklich und endlich sicher vor Verfolgung sein können. Irgendwo über dem Regenbogen.

Heute ist es also niemandem verboten, den Regenbogen auf Marmeladen und Mundspülungen zu drucken. Adidas verziert die Sneakers der Pride-Edition mit ihm. Bestimmt freuen sich die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Schuhfabriken in Indonesien, die die Schuhe zusammennähen, darüber, dass Lesben und Schwule in einigen Ländern Europas und in den USA nun heiraten dürfen. In Indonesien dürfen sie es nicht, dort gibt es nicht einmal ein Antidiskriminierungsgesetz. Adidas vermeldet, dass es im Rahmen der Pride-Aktion eine Viertelmillion Dollar an The Trevor Project spendet, das ist ein Telefonseelsorge-Netzwerk für suizidgefährdete queere Teenager in den USA. Kann man dort auch von Indonesien aus anrufen? Hoffentlich.

Den Regenbogen da lassen, wo er eigentlich hingehört

Ja, es ist eben kompliziert mit dem Konsum und all dem Guten, das er zu PR-Zwecken bewirken soll. Natürlich gibt es auch heute noch Teenager, die absolut daran verzweifeln, wenn sie merken, dass sie nicht heterosexuell sind oder dass sich das Geschlecht, das man ihnen zugewiesen hat, für sie absolut falsch anfühlt. Für sie kann ein Pride-Regenbogen auf einem Turnschuh oder einer Smartphone-Schutzhülle unter Umständen genau die Botschaft sein, die sie in dem Moment brauchen: Halt durch, es gibt Menschen auf der Welt, die dich akzeptieren, wie du bist! Andererseits könnte es problematisch sein, wenn queere Menschen irgendwann denken, dass sie nur dann gute queere Menschen sind, wenn sie beim Regenbogen-Kapitalismus immer fleissig mitmachen und sich mit so vielen Pride-Produkten eindecken wie möglich.

Inzwischen freut man sich jedenfalls auch über jeden kritischen Blick hinter die Kulissen der Regenbogen-Aktionen. Aktuell kann man etwa auf der Webseite des Wirtschaftmagazins Forbes nachlesen, welche Konzerne es mit ihren LGBT-Kampagnen nicht ganz so ernst meinen, wie sie behaupten. Unter der Überschrift «Don't Let That Rainbow Logo Fool You» (zu Deutsch: Lassen Sie sich von dem Regenbogen-Logo nichts vormachen) listet die Webseite eine Reihe von Konzernen, die zum fünfzigsten Jahrestag der Stonewall Riots nun die Regenbogenflagge hissen, dabei aber beflissen verschweigen, dass sie in den vergangenen Jahren auch Millionenbeträge an Politiker gespendet haben, die explizit homophobe Agenden verfolgen. Das Post-Unternehmen UPS und der Pharmakonzern Pfizer gehören dazu.

Ja, so ein Regenbogen ist sehr schön. Aber vielleicht sollte man ihn mal wieder häufiger genau da lassen, wo er hingehört. Auf den Pride-Flaggen. Und oben im Himmel natürlich.

Erstellt: 30.06.2019, 19:46 Uhr

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