Gretas Weg aus der Depression

In Davos verhöhnt Donald Trump Greta und die Klima-Warner als Untergangspropheten. Die Botschaft der Aktivistin ist aber eine hoffnungsvolle.

Grösstmöglicher Gegensatz: Der Optimist aus dem Weissen Haus und das Asperger-Kind im Schulstreik. Fotos: Getty, Keystone

Grösstmöglicher Gegensatz: Der Optimist aus dem Weissen Haus und das Asperger-Kind im Schulstreik. Fotos: Getty, Keystone

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Das WEF in Davos, heisst es oft, habe bloss symbolische Bedeutung. Wenn das zutrifft, hat die diesjährige Ausgabe den Gipfel der Symbolik erreicht. Mit zwei Namen und Bildern, wie sie am Mittwoch auf der Titelseite des «Blicks» abgebildet waren: Trump und Greta. Beide waren in Davos und verkörpern die Polarisierung westlicher Politik wie sonst kaum jemand. Es heisst Jung gegen Alt, Frau gegen Mann, Macht gegen Ohnmacht, Kapitalismus gegen Antikapitalismus, Europa gegen Amerika.

Sie sind nicht nur optisch ein denkbar gegensätzliches Paar: Auf der einen Seite der amerikanische Präsident und mächtigste Mann der Welt, der Inbegriff des «alten weissen Mannes», der sich mit Benimmregeln den Hintern putzt und das Heil dieser Welt in einem Primat der Wirtschaft vor der Ökologie sieht. Gleichzeitig verkörpert er aber nicht das alte Establishment, sondern den Disruptor. Das ist eine Figur, wie sie noch vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte, ein Präsident, der lügt und prahlt und beschämende Dinge sagt. Und alles auf den Kopf stellt.

Ob man ihn mag oder nicht, Trumps unverfrorene Respektlosigkeit hat die Weltpolitik aufgemischt und instabiler gemacht, aber dadurch auch völlig neue Perspektiven geschaffen. In Davos trat er als kompromissloser Optimist auf und betonte die wirtschaftlich gute Lage seines Landes. Probleme wie der Klimawandel oder sein eigenes Impeachment-Verfahren erwähnte er mit keinem Wort.

Greta hat eine glasklare Botschaft

Auf der anderen Seite Greta Thunberg, das Mädchen mit den Zöpfen und den alarmierenden Botschaften wie «I want you to panic!» und «How dare you!». Als junge Aktivistin steht sie für eine weltweite Bewegung, nicht nur gegen das Establishment, sondern auch gegen Phänomene wie Trump.

Greta hat eine glasklare Botschaft: Wir müssen Verantwortung übernehmen für unser Handeln und dürfen nicht länger warten. Vor allem aber können wir uns nicht auf die Politiker verlassen, denn sie lügen und versuchen, wissenschaftliche Erkenntnisse in den Dienst ihrer politischen Absichten zu stellen. Greta steht für die Jungen, die Nicht-Gehörten, die Sonderlinge und vor allem für jene, die genug haben von leeren Worten und endlich Taten sehen wollen. Ihre Botschaft ist das pure Gegenteil von derjenigen Trumps. Sie sagt: Wir stehen am Abgrund und müssen jetzt handeln.

Es ist eine deprimierende Ausgangslage, denn: In welcher Welt hat ein 17-jähriges Mädchen gegen den mächtigsten Mann der Welt eine Chance? In unserer Welt. Wir leben in Zeiten, in denen alles in Bewegung und deshalb auch fast alles möglich ist.

Ein Lachen der Klima-Aktivistin: Greta an einem WEF-Podium des «Time»-Magazin, das sie jüngst zur «Person of the year» kürte. Foto: Reuters

Wer hätte vor zwei Jahren darauf gewettet, dass ein psychisch angeschlagenes Mädchen eine weltweite Gefolgschaft gewinnen und politische Landschaften verändern könnte? So wie etwa die letzten Wahlen in der Schweiz? Wer hätte gedacht, dass das streikende Schulmädchen von Staatschefs auf der ganzen Welt empfangen wird und mit ihnen reden kann? Greta hat aber noch eine andere Botschaft. Sie geht übers Klima hinaus und liegt in ihrem Weg aus der Depression, der sie zur Aktivistin machte. Das macht auch die Faszination Greta aus.

Ikone im Kampf gegen den Klimawandel

Wie viele andere Kinder hasste Greta die Schule. Mitschüler plagten und verprügelten sie, sie weinte viel, und irgendwann hörte sie auf zu essen. Ihr Vater schreibt in seinem Buch über den Weg seiner Familie: «Unsere Tochter verschwindet in einer Art Dunkelheit und hört quasi auf zu funktionieren. Sie hört auf, Klavier zu spielen. Sie hört auf zu lachen. Sie hört auf zu reden.» Man suchte den Rat von Psychiatern, versuchte Antidepressiva. Bei Greta wurde das Asperger-Syndrom diagnostiziert.

Der Sommer 2018 war ein aussergewöhnlich heisser Sommer, einer von vielen in den vergangenen Jahren. Greta beschloss, zum Schulanfang im August drei Wochen zu streiken. Der Vater half ihr, ein Transparent zu basteln, und Greta setzte sich auf die Strasse. Andere Jugendliche taten es ihr nach, die Botschaft begann sich in den sozialen Medien auszubreiten, es bildeten sich Netzwerke, und Greta wurde zur Ikone des Kampfs gegen den Klimawandel.

«Dennoch ist Gretas Botschaft eine hoffnungsvolle, denn sie hat gezeigt, welchen Weg es aus der Depression gibt: Engagement.»

In Davos verbreitete Greta im Gegensatz zu Donald Trump Pessimismus. Angesichts des Zustandes der Welt und der katastrophalen Zukunftsprognosen, die uns mit immer kürzerer Frequenz erreichen, scheint die Depression die einzig mögliche Reaktion. Denn selbst wenn die Schweiz oder Europa sich dazu entschliessen würden, aus der fossilen Energie auszusteigen, hätte das nur einen winzigen Effekt auf die Weltlage. Und es ist nicht einmal sicher, ob dieser Effekt nicht paradox wäre, also zu einem höheren CO2-Ausstoss in anderen Gebieten der Welt führen würde.

Dennoch ist Gretas Botschaft eine hoffnungsvolle, denn sie hat gezeigt, welchen Weg es aus der Depression gibt: Engagement. Ihre Genesung begann in dem Moment, als sie anfing, etwas gegen ihre Ohnmacht zu tun. Ihre Geschichte zeigt zudem, dass es wirkt, wenn man sich für etwas einsetzt, das man für sinnvoll hält. Dass man trotz hoffnungsloser Lage Trost finden kann, indem man sich mit Gleichgesinnten zusammenschliesst und sich gegenseitig Mut macht. Gretas Weg beweist, dass man die Hoffnung nicht aufgeben darf, denn niemand kann voraussagen, was als Nächstes geschehen wird.

Wo das Impeachment gegen Trump hinführen wird, wissen wir genauso wenig, wie was aus unserem Planeten wird. Aber Gretas Botschaft ist klar: Man muss kein alter weisser Mann sein, um die Welt zu verändern. Auch ein Mädchen kann die Welt verändern.

Erstellt: 23.01.2020, 16:56 Uhr

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