Unplugged

Die Rockband Gotthard taucht ihre Lieder in neue Klangfarben

Gotthard sind seit Anfang März in Deutschlandund der Schweiz auf «Defrosted Part II»-Tour. Gitarrist Freddy Scherer erzählte vor dem Start, weshalb die Rockband dieses Projekt mit neu arrangierten und instrumentierten Liedern der letzten zwanzig Jahre Bandgeschichte lanciert hat.

Gotthard mit Hena Habegger (von links), Nic Maeder, Freddy Scherer, Leo Leoni und Marc Lynn, ziehen für einmal andere «Saiten» auf.

Gotthard mit Hena Habegger (von links), Nic Maeder, Freddy Scherer, Leo Leoni und Marc Lynn, ziehen für einmal andere «Saiten» auf. Bild: Martin Häusler

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Freddy Scherer, hocken Sie an der Wärme, sozusagen «aufgetaut»?
Freddy Scherer: Im Tessin, aber es ist wohl etwa gleich frostig wie bei euch – aber klar, passend zu unserer bevorstehenden Tour.

Aber dem Publikum wird sinnbildlich keine Tiefkühlpizzavorgesetzt?
Natürlich nicht, nur erfrischende Kost mit leckeren Zutaten. Wir sind beim Proben, sozu­sagen in den letzten Zügen, und haben tolle Gastmusiker mit an Bord.

Mit wem richtet ihr das musi­kalische Menü denn an?
Auf der aktuellen Tour mit zwei Chorsängerinnen, einer Italienerin, einer Ägypterin und dem Perkussionisten Andi Pupato, welcher sonst bei Michi Gerber trommelt. Bei den Sommerfestivals sind zusätzlich drei Violinistinnen und eine Cellistin mit dabei. Seit einem Monat proben wir intensiv, betrachten unsere Songs von einer anderen Seite und lassen sie auch so klingen, was ja der Sinn der Übung ist. Sie sollen nicht einfach akustisch, sondern auch in einem spe­ziellen musikalischen Gewand daherkommen. Wir haben vieles verändert, es wird schon fast schwierig, all die Neuerungen dingfest zu machen und sich einzuverleiben.

«Der Weg, den wir mit unseren Gastmusikerinnen und -musikern zurücklegen, bewegt.»

Freddy Scherer

Am Anfang stand die Idee zur Zweit­auflage (nach 1997) einer «Defrosted Tour». Wie seidihr danach planerisch vorgegangen?
Erstmals haben wir uns vor etwa drei Jahren konkret Gedanken zu so einem Projekt gemacht. Wir fällten, je nach Sachverhalt, schweizerisch-demokratische Entscheidungen, fanden aber, dass wir unser Bandjubi­läum vorher mit dem Studio­album «Silver» vergolden möchten. Danach haben wir unseren ehemaligen Keyboarder Nicolò Fragile angerufen. Dieser hat als Produzent bei fast allem, was man in den vergangenen Jahren in den Hitlisten Italiens hörte, mitgeschrieben. Mit Leo Leoni hat er das Konzept erarbeitet. Wir haben uns einige Male in Mailand zum Essen getroffen, und als wir merkten, dass alle zum selben Horizont blicken, gab es kein Halten mehr. Wir ar­bei­ten seit Jahren harmonisch-kreativ zusammen, und jeder bringt seine Ideen mit ein.

War es schwierig, alle(s) unter einen Hut zu bringen?
Wir nehmen die Proben zur Kon­trolle auf, sonst fährt jede und jeder eine andere Linie, und dies würde im Chaos enden. Die Band hat beispielsweise die Lieder auf­ge­nommen, die Backgroundsängerinnen konnten sich danach für sich mit dem Material auseinandersetzen. Seit zwei Wochen proben wir gemeinsam und fügen das Ganze mit Feinschliff zusammen.

Als besonderer Gast begleitet euch auf der Tournee Mister- Big-Sänger Eric Martin.Wie kam es zu dieserZusammenarbeit?
Durch die jeweiligen Managements. Er singt als «Special Guest», begleitet von einem Gitar­risten rund vierzig Minuten lang und vor unserem Konzert. Welche Songs er genau performt, weiss ich am 8. März, dem Tourneestart. Manche in den eigenen Reihen waren von diesem Sänger, der in den Neunzigerjahren grosse internationale Erfolge feierte, angetan. Wir freuen uns, ihn kennen zu lernen, und werden uns wohl gegenseitig die eine oder an­dere­ amüsante Bandgeschichte zu erzählen haben. Er reist auch im selben Bus, einem doppel­stöckigen Nightliner, mit. Es ist nicht selbstverständlich, dass Sän­ger im gleichen Car mit dabei sind. Nic Maeder bevorzugt ­Hotels, nicht zuletzt auch, weil er seine Stimme schonen muss und die Gefahr, sich Viren einzuhandeln, in der Gruppe grösser ist.

Die erste «Defrosted Tour» und das dazugehörende Albumwaren eine Erfolgsgeschichte. Deshalb eine Neuauflage?
Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen die Her­ausforderung, Gotthard-Songs akus­tisch neu zu arrangieren. Dann sind wir seit Jahren in einem gewissen Rhythmus mit Plattenaufnehmen und Kon­zertespielen unterwegs. Dieses Muster wollten wir mal mit etwas­ anderem aufbrechen. Wir haben die Möglichkeit, uns von einer anderen Seite zu präsentieren: mit Klangfarben, die von den Fans immer wieder geforderten Hits und weniger bekannte Lieder, neu zu streichen – deshalb die zusätzlichen Streicher. (lacht) Nach dieser Abwechslung dürfen die Fans sich und wir uns, aber auch wieder auf elektrisches Losbrettern freuen.

Wie habt ihr die Setliste zusammengestellt?
Es war ein Auswahlverfahren, ein länger dauernder Prozess. Es gibt Lieder, die schreien danach, und bei anderen ist es eine spannende Herausforderung. So kristallisiert sich heraus, was machbar ist oder sich lohnt, machbar gemacht zu werden.

Sie liefern mir das Stichwort: gemacht­ wird. Kürzlich fanden die Swiss Music Awards (SMA) statt. Auf mich habt ihr unterall den «Mainstreamern» fast wie Exoten gewirkt. Wie wichtig sind solche «weichgegossenen» Betonsteine, ihr haltet euch doch lieber an Granit?
Einen Award zu gewinnen ist cool. Man ist im Gespräch; er öffnet medi­ale Zugänge und bietet damit eine Werbeplattform in eigener Sache. Für mich persönlich ist es ein Event, bei dem die gesamte Schweizer Musikszene sich trifft und feiert. Eine schöne Gelegenheit, sich auszutauschen und musi­kalische Freundschaften zu pflegen. Wenn man dann noch eine Auszeichnung bekommt, nimmt man die gerne entgegen und damit etwas «Glanz & Gloria».

Der Gotthard-Sound – so mein Eindruck – ist in den vergan­genen Jahren wieder härter geworden. Eine bewusstgewählte Stossrichtung?
Sagen wir es mal so, etwas rauer. Es ist ein schleichender Prozess. Es sind Nuancen da und dort, das kommt ja auch sehr auf das Lied an. Wir haben immer noch sehr balladeske. Bei den letzten Alben arbeiteten wir mit Co-Produzenten, aber Leo Leoni ist immer dabei, und letztendlich sind wir es, die spielen. Wir haben uns nie in eine Richtung stossen lassen.

«Gotthard Defrosted» tönt wiePermafrost auftauen, fast etwas bedrohlich. Bekommt das Publikum nun weichgespülte Klänge zu hören oder ist die eine oder andere «Gerölllawine» dabei?
Wir spielen nicht mehr Balladen als sonst. Die Idee dieser Produktion ist: mehr Groove (Perkussionist), Honky Tonk (Saloon-Gefühl) mit Klavier und Blues. Es hat wenige verzerrte Gitarren, was aber nicht bedeutet, dass es weniger energisch ist. Ich würde sogar behaupten, es ist sehr intensiv.

Stellt ein akustisch gespieltes Konzert, aufs Wesentliche ins­tru­mentiert, höhere Anforderungen an Sänger und Musiker?
Das ist so. Man möchte ja nicht, dass es «leer» klingt. Es muss ­dosiert sein. Am Ende zählt das gute Gefühl.

Der Dialog mit dem Publikumist bei Konzerten mit leiseren Tönen intimer, man ist sich emotionell näher, oder?
Die ganze Band rückt an den Bühnenrand und ist schon rein räumlich gesehen näher dran. Wenns laut ist, bieten sich mehr Gelegenheiten, sich sinnbildlich zu verstecken, durchzuatmen. So ist auch ein tonales Flüstern zu hören. Es ist persönlicher.

Es fordert euch als einge­fleischte Truppe im Zusammenspiel mit Gastmusikern ...
Das ist sehr reizvoll. Wir sind nun in der letzten Probenwoche, und es harmoniert, dass es eine wahre Freude ist. Der Weg, den wir gemeinsam zurücklegen, bewegt.

«Als wir merkten, dass alle zum selben Horizont blicken, war das ‹Defrosted›- Projekt geboren.»

Freddy Scherer

Diesen Monat spielt ihr in Deutschland und in der Schweiz16 Konzerte und bei einigenSommer-Festivals. 1997 wardas ähnlich geplant, und eswurden zwei Jahre daraus ...
Seither sind zwanzig Jahre vergangen. Wir haben einen anderen Sänger, neue Musiker – mich eingeschlossen – und Songs. Wir haben nichts weiter geplant und schauen, wie das Ganze sich entwickelt. Gut – so mein Gefühl – ist es auf jeden Fall. Wie das Publikum es goutiert, sehen wir.

Von Ort zu Ort gibt es unterschiedlich begeisterungsfähiges Publikum. Die Schweizer gelten als weniger «defrosted», eher zurückhaltend ...
Also wenn wir über unterschiedliche Mentalitäten reden, dann spürt man dies am deutlichsten in Südamerika. Die sind wirklich heissblütig. In Europa sind die Unterschiede marginal. Jedes Konzert hat seine eigene Magie. Es kommt drauf an, den Moment zu genies­sen und sich vom Alltag zu lösen. Das gelingt mal besser oder weniger gut.

Spürt man einen musikalischen «Röschtigraben»?
Bei uns weniger. Nic Maeder ist ein Welschschweizer, Leo Leoni ein Tessiner und die anderen Deutschschweizer. Wir sind also eine «echte» Schweizer Band.

Wie fühlen Sie sich wenige Tage, bevor es losgeht?
Es brennt an allen Ecken. Aber das ist immer so, die Normalität. Dazu kommt die Filmpremiere des Dokumentarfilms «Gotthard – One Life, One Soul». Wir würden lieber anstelle der Promotermine dazu einige Tage mehr für die Tour proben. Aber alle arbeiten auf ein Ziel hin. Irgendwann ist es soweit, und man steht auf der Konzertbühne.

Aber nach Bandpause, Studio und Probenraum freut man sich, dass es endlich losgeht?
Bis wir in den Bus steigen, treten wir im Wespennest.

Wie verbringt ihr die Tageauf Tour?
Nach dem Konzert geht es nachts schlafend im Bus weiter. Vor Ort unternehmen wir je nach Wetter etwas. Das handhabt jeder sehr individuell, abgesehen von fixen Verpflichtungen. Spätestens zum Soundcheck treffen sich alle wieder. Dann haben wir alle paar Tage mal frei und können uns im ­Hotel zurückziehen. Mit dem Bus reisen hat den Vorteil, Zeit und Wege zu sparen, ist gleich da, wo man spielt.

Geht das Tourleben an dieSubstanz. Trainiert man sichdavor mentale und im Fitnessstudio Kondition an?
Einen Monat unterwegs zu sein, ist kein Problem. Wenns länger dauert, besteht auf so engem Raum des Zusammenlebens die Gefahr, dass sich Reibereien ergeben. Das ist dann mühsam, weil kein Platz ist, sich aus dem Weg zu gehen. Wir können uns aber spätestens auf der Bühne auspowern und danach haben sich, mit gutem Gefühl im Bauch, die aufgestauten Dinge erledigt.

Erstellt: 16.03.2018, 14:51 Uhr

Gotthard – «Defrosted Part II»

Montag, 26. März, 20 Uhr. Komplex 457, Hohlstr. 457, Zürich.
Tickets: www.ticketcorner.ch,
Tel. 0900 800 800 (1.19 Fr./Min.).

Ticketverlosung

Gotthard – Der «Zürcher Unter­län­der» verlost für dieses Konzert zweimal zwei Tickets.
Kennwort: Gotthard
Teilnahme: Bitte eine Mail an ticketverlosung@zuonline.ch bis Montag, 19. März, 8 Uhr. Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt, die Tickets können an der Abendkasse abgeholt werden. Mitarbeiter von Tamedia sowie deren im selben Haushalt lebende Angehörige sind nicht teilnahmeberechtigt.

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