Musik

«Wir waren Könige, bis das Leben uns wieder auf den Boden zurückholte»

Samu Haber bewegt sich gerne auf unterschiedlichen Bühnen. Als Juror im TV-Format «The Voice of Germany» war er für seine träfen Sprüche bekannt. Jetzt konzentriert er sich wieder ganz auf die Musik.

Samu Haber kommt mit Sunrise Avenue nach seinem Konzert im vergangenen November im X-tra erneut in die Schweiz – diesmal ins Hallenstadion.

Samu Haber kommt mit Sunrise Avenue nach seinem Konzert im vergangenen November im X-tra erneut in die Schweiz – diesmal ins Hallenstadion. Bild: pd

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Samu Haber, haben Sie schon als Junge von einer Musikerkarriere geträumt?
Samu Haber (41): Alles fing damit an, dass ich als Siebenjähriger den Videoclip zu «You give love a bad name» von Bon Jovi im Fernsehen sah. Danach wusste ich irgendwie, was ich mit meinem Leben­ anfangen wollte, was mein grösster Berufstraum wäre. Ich hatte Glück, dass ich jetzt darin angekommen bin.

Als junge Band verbringt man Nächte im Übungskeller mit dem Ziel, entdeckt zu werden, einen Hit zu landen und von der Musik leben zu können. Dann trifft das plötzlich ein. Wie hat sich das angefühlt, wie seid ihr damit umgegangen?
Das kannst du dir kaum vorstellen. Wir fühlten uns, als wäre die ganze Welt gegen uns. Aber dann haben wir dieses eine Lied geschrieben, und plötzlich öffneten sich uns alle Türen gleichzeitig – wir waren die Könige der Welt, wenigstens für eine Weile. Dann hat das Leben uns wieder auf den Boden geholt. Das ist gut so. Die ersten zwei Jahre waren fantastisch, aber meine Leber hätte es nicht mehr ausgehalten.

Um eure erste Platte zu finan­zieren, hat ein Freund sein Haus verkauft. Ich nehme an, es hat sich auch für ihn gelohnt?
Unglaublich, aber wahr. Ich verstehe bis heute nicht, was damals in seinem Kopf vorging. Er hat sein ganzes Geld in uns investiert. Umso cooler war es, als ich ihm einige Jahre später alles zurück­zahlen konnte – und auch den einen oder anderen Bonus habe springen lassen können. Jeder sollte einen Freund wie ihn haben.

Der Erwartungsdruck der Fans, von Plattenfirmen und Medien ist riesig. Ist es da nicht schwierig, herauszuspüren, wer euch wohlgesinnt ist, euch auf musikalischem Weg zu begleiten?
Ja und nein. Ich hatte immer eine ziemlich gute Nase und rieche schnell, wenn es irgendwo stinkt. Aber jahrelange Erfahrung im Business hilft sicher, weil es dort viele egoistische Blutsauger gibt. Die muss man meiden lernen.

Mit dem Erfolg tauchen wie aus dem Nichts Fans auf. Das schmeichelt einerseits, weil man nun seine vertonten Geschichten mit anderen teilen kann. Anderseits gibt es jene, die weniger an der Musik als an deiner Person interessiert sind. Oft bleibt diese «Verliebtheit» – auch wegen der Unnahbarkeit – aber oberflächlich. Hat sich dennoch die eine oder andere tiefe Freundschaft zu Fans ergeben?
Ich habe so viele tolle Fans kennen gelernt. In den ersten Jahren sind wir oft mit ihnen herumgehangen und haben After-Show-Partys gefeiert oder nachts Fotosessions mit ihnen gemacht. Bis heute gibt es viele Leute unter unseren Fans, von denen ich sehr viel gelernt habe. Es ist schön, zu wissen, wie es sich auf der anderen Seite der Bühne anfühlt.

Ihre Familie ist vermutlich ein Erdungspunkt. Manche Musiker oder «Interpreten» des Mainstreams unterscheiden in den überbordenden Social-Media-Plattformen kaum noch, was sie im Scheinwerferlicht oder im privaten Pool tun. Findest du es nicht wichtig und richtig, sich seine Rückzugsinseln (als Kraftquelle) zu bewahren?
Herrgott. Es ist das Allerwich­tigste, dein privates und öffent­liches Leben getrennt zu halten. Ich habe fast nichts aus meinem Leben­ zu Hause nach draus­sen getragen. Wenn du die beiden mischst, glaubst du eines Tages, dass du etwas Besonderes bist. Am Ende des Tages bin ich aber nur ein Mensch wie alle anderen. Ich liebe meine Familie dafür, dass sie mich immer noch für denselben Idioten halten wie früher, und dass wir zusammen alle gleich sind ...

«Schweizerinnen  und Schweizer sind verrückt – auf eine gute Art.»Samu Haber

Sie haben in der Vergangenheit doch die eine oder andere Party gefeiert. Hat sich ihre Lebensweise verändert, leben Sie ­bewusster und vielleicht gar ­gesünder (ausser beim Einlösen verlorener Saunawetten ...)?
Natürlich, am Anfang drehst du völlig durch, und da musst du durch. Ich bin längst kein Priester, aber wir stürzen auch nicht nach jeder Show völlig ab. Wir genies­sen die Konzerte und verbringen dann den Abend mit Netflix im Tourbus, bis wir einschlafen, und manchmal in der Sauna. (lacht)

Der Erfolg ebbt irgendwann ab. Musiker steigen aus, neue kommen hinzu, die Bandgeschichte ruht. Vor drei Jahren habt ihr euch eine Auszeit gegönnt. Auch eine Chance, sich künst­lerisch zu verwirklichen, musikalische Pfade fernab des Kommerzes zu erkunden?
Ich denke, dass Künstler auch aus­ser­halb ihrer Bands Musik machen sollten. Das tun wir alle. Das bedeutet nicht, dass die Band dadurch­ an Bedeutung einbüsst. Es bedeutet nur, dass man rausgeht, neue Dinge lernt und sie zurück in die Sunrise-Avenue-Familie bringt. Alle unsere Bandmitglieder haben ihre eigenen Projekte, und darin ermutige ich sie auch.

Sie haben aber andere Dinge unternommen ...
Ich habe meine Auftritte im Fernsehen geliebt und dabei eine völlig andere Rolle eingenommen. Die Sichtweise auf mich selber und das Business war neu. Und wie ich bereits erwähn­te: Ich lernte einiges. Normalerweise profitiert das Haupt­projekt auch von Nebengeschichten.

Sie haben sich als Coach bei «The Voice of Germany» ausgetobt. Ein Format, bei welchem es nicht nur um Musik geht, sondern auch um Selbstdarstellung ...
Ja, das hat Spass gemacht.

Sie sind nie um einen Spruch verlegen und für ihre bildhaften Vergleiche bekannt. Genossen Sie es, mit Ihrer Kollegin zu flirten, und die Jungs «in die Pfanne zu hauen»?
Wer würde das nicht geniessen?

Die Aufgabe der Coaches ist es, die Talente beim Verwirklichen ihres Traums zu unterstützen?
Coach in einer Fernsehshow zu sein bedeutet eine Menge Spass und Verantwortung. Dieser Mix gefällt mir.

Schafft das längerfristig gesehen – ihr holt euch ja Talente möglichst nach Geschmack ins Boot – nicht eigene Konkurrenz im hart umkämpften Musikbusiness, oder begegnet man sich da künstlerisch auf Augenhöhe und freut sich über den Erfolg des anderen?
Ich finde es schön, zu sehen, wenn Menschen um mich herum erfolgreich sind. Das zeigt mir, dass es ihnen gut geht.

Wenn man sich dann ausgetobt hat, kehrt mancher Musiker zu den Wurzeln, der Band, zurück. Ist das wie ein Nach-Haus-Kommen und sieht rückblickend das eine oder andere klarer als in der Zeit, in welcher man unter Reizüberflutung stand?
Man muss reisen, nach draus­sen gehen, um sich zu Hause gut zu fühlen. So funktioniert das einfach.

Es ist wohl das höchste der Gefühle, zeitlose Songs, sozusagen Musikgeschichte, zu schreiben. Welches vielleicht weniger bekann­te Lied tragen Sie zeitlos im Herzen und weshalb?
Mein Smart­phone ist voller seltsamer Lieder, von denen viele Leute denken würden, dass sie aus den 80er-Jahren stammen. Aber ich liebe und höre sie noch immer.

Das Schreiben/Aufnehmen eines Albums ist das eine, die Planung einer dazugehörigen Tournee etwas anderes. Macht man eine Auslegeordnung, pflückt sich Hits raus und verwebt sie mit den neuen Liedern?
Die Setlist (die Abfolge der Lieder an einem Konzert) ist meine persönliche Magie. Ich werde nie jemandem erzählen, wie ich sie plane. Aber natürlich musst du die Hits spielen, deshalb kommen schliesslich die meisten Leute ans Konzert.

«Man muss reisen, nach draussen gehen, um sich zu Hause gut zu fühlen.»Samu Haber

Es gibt Songs (Hits) – vor langer Zeit geschrieben –, die, weil vom Publikum gewünscht, geliebt zum festen Repertoire eines Konzerts gehören. Die man aber vielleicht gar nicht mehr mag, weil man sich selber verändert hat oder die Zeit eine andere ist?
Nein. Ich bin immer noch stolz auf «Fairytale Gone Bad» und all die frühen Lieder. Sie sind ein be­deuten­der Teil unserer Geschich­te, und ohne sie gäbe es uns nicht. Manchmal frischen wir sie der Abwechslung zuliebe ein bisschen auf.

2010 wart ihr auf einer Acoustic-Tour. Stellt ein solches Konzert, reduziert auf das Wesentliche, nicht höhere Anforderungen an die Musiker, den Sänger? Üppig instrumentierte und inszenierte Shows erlauben doch sicher sinnbildlich mehr Atempausen?
Wir lieben es, verschiedene Stile auszuprobieren. Um ehrlich zu sein, ist eine akustische Performance für mich die natürlichste von allen. So schreibe ich die Lieder ja auch.

Ich meine, eine bombastische Show fordert mehr durch genau getimte Zeitabläufe, da bleibt aber eher wenig Raum für Improvisation und künstlerisches Ausleben?
Das stimmt nicht. Natürlich gibt es viele Momente, in denen du alles nach Spielplan machen musst, aber wir lassen immer viel Raum für «Missgeschicke». So haben wir Spass an der Show.

Bei Acoustic-Konzerten sind sich Künstler und Publikum irgendwie näher. Eine andere, intimere Art des Dialogs?
Klar, je kleiner die Konzerte sind, desto intimer sind sie auch. Aber manchmal kannst du auch mit einem Orchester hinter dir auf der Bühne sehr intim sein. Es geht immer um die Verbindung zum Publikum.

Man öffnet sich da als Künstler vermutlich mehr. Lässt sich in die Seele schauen. Fühlt man sich da irgendwie nackt?
Ja und nein. Wie gesagt hängt es von der Verbindung ab. Ich hatte unglaubliche solche auf Konzertbühnen, obwohl da 50 000 Menschen vor mir standen.

Auf Tour ist man doch letztendlich, wenn die Gitarre vom Verstärker gestöpselt, die Scheinwerfer erloschen sind, im Hotelzimmer eher einsam. Empfinden Sie das so, oder sind Sie voller Emotionen und derart erledigt, dass Sie um diese kleine Oase der Ruhe froh sind?
Sicher braucht man privaten Raum zwischen den Shows. Aber wir verbringen einen Haufen Zeit miteinander, machen Sport oder gehen aus.

Blicken Sie in solchen Momenten zurück, auf eine bisher doch erfüllte Karriere, in welcher Sie sich manches mit Ehrgeiz erschaffen haben, aber auch das nötige Glück hatten. Wenn Sie nicht auf grossen Weltbühnen gestanden hätten, in welcher Berufung hätten Sie sich verwirklicht und wären glücklich gewesen?
Ich wäre wahrscheinlich Musikmanager geworden. Ich mag diese Businessseite ja auch, aber als Musiker bin ich definitiv am glücklichsten. Und ja, ich hatte tonnenweise Glück.

Sind Sie ein Mensch, der eher nach vorne blickt?
Das muss ich, wenn auch nicht zu weit. Ich versuche, im Moment der Tour zu leben. Aber klar, ein bisschen vorausplanen muss man.

Apropos nach vorne: Was dürfen die Fans bei eurem Zürcher Konzert erwarten?
Wenn ich das wüsste. (lacht) Nein, wir werden 110 Prozent geben, auf der Bühne Spass haben und dafür sorgen, dass alle mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass das Konzert mehr wert war als der Ticketpreis.

Was verbindet Sie mit der Schweiz. Klischees, oder ­nehmen Sie sich Zeit, Land und Menschen kennen zu lernen?
Ich war in den vergangenen zehn Jahren so oft in der Schweiz, dass ich mich fast wie zu Hause fühle. Ich habe zahlreiche Shows gespielt, war snowboarden, habe Sommer­ferien und Spritztouren unternommen. Ich kenne den Ort also­ sehr gut und habe dazu einige Freunde von dort. Generell mag ich die Schweizerinnen und Schweizer sehr. Sie sind verrückt – auf eine gute Art.

Sunrise Avenue – «Heartbreak Century Tour»14. März, 20 Uhr. Hallenstadion, Zürich. Tickets: www.starticket.ch, Tel. 0900 325 325 (1.19 Fr./Min.). (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 12.03.2018, 10:22 Uhr

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