Stäfa

Missbrauchsvorwürfe erschüttern Schule Stäfa

Einem Mitarbeiter des gemeindeeigenen Kinderhortes «Mikado» wird von Arbeitskollegen sexueller Missbrauch vorgeworfen. Die Gemeinde untersucht die Vorwürfe, sein Anwalt wehrt sich.

Der Mitarbeiter eines Stäfner Horts soll ein Mädchen sexuell missbraucht haben. Die Schule hat nun eine Untersuchung eingeleitet.

Der Mitarbeiter eines Stäfner Horts soll ein Mädchen sexuell missbraucht haben. Die Schule hat nun eine Untersuchung eingeleitet. Bild: Doris Fanconi/Symbolbild

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Es sind happige Vorwürfe, welche die Mitarbeiterin eines Stäfner Hortes einem Arbeitskollegen macht. Der beschuldigte Betreuer soll ein 12-jähriges Mädchen an den Brüsten berührt haben, sie aufgefordert haben, ihr T-Shirt auszuziehen oder Turnübungen am Bauch des Betreuers zu machen. Zudem soll der Betreuer das gleiche Mädchen regelmässig in sein Büro mitgenommen und dabei die Tür geschlossen haben. Über die Vorwürfe hat die Gratiszeitung «20 Minuten» am Dienstag berichtet.

Der angesprochene Hort gehört zum schulergänzenden Angebot «Mikado» der Schule Stäfa. Bei der Zeitung gemeldet und die Vorwürfe publik gemacht hat Silvia Frommelt. Sie bezeichnet sich selbst als «Vertrauensperson» jener Mitarbeiterin, welche die Beobachtungen im Hort gemacht haben will. Frommelt leitet selbst eine privat geführte Kindertagesstätte.

«Ich sah den Gang zu den Medien als letzten Ausweg, dass man die Missstände ernst nimmt.»Silvia Frommelt

Gegenüber der Zürichsee-Zeitung wiederholt sie die gemachten Vorwürfe. «Ich sah den Gang zu den Medien als letzten Ausweg, dass man die Missstände ernst nimmt». Denn die Schulpflege habe nicht sofort auf die Meldungen der Mitarbeiterin reagiert. Erst als sich Frommelt beim lokalen FDP-Präsidenten, dem Gemeindepräsidenten und Bildungsdirektorin Silvia Steiner gemeldet habe, sei Bewegung in die Sache gekommen.

Schule wehrt sich

Das stimme so nicht, sagt Schulpräsidentin Cristina Würsten (FDP). «Wir haben nach Bekanntwerden der Vorwürfe sofort reagiert und im Dezember eine Administrativuntersuchung eingeleitet um die Vorwürfe, aber auch die Zusammenarbeit und die internen Abläufe zu überprüfen.» Dass man die Ergebnisse der Untersuchung nicht abwarten will, stört Würsten. «Wir wollten verhindern, dass es zu einer medialen Vorverurteilung kommt. Denn es kann sehr gut sein, dass die Untersuchung zeigt, dass gar nichts geschehen ist.»

«Wir wollten verhindern, dass es zu einer Vorverurteilung kommt.»Schulpräsidentin Cristina Würsten (FDP)

Was ist dran an den Beschuldigungen? Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass im vergangenen November eine Strafanzeige eingereicht und nun eine Untersuchung eingeleitet wurde, um die Vorwürfe zu prüfen. Die Strafanzeige wurde von Frommelt und der Mitarbeiterin eingereicht. Die Schule Stäfa hat darauf verzichtet: «Das erachte ich auch heute noch als richtig. Wir möchten zuerst die Ergebnisse der Administrativuntersuchung abwarten.»

Einer der die happigen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs zurückweist ist Rechtsanwalt Stephan Schlegel. Er vertritt den Stäfner Hortmitarbeiter juristisch. Aus seiner Sicht gehe es «bei den ihm bekannten und der Schulpflege in Wirklichkeit gemeldeten Vorfällen» allenfalls um «pädagogische Pflichtverletzungen». Genauere Angaben will der Anwalt aufgrund der laufenden Verfahren jedoch nicht machen. Bei den möglichen «Pflichtverletzungen» geht es offenbar um «Umarmungs- und Begrüssungsrituale», wie mehrere Personen gegenüber dieser Zeitung übereinstimmend berichten. Auch Schulpräsidentin Würsten will sich zu den einzelnen Vorwürfen nicht äussern. Sie sagt lediglich: «Es wurden Sachen dargestellt, die uns gegenüber anders ausgesagt wurden.»

Das Mädchen schützen

Die Medienberichterstattung über seinen Mandanten sieht auch Rechtsanwalt Schlegel kritisch. «Ein solches Verfahren führt man nicht in der Öffentlichkeit.» Damit werde etwa die Administrativuntersuchung beeinflusst: «Nun ist es praktisch unmöglich, mit Kindern oder Eltern unvoreingenommen über die Arbeit der Hort-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sprechen.»

Schlegel erinnert auch daran, dass mit der Veröffentlichung solcher Vorwürfe das Leben und die berufliche Zukunft eines Mitarbeiters zerstört werden kann. «Nicht zuletzt sollte man aber auch zum Schutz des Mädchens darauf verzichten.»

Betreuer krankgeschrieben

Silvia Frommelt ist von ihrem Weg überzeugt: «Die Schule hat die Tragweite des Falls nicht erkannt.» Besonders stört sie, dass die Schule den Mitarbeiter gar noch über die Vorwürfe informiert habe und dieser eine Teamsitzung abgehalten habe. Dass die Schule Stäfa die Vorwürfe im Beisein des angeschuldigten Mitarbeiters diskutiert hat, findet Anwalt Schlegel richtig. «Es ist aus meiner Sicht logisch, dass man so etwas im Team bespricht und daraus Lehren zieht.» Ohnehin, so sagt der Rechtsanwalt, hätte die Schule aus seiner Sicht sehr gut reagiert. «Es ist richtig, dass solche Vorwürfe strafrechtlich und administrativ untersucht werden.» Schlegel bestätigt, dass sein Mandant derzeit nicht im Hort tätig ist. Er ist krankgeschrieben.

«Die Schule hat die Tragweite des Falls nicht erkannt.»Silvia Frommelt

Die Eltern erhalten von der Schule Stäfa am Mittwoch eine Information zur eingeleiteten Administrativuntersuchung. Warum erfolgt diese Information erst nach dem medialen Aufschrei? «Wir wollten nicht zu einer Vorverurteilung Hand bieten», sagt Schulpräsidentin Würsten und ergänzt: «Ich finde es sehr schade, dass nicht alle diese Ergebnisse abwarten konnten.» Mit den Eltern des Mädchens stehe man in Kontakt. Mit der Untersuchung beauftragt wurde ein spezialisiertes Anwaltsbüro. Die ersten Ergebnisse sollen Ende März vorliegen.

Erstellt: 12.02.2019, 17:33 Uhr

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Das passiert bei einem Verdacht auf sexuellen Übergriff an der Schule

Der Verdacht ist gravierend und überfordert alle Betroffenen: Was sollen sie unternehmen, wenn sie vermuten, dass ein Angestellter einer Schule ein Kind missbraucht hat? «Bei Verdacht auf Kindsmissbrauch in einer schulischen Institution soll den Verantwortlichen der Schule Meldung erstattet werden», schreibt Marion Völger, Chefin des kantonalen Volksschulamts, auf Anfrage.

Die Schule prüfe dann, ob sie Strafanzeige einreiche. Allerdings muss der Verdacht begründet sein, etwa wenn ein Kind von konkreten sexuellen Handlungen berichtet oder wenn solche – wie mutmasslich im Fall von Stäfa – von Dritten beobachtet wurden. Die Schule beschreitet dann nicht nur den juristischen Weg, sondern lässt sich auch von Fachstellen beraten. «Auf eigene Ermittlungstätigkeiten ist hingegen zu verzichten», sagt Völger.

Kanton oder Gemeinde?

Verwirrend sind auf den ersten Blick die behördlichen Zuständigkeiten. Bei einem Schulhort steht die Gemeinde in der Verantwortung, bei der Schule selbst der Kanton. Das heisst: Wird ein Lehrer oder ein Schulleiter eines Übergriffs verdächtigt, wird die Bildungsdirektion tätig, weil der Verdächtigte nach kantonalem Recht angestellt ist. Dies sieht das Lehrpersonalgesetz so vor.

Anders verhält es sich bei einem Hort einer Schulgemeinde.«Ein Schulhort ist eine kommunale Institution mit kommunalen Angestellten» sagt Völger. Aufsichtsinstanz ist somit die Schulpflege. Silvia Frommelt, welche den Stäfner Fall an die Öffentlichkeit gebracht hat, wirft dieser allerdings vor, nicht schnell und entschlossen genug gehandelt zu haben (siehe Artikel oben).

Beratungsstelle kann helfen

Ist die Schulpflege also als Aufsichtsorgan ungeeignet, weil sie zu nah dran ist? Nein, sagt das Volksschulamt. «Es ist eine Kernaufgabe der Schulpflege, die Schulen sowie die schulischen Angebote zu beaufsichtigen». Sie könne sogar die Aufsicht aufgrund ihrer Nähe und Vertrautheit mit den lokalen Verhältnissen am besten wahrnehmen.

Sind Betroffene jedoch der Ansicht, die kommunale Behörde verhalte sich nicht richtig, können sie sich an den Bezirksrat wenden, also an die Aufsichtsinstanz über die Gemeinden.

Auch das Volksschulamt nimmt laut Völger Meldungen entgegen und prüft dann das weitere Vorgehen. Alternativ könnten sich Eltern bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch an Beratungsstellen wie Castagna (www.castagna-zh.ch) wenden. (Michel Wenzler)

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