Pro und Kontra

Muss die Sprache geschlechtsneutral sein?

Dass das Knabenschiessen nicht Mädchenschiessen heisst, leuchtet nicht allen ein. Auch sonst ist die Sprache nicht immer neutral. - Berechtigterweise?

Bild: Archiv

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PRO

Sharon Saameli, Redaktorin

Ich staune regelmässig darüber, mit welcher Verbissenheit die Diskussionen um geschlechtergerechte Sprache geführt werden. Wieso soll es so schwierig sein, die Sprache der Realität anzupassen? Sprache wandelt sich schliesslich, seit sie existiert. Offensichtlich geht es um mehr als um die schlichte Erweiterung von Wortschatz und Grammatik.

Sprache ist ein Werkzeug, mit dessen Hilfe wir uns über Dinge in der Welt verständigen. Sie prägt deshalb notwendig unsere Wahrnehmung, unser Denken und Handeln. Ersetzen wir ein Wort durch ein anderes, kann dies unsere Wahrnehmung verändern.

Für eine geschlechtergerechte Sprache spricht vieles. Erstens ist eine Sprache, in der Frauen und Männer gleichberechtigt benennt werden, eine präzise Sprache. Es ist zum Beispiel nicht sinnvoll, von «Lehrern» zu sprechen, wenn die bezeichnete Gruppe zehn Frauen und einen Mann beinhaltet. Genau das wird mit dem generischen Maskulinum aber gemacht. Studien haben gezeigt, dass das generische Maskulinum genau so gelesen wird, wie es dasteht: in erster Linie auf Männer bezogen. Machen Sie den Selbsttest. Welche Bilder erscheinen Ihnen bei Wörtern wie Arzt, Pilot, Straftäter, Polizist?

Die Dominanz des generischen Maskulinums hat nicht nur mit sprachlichen Gewohnheiten zu tun. Lange existierte für viele Begriffe einfach gar keine weibliche Form, weil wirklich nur Männer gemeint waren - etwa beim Bürgerrecht. Als dann auch Frauen wählen durften, waren sie mit «Bürgern» plötzlich mitgemeint. Damit drückt man sich nur davor, die Sprache der neuen Realität anzupassen.

Von «Bürgerinnen und Bürgern» zu sprechen bedeutet nicht nur, Frauen sprachlich sicht- und vorstellbar zu machen. Es bedeutet auch zu zeigen, dass Männer nur ein Teil der Gesellschaft darstellen. Wohl deshalb sind Debatten über «politische Korrektheit» so angestrengt: Es geht um Fragen von Macht und Privilegien. Wer sie hat, gibt sie ungern her. Aber das steht einer gerechten Sprache und einer gerechten Gesellschaft im Weg.

Geschlechtergerechte Sprache ist präzise, gerecht und leicht erlernbar. Wer sich ihr verweigert, legt nichts anderes an den Tag als machtvolle Faulheit. Und wenn wir uns schon für sprachliche Anpassungen zu bequem sind, wie wollen wir dann all die anderen Ungerechtigkeiten angehen, die unsere Welt prägen?»

sharon.saameli@zuonline.ch

KONTRA

Martin Liebrich, Redaktionsleiter

Ja, liebe Leserinnen, ich bin für Gleichberechtigung. Und es ist mir klar, dass das leicht gesagt ist, solange es nicht ums Handeln geht. Es ist doch sprachlich gesehen aber einfach so: Wenn immer alles geschlechtsneutral formuliert werden soll, hemmt das den Lesefluss, und mitunter macht es auch logisch keinen Sinn.

Wollten wir im «Zürcher Unterländer» den Regeln der politischen Korrektheit folgen, müssten wir die Zeitung in «Zürcher Unterländer_in» umbenennen. Sie fragen sich, was das Sonderzeichen («Unterstrich») mitten im Wort soll? Ganz einfach: Es ist der Gendergap. Mit diesem werden alle mit gemeint, die inter- oder transsexuell sind. Und so soll es auch sein: Wenn schon geschlechtsneutral formuliert wird, müssten diese Mitmenschen ebenfalls berücksichtigt werden.

Abgesehen davon ist die Verwendung eines Binnen-I (zum Beispiel: «LeserInnen») vom Duden nicht vorgesehen. Also grammatikalisch nicht richtig. Das heisst: Will man alle berücksichtigen, ist alles auszuschreiben. Also nicht etwa «die Leser», sondern «die Leserinnen, Leser, Inter- und Transsexuellen». Macht anderthalb Zeilen statt fünf Buchstaben. Und weil in einer gedruckten Zeitung nicht unbeschränkt Platz zur Verfügung steht, könnten wichtige Informationen nicht transportiert werden – wegen der vielen gendergerechten, aber Platz fressenden Formulierungen.

Natürlich kann man abwechseln zwischen männlicher und weiblicher Form und damit alle Menschen der jeweiligen Gruppe meinen. Aber wenn dann in einem Satz die Rede ist von «Lesern» und im nächsten von «Köchinnen», gehen wohl viele automatisch und fälschlicherweise davon aus, dass unter den Köchinnen keine Männer sind und unter den Lesern keine Frauen. Dann noch lieber nur die männliche Form. Oder die weibliche.

Sprach-puristische Kreise mögen argumentieren, dass Diskriminierung mit der Sprache beginnt. Aber stimmt das auch wirklich? Das Knabenschiessen heisst zwar noch so, doch schiessen dort auch die Mädchen. In den vergangenen acht Jahren haben sie es sogar gleich oft gewonnen wie die Knaben. Und bleiben wir doch gleich bei den Zürcher Bräuchen: «Sechseläuten» ist ein absolut geschlechtsneutraler Begriff. Aber wie viele Frauen laufen dort schon wieder mit? – Es kommt eben doch aufs Handeln an. Und nicht aufs Reden.

martin.liebrich@zuonline.ch (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 14.09.2018, 17:08 Uhr

Sharon Saameli, Redaktorin: «Sprache ist ein Werkzeug, das unsere Wahrnehmung, unser Denken und Handeln prägt»

Martin Liebrich, Redaktionsleiter: «Geschlechtsneutrale Formulierungen hemmen den Lesefluss.»

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