Pro & Contra

Soll man sein Kind in eine Privatschule schicken?

Jedes 14. Kind im Kanton besucht eine Privatschule. Allein im Zürcher Unterland gibt es 15 private Schulen und Kindergärten. Ist der Trend zu Privatschulen positiv? Zwei Redaktorinnen sind unterschiedlicher Meinung.

Ist Schule gleich Schule?

Ist Schule gleich Schule? Bild: Pixabay

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Ja

Für die einen ist die Schule eine Quelle der Freude, für die anderen eine Qual. Ich rutschte relativ problemlos durch die sechs Jahre Primarschule und schaffte sogar den Sprung an die Töchterschule, wie die Kantonsschule Hohe Promenade in Zürich damals hiess. Allerdings nur für ein Vierteljahr. Ich bin an der Mathematik gescheitert. Also musste ich in die Sek in Kloten, wo ich meine Kolleginnen und Kollegen aus der 6. Klasse wieder traf. Problemlos absolvierte ich die weiteren Schuljahre und schloss schliesslich mit einem Diplom der Mittelschule in Winterthur ab.

Für meinen Bruder dagegen lief es nicht so gut. Er hat seinen Weg im Erwachsenenalter durchaus gemacht und befindet sich heute in einer guten Position in einem Job, der ihn befriedigt. Aber ich bin sicher, es wäre ihm vieles erspart geblieben an schlechten Erfahrungen und Frustrationen während seiner Schulzeit, hätte er eine Privatschule besucht.

Ich finde es gut, dass es solche Alternativen gibt und Eltern und ihre Kinder aus dem vielfältigen Angebot das passende auswählen können. Wer sich wohlfühlt im Unterricht und seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert wird, geht bestimmt lieber zur Schule als jemand, dem alles zuwider ist. Und wer glücklich ist, kann wohl auch mehr leisten.

Privatschulen bieten das geeignete Umfeld für verschiedene Bedürfnisse. Neben dem vorgeschriebenen Schulstoff gibt es mehr Möglichkeiten, die Stärken der Kinder zu unterstützen und ihre Schwächen auszugleichen. Sportliche oder künstlerische Begabungen werden schneller erkannt und entsprechend gefördert.

Einen weiteren Vorteil sehe ich in der Ganztagesbetreuung. Ich weiss, dass das jetzt auch in der Volksschule eine Vorgabe ist. Das hat aber sehr lange gedauert. Schülerinnen und Schüler, die eine private Institution besuchen, verbringen auch einen Grossteil ihrer Freizeit dort. Sie gewöhnen sich an das Umfeld, fühlen sich aufgehoben. Ich denke, das führt dazu, dass sie freier sind, weniger ungute Gefühle vor Reaktionen der Lehrerschaft haben müssen und auch von den Mitschülerinnen und Mitschülern weniger unter Druck gesetzt werden können. Ich sehe den Vorteil der Privatschulen in der besseren Entfaltungsmöglichkeit und stärkerer sozialer Kontrolle.

Nein

Meine Eltern meinten es gut mit mir, manchmal vielleicht zu gut. Zum Beispiel, als sie mich in eine private Sek schickten. Sie hatten ehrenwerte Gründe: Meine ältere Schwester hatte zehn Jahre zuvor in der öffentlichen Sek eine grauenvolle Zeit erlebt. Das Gymi lag in der Grossstadt, diese wollte man der «Kleinen» noch nicht zumuten. Bloss: Die Privatschule war eine Nullnummer. Lehrerwechsel, mieser Unterricht, riesige Klassen und Mitschüler mit Verhaltensproblemen. Der Anschluss an die Kanti war mühsam, auch weil die Erfahrungsnoten – wohl zu Recht – nicht zählten.

Ich nahm mir vor: Meine Kinder sollten, wenn immer möglich, eine staatliche Schule besuchen. Mein Mann und ich zweifelten kurz, als die Zwillinge in der Mittelstufe in eine 29er-Multikultiklasse eingeteilt wurden. Wir entschieden: abwarten, beobachten und nötigenfalls unterstützen. Sie hatten eine wunderbare Lehrerin und lernten, dass es Kinder gibt, die zu Hause kein Buch haben und ihr Zimmer mit zwei Geschwistern teilen. Sie bewunderten Munibe für ihre Fussballkünste und Santiago für sein flinkes Kopfrechnen.

Waren es früher ideologisch geprägte Privatschulen, boomen heute leistungsorientierte Eliteschulen. Wer viel Geld zahlt, möchte meist die schulischen Erfolgschancen seines Kindes erhöhen. Dadurch vergrössert sich die Kluft zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen noch mehr. Dafür sorgt nur das Schulgeld. Es kann schnell einmal bis zu 20000 Franken pro Jahr betragen.

Es mag in Einzelfällen sinnvoll sein, wenn ein Kind nach schlechten Erfahrungen an eine Privatschule wechselt. Wenn aber schon die Kleinsten präventiv an teuren Privatschulen separiert werden, fehlt die soziale Durchmischung. Es fehlt die Erfahrung, dass es noch eine Welt ausserhalb der von den Eltern gelebten und gewählten gibt.

Es ist kaum so, dass die öffentlichen Schulen in Gemeinden wie Zumikon und Zollikon besonders schlecht sind. Ausgerechnet dort besucht aber jedes vierte Kind eine Privatschule. Auffallend oft sind es Einzelkinder. Ihnen sollen wohl möglichst alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden. Und sie sollen die von den Eltern gesetzten akademischen Ziele erreichen. Doch ein hindernisfreies Leben mit Erfolgsgarantie gibt es nicht. Das merken diese Kinder dann vielleicht im Studium.

Erstellt: 27.09.2019, 17:46 Uhr

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