The Take

Zwei Freunde auf grosser Tour

In ‹Green Book› lernen zwei grundverschiedene Männer eine Lektion über Rassismus und Toleranz. Das ist amüsant, aber oberflächlich.

Tony (Viggo Mortensen) fährt Don (Mahershala Ali) durch die Südstaaten. Ein ungewöhnlicher Anblick in der von Seggregation geprägten Region.

Tony (Viggo Mortensen) fährt Don (Mahershala Ali) durch die Südstaaten. Ein ungewöhnlicher Anblick in der von Seggregation geprägten Region. Bild: Ascote Elite

«Traveling while black» - Reisen als Schwarzer. Das ist das Thema von ‹Green Book›, dem Eröffnungsfilm des Zurich Film Festivals. Pianist Don Shirley (Mahershala Ali) reist Anfang der 60er Jahre für eine Konzerttournee durch den Süden der USA. Als Afro-Amerikaner ist eine solche Reise von Widerständen geprägt, schliesslich herrschen zu dieser Zeit noch die Jim Crowe Gesetze, welche die Segregation zwischen Weissen und Schwarzen vorschrieben. Begleitet wird Don Shirley von seinem Fahrer, dem Italo-Amerikaner Tony «Lip» Vallelonga (Viggo Mortensen). Als Orientierungshilfe dient ihnen das titelgebende Green Book: Ein Reiseführer mit Unterkünften für Afro-Amerikaner.

Der Trailer von ‹Green Book›.

Regisseur Peter Farrelly, der vor allem für Komödien wie ‹Verrückt nach Mary› bekannt ist, hat sich entschieden, die von wahren Ereignissen inspirierte Geschichte als Buddy Komödie zu erzählen. Es trifft also ein Paar aufeinander, dass unterschiedlicher nicht sein könnte. Tony ist unkultiviert, hat eine grosse, liebende Familie und entspricht voll und ganz dem Klischee des New Yorker Italo-Amerikaners. Don ist hochgebildet, einsam aufgrund seiner Homosexualität und möchte auf keinen Fall den Klischees über Schwarze in Amerika entsprechen. Es hilft auch nicht, dass Tony Schwarzen gegenüber eher abgeneigt ist. Doch für genügend Geld lassen sich solche Dinge natürlich übersehen und so machen sich die beiden gemeinsam auf den Weg.

Eine verpasste Chance

So kommt es, wie es kommen muss, die beiden lernen einander kennen und verstehen, und lernen so auch noch einige wichtige Lektionen über Toleranz und Freundschaft. Daran gibt es natürlich nichts auszusetzen, vor allem da der Film amüsant ist. Doch es fragt sich nur, ob dieser Ansatz, der richtige für die Geschichte ist. Natürlich muss nicht jeder Film über ethnischen Spannungen in den USA so deprimierend sein, wie ‹12 Years a Slave›. Allerdings bleibt ‹Green Book› doch arg an der Oberfläche. Es gibt einen Moment, als Don verzweifelt ruft: «Wenn ich nicht weiss genug bin, wenn ich nicht schwarz genug bin, wenn ich nicht Manns genug bin, was bin ich dann?» Der Film wirft die Frage zwar auf, doch geht ihr nicht weiter nach. Dabei könnten sowohl Mahershala Ali wie auch Viggo Mortensen in einem tiefgründigeren Film brillieren. Doch sie überzeugen auch in dieser Version der Geschichte.

Don hilft Tony einen Liebesbrief an seine Frau zu schreiben.

‹Green Book› bleibt jederzeit vorhersehbar und wird auch schnell repetitiv. Denn Don und Tony geraten im Süden immer wieder in Situationen, in denen Don ausgegrenzt oder sogar verprügelt wird. Nach den ersten beiden Vorfällen dürften sie davon nicht mehr überrascht sein. Das Publikum ist es sicher nicht. Natürlich ist jedes rassistische Erlebnis im echten Leben ein Schlag ins Gesicht, doch im Film verliert sich die Wirkung, weil sich die Vorfälle und die Reaktionen darauf zu ähnlich sind.

Das soll nun nicht heissen, dass ‹Green Book› ein schlechter Film wäre. Er ist lustig, unterhaltsam, mit guten Schauspielern und angenehmer Musik. Aber eben auch nicht mehr.

‹Green Book› läuft zurzeit am Zurich Film Festival.

Erstellt: 28.09.2018, 09:34 Uhr

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