YoungMum

Mehrsprachigkeit bei Kleinkindern

Mehrsprachigkeit mag im Trend liegen, es sollte dem Kind aber immer auch Spass machen, verschiedene Sprachen zu sprechen. Das findet unsere YoungMum-Bloggerin Silvia Makowski.

Die Schweiz ist ein Land mit vier Landessprachen, unzähligen Dialekten und über 2 Millionen Ausländerinnen und Ausländern. Die Schweiz ist das Land der Sprachen. Schweizer können Fremdsprachen häufig komplett ohne Akzent sprechen, anders als z.B. Franzosen oder Chinesen, wenn sie Englisch sprechen. Kommt das daher, weil wir schon sehr früh mit Fremdsprachen konfrontiert werden? Viele Kinder in der Schweiz haben einen Migrationshintergrund, deutsche Mütter, kroatische Väter, italienische Grosseltern. Wie wirkt sich die Mehrsprachigkeit auf das Sprachverständnis von Kindern aus? Ist es gut oder schlecht, wenn das Kind früh eine Zweitsprache lernt? Diesen Fragen möchte ich im vorliegenden Beitrag nachgehen.

Sprachverwirrung durch Fremdsprachen?

Wir sind eine schweizerisch – polnische Familie. Mein Mann spricht Polnisch mit den Kindern, ich Dialekt. Seit ihrer Geburt sprechen wir konsequent so mit den Kindern. Als unsere Tochter Charlotte noch als Baby die ersten Wörter lernte, zeigte sie auf einen Teddybären, schaute mich an und rief: «Bär!», dann schaute sie meinen Mann an und rief: «Misio!» (Bär auf Polnisch). Sie wusste also sofort, welche Sprache für wen galt. Heute ist sie zweieinhalb Jahre alt und Polnisch hat sich bei ihr offenbar als Erstsprache verinnerlicht. Wenn ich mir ihr Schweizerdeutsch spreche, antwortet sie mir neuerdings auf Polnisch, obwohl sie mich einwandfrei versteht.

Muss ich mir Sorgen machen? Entwickle ich zuhause eine Halbsprachlerin? Definitiv nicht, meinen Neuropsychologen und Linguisten. Die Sorge, dass zu viele Fremdsprachen eine Sprachverwirrung hervorrufen, sei unbegründet, wie Georges Lüdi von der Universität Basel meint. Je früher Kinder mit Fremdsprachen konfrontiert werden, umso besser. Im Gehirn bilden sich vor allem vor dem vierten Geburtstag neuronale Netze, in denen Sprachen verarbeitet werden. Dort werden auch Fremdsprachen, die später hinzukommen, umgesetzt. Hat das Hirn erst einmal die Infrastruktur ausgebaut, wird sie für jede weitere Sprache genutzt. Lernt das Kind erst im Schulalter die erste Fremdsprache, sei das für das Gehirn beschwerlicher, haben Studien ergeben. Zudem profitiert auch die Muttersprache davon, wenn früh eine Zweitsprache dazu kommt. So denkt das Kind darüber nach, warum es im Deutschen so viele Artikel gibt und z.B. im Englischen nur einen - und lernt daraus.

So lernen Kleinkinder spielend leicht

In einem Umfeld, wo Kinder gleichbleibenden, nahestehenden Bezugspersonen jeweils eine Sprache zuordnen können, lernen Kinder Sprachen leicht. Mehrsprachige Kindertagesstätten sind eine Möglichkeit, Kindern spielend und ganz nebenbei weitere Sprachen beizubringen. Leider ist das Angebot an mehrsprachigen Kindertagesstätten zumindest in meiner Umgebung sehr beschränkt. Wichtig dabei ist, dass die Betreuungspersonen Muttersprachler in der jeweiligen Sprache sind. Eine Sprache nur «sehr gut» zu beherrschen, reicht nicht. Wichtig ist auch, an einer Sprache dranzubleiben. Lernt ein Kind schon im Kleinkindalter Englisch und kommt dann erst in der Oberstufe wieder in Kontakt mit dieser Sprache, nützt diese Frühförderung wenig.

Die Landessprache bitte zuerst

Englisch und Französisch gelten als Zweitsprachen, die man Kindern hierzulande möglichst früh beibringen will, um ihnen in Zukunft den grösstmöglichen Nutzen zu bringen: bessere Jobs, leichteres Eintauchen in fremde Kulturen, polyglotter Lebensstil, schnellere Denkweise. Doch in der Schweiz haben wir vielerorts die Problematik, dass die Kinder die Landessprache nicht oder nur bedingt verstehen. Als ich letztes Jahr an einem Vorschulanlass als Übersetzerin in meiner Gemeinde teilnahm, wurde allen eingeladenen Eltern, deren fremdsprachigen Kinder demnächst in den Kindergarten kommen nahegelegt, ihnen rechtzeitig Deutsch beizubringen. Kinder müssen verstehen, was die Kindergärtnerin zu ihnen sagt. Umgekehrt müssen sie sagen können, wenn sie aufs WC müssen, Hunger oder Durst haben. Fremdsprachige Kinder sollen also möglichst früh in Kontakt mit der deutschen Sprache kommen, z.B. über den Besuch einer Spielgruppe.

Nicht jedes Kind lernt gleich schnell

Leider kenne ich auch ein Beispiel aus meinem Umfeld, wo das deutschschweizerische Mädchen im westschweizerischen Kindergarten sehr darunter leidet, sich nicht gut auf Französisch ausdrücken zu können. Es hat sich komplett zurückgezogen, geht nicht gerne in den Kindergarten und spielt auch nicht gern mit anderen Kindern. Offenbar ist es ein Beispiel dafür, dass die Zweitsprache in jungen Jahren eben nicht jedes Mal so ganz leicht und automatisch gelernt wird. Eltern müssen ihr Kind beobachten und es unterstützen, wenn es mit der Fremdsprache nicht nachkommt, damit es sich nicht verloren fühlt. Mehrsprachigkeit mag zwar im Trend liegen und sollte auch gefördert werden, es sollte dem Kind aber immer auch Spass machen, verschiedene Sprachen zu sprechen.

Herzlichst, YoungMum

Erstellt: 27.04.2018, 10:19 Uhr

Über YoungMum

Silvia Makowski ist Mutter von zwei Töchtern, Bankangestellte und nebenbei freischaffende Texterin. Sie ist Verfasserin des Blogs «YoungMum.ch», in dem sie regelmässig über das Muttersein und den Familienalltag berichtet. Sie hat eine grosse Leidenschaft für Wörter, Sätze und Geschichten und lebt mit ihrer Familie im Raum Zürich.

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