The Take

Warum Mittelmass manchmal gut genug ist

Auch sehr mittelmässige Serien können süchtig machen. Das hat unsere Autorin bei ‹Die Medici› gemerkt.

Die Medicis: Mutter Lucrezia (Sarah Parish), Lorenzo (Daniel Sharman) und Giuliano (Bradley James).

Die Medicis: Mutter Lucrezia (Sarah Parish), Lorenzo (Daniel Sharman) und Giuliano (Bradley James).

Dass wir uns im goldenen Zeitalter des seriellen Erzählens befinden, ist hinlänglich bekannt. Man kann sich vor lauter ausgezeichneter Serien kaum noch retten. Egal ob Drama, Komödie oder Fantasy, es gibt für jeden Geschmack Qualitätsstoff. Und doch bleibe ich häufig bei Serien hängen, die, gelinde gesagt, Mittelmass sind.

So ist es mir kürzlich wieder ergangen, bei der zweiten Staffel von ‹Die Medici›. Wie der Titel verrät geht es um die Medici Familie, insbesondere um Lorenzo de Medici, der im Florenz des 15. Jahrhunderts den Übernamen der Prächtige erhielt. Warum dem so ist, ist noch unklar, das wird wohl für die nächste Staffel aufgespart. Auf Wikipedia nachschauen wäre natürlich eine Möglichkeit, aber eben, Spoiler und so.

Angefangen hat die Serie allerdings mit Lorenzos Grossvater Cosimo in der Vorgängerstaffel mit dem Untertitel ‹Herrscher von Florenz›. Diese war vor zwei Jahren so erfolgreich, dass es dieses Jahr zu einer Fortsetzung kam. Dabei handelt es sich um britisch-italienische Co-Produktionen, wahrscheinlich aus ähnlichen Gründen wie bei ‹Versailles›: Die Kosten einer grossen Historienproduktion müssen wieder eingespielt werden und da ist Englisch nun mal die Sprache, welche die grösste Verbreitung garantiert. Da ist es egal, wessen historisches Erbe es ist.

Der Titelsong von ‹Die Medici›, mit Bildern aus der ersten Staffel.

Zudem sind die Schauspieler aus dem anglophonen Raum wohl auch bekannter. So sind in der ersten Staffel etwa Dustin Hoffmann und Richard Madden zu sehen. Letzterer, bekannt aus ‹Bodyguard› und ‹Game of Thrones›, spielt Cosimo. In der neuen Serie sind Daniel Sharman (‹Teen Wolf›, ‹Fear the Walking Dead›), Bradley James (‹Merlin›) und Sean Bean (‹Herr der Ringe›, ‹Game of Thrones›) zu sehen. Ob Sean Bean seinen traditionellen Tod stirbt, sei hier offengelassen. Auf jeden Fall haben diese Schauspieler mein Interesse geweckt, da sie mir aufgrund meiner Seriensucht wohlbekannt sind.

Scharfäugigen Lesern mag nun aufgefallen sein, dass dies ja alles Männer sind. Und tatsächlich ist das eines der Probleme der Serie: Die Frauen kommen zu kurz. Nun soll bloss niemand sagen, es sei damals einfach so gewesen. Die Mütter, Ehefrauen und Töchter hatten durchaus Einfluss und wenn man ein Familienporträt zeichnen will, gehören die weiblichen Familienmitglieder nun mal dazu. Aber wenn ich alle Kulturprodukte auslassen würde, in denen Frauen zu kurz kommen, wäre nicht mehr viel übrig.

Denkwürdige Perücke

Ein weiterer Grund für meine Neugier auf die Serie ist die Tatsache, dass historische Stoffe mich generell interessieren. Daher habe ich auch ‹Versailles› – der Sonnenkönig!– oder ‹Black Sails› – Piraten! – geschaut. Die Medici haben nicht nur zur Zeit der italienischen Renaissance gewirkt, sondern eben auch mit ihrer Mäzenentätigkeit einen grossen Beitrag dazu geleistet. Zudem waren sie die mächtigsten Bankiers der Zeit, sogar der Papst hat seine Geldgeschäfte über ihre Bank abgewickelt. Es winken also auch politische Intrigen, die immer sehr faszinierend sind.

Auch auf dem Turnierplatz kann es gefährlich werden.

Leider kam es dann nicht ganz so toll wie erhofft. Aus der ersten Staffel erinnere ich mich vor allem noch an Cosimos grauenhafte Perücke. Trotzdem wollte ich mir die Fortsetzung nicht entgehen lassen. Und bevor ich mir dessen richtig bewusst war, war ich total angefixt. Jeden Abend die Frage: Reichts noch für eine Folge oder sogar zwei? (Meistens waren es zwei). Warum nur?

Am Plot lag es sicher nicht. Über acht Folgen hinweg wiederholte sich die immer gleiche Abfolge von Ereignissen: Die Feinde der Medici haben einen heimtückischen Plan. Die Medici erfahren davon, Lorenzo (Daniel Sharman) legt für die Zuschauer die Details der Renaissancepolitik dar und hat alsbald eine brillante Lösung gefunden. Diese basiert immer auf seinen Überzeugungskünsten, denn er hat eine silberne Zunge, wie die Serie nie müde wird zu betonen. Offenbar ist dem Publikum nicht zuzutrauen, dass es selbst auf die Idee kommt. Was eine Familiendynastie in der Renaissance ausmacht oder wie die Stadt Florenz damals war, davon erhält der Zuschauer praktisch keinen Eindruck.

Der Trailer zur zweiten Staffel von ‹Die Medici›.

Wenn es also nicht die Handlung ist, die mich gefesselt hat, bleiben nur noch die Charaktere. Dabei hat ‹Die Medici› in meinem Fall einen grossen Startvorteil. Ich kenne und mag die zentralen Schauspieler bereits aus anderen Serien. Dieses Wohlwollen hat sich ziemlich nahtlos auf die Medici Figuren übertragen. Wenn Lorenzo oder sein Bruder Giuliano (Bradley James) dann in Gefahr waren, habe ich natürlich sofort mitgefiebert. Hinzu kommt ein Antagonist, denn man so richtig ausbuhen kann. Die Rede ist nicht von Sean Beans Jacopo de Pazzi, der theoretisch der Kopf der Medici Gegner ist, sondern von seinem Neffen Francesco. Matteo Martari hat ein Gesicht, das extrem düster wirkt, aber gleichzeitig auch sympathisch wirken kann. Ideal für Francescos komplizierte Beziehung zu den Medici.

Francesco (Matteo Martari) und Lorenzo (Daniel Sharman) waren früher mal Freunde.

Nebst meiner Freude an den Charakteren ist wohl ein altbekanntes Phänomen dafür verantwortlich dafür, dass ich alle Folgen geschaut habe: Wenn man mal eine Serie angefangen hat, muss man immer weiterschauen, ganz einfach, weil da noch mehr ist. Andererseits ist es manchmal auch ganz schön, wenn man nicht zu 100 Prozent da sein muss, sondern in einer Ecke des Gehirns den vergangenen Tag verarbeiten kann. Zudem lässt diese Lücke zwischen Erwartung und Ausführung Raum für die eigene Vorstellungskraft. Aus all diesen Gründen werde ich mir sicher auch das nächste Kapitel der Medici Familie zu Gemüte führen.

Die erste Staffel ‹Medici: Herrscher von Florenz› ist auf Netflix zu sehen.

Erstellt: 10.12.2018, 20:20 Uhr

ZSZ-Mitarbeiterin Olivia Tjon-A-Meeuw liebt Kinosäle, steht zu ihrer Netflix-Sucht und hasst nichts so sehr wie Spoiler. An dieser Stelle bloggt sie über ihre Leinwand- und Streaming-Erlebnisse und bewertet Filme und Serien.

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