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Die Hitze ist ein wahrer Segen

ZU-Pr0duzent Renato Cechhet liebt nicht nur Wärme, auch die Hitze kann ihm nichts anhaben. Im Moment fühlt er sich ziemlich einsam...

Hitze macht einsam. Doch doch, ich weiss, von was ich spreche. Ich fühle mich im Moment gerade wieder wie ein schwarzes Schaf, ein einsamer Rufer in der Wüste oder ein lästiger Eiterpickel. Die Wikipedia-Definition von «Einsiedler» trifft ebenfalls auf mich zu: «Sammelbegriff für Menschen, die mit ihrem Gedankengut oder ihrer Lebensweise sich selbstgewählt einsam etablieren, sei es geographisch, gesellschaftlich oder mental.»Ich etabliere mich momentan gesellschaftlich und mental einsam.

Ich denke und fühle nicht gleich wie meine Mitmenschen, meine Familie, meine Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit. Denn: Ich bin ein Hitzefanatiker. Jawohl, jetzt ist es raus: Ich liebe hohe Temperaturen, je heisser, umso besser, je länger, umso schöner. Ich gehe noch weiter: Für mich könnte das ganze Jahr lang Hochsommer sein. Der kalte Winter gehört für mich abgeschafft, ich will Sandburgen statt Schneemänner, T-Shirt- statt Pulloverpflicht.

Wenn ich so etwas sage – richtig müsste es heissen: zu sagen wage – ernte ich von meinen Gegenüber jeweils nur verständnislose, mitleidige, manchmal auch fast schon angsterfüllte Blicke, wie wenn der Teufel leibhaftig vor ihnen stehen würde. Denn für den Grossteil der Menschheit bedeutet Hitze anscheinend nicht der Himmel, sondern die Hölle auf Erden, das kurz bevorstehende Ende der Welt, die längst befürchtete Apokalypse.

Zumindest so kommt es mir an Hitze-tagen vor. Um mich herum nichts als zombiehafte Gestalten, die halb tot, halblebendig immer den gleichen Satz von sich geben, als wäre es ihr letzter: «Es ist zu heiss.» Und ich giesse dann regelmässig noch Öl ins Feuer, wenn ich sage: «Für mich nicht.» Spätestens dann verdammt mich mein gesellschaftliches Umfeld in die Kaste der Unberührbaren, stempelt mich als hoffnungslos-anarchistischen Querdenker ab oder erklärt mich buchstäblich für hirnverbrannt.

Fakt ist: Ich kann nichts dafür. Ich fühle mich bei hohen Temperaturen einfach sauwohl. Wovon das kommt? Ich habe keine Ahnung, über mögliche Gründe kann auch ich nur spekulieren. Erste These. Mein Familienname – den ich, seit ich Denken kann, fast täglich buch-stabieren muss – lässt es vielleicht ver-muten: In meinen Adern fliesst zu einem Viertel italienisches Blut. Mein Grossvater väterlicherseits zog nach dem 1. Weltkrieg aus unserem südlichen Nachbarland in die Schweiz. Vielleicht vererbte Nonno Mario mir ja die hitzeresistenten Gene. Zweite These. Ich machte schon als Kind zusammen mit meinen Eltern in den 1960er-Jahren Strandferien in Italien und Frankreich. Möglicherweise steckt ja seitdem eher Sand denn Schnee in meinem Betriebssystem.

«Viele dieser Kaltduscher, die den Hitzestau kriegen, sitzen nicht etwa zuhause in ihrem Kühlschrank, sondern draussen im Strassencafé und jammern lautstark über zu heisse Temperaturen. Das ist nicht nur uncool, sondern eine sich immer wieder repetierende Foltermethode für die Ohren und Spassbremse für wahre Hitzefanantiker wie mich.»

Renato Cecchet, Produzent/Redaktor

Ich verbringe meine Ferien auch heute noch vorzugsweise in warmen Gefilden, sei es im Süden Europas, in der Karibik, in Südamerika oder Asien – und das zu jeder Jahreszeit. In einem Skiurlaub war ich vor bald 20 Jahren zum letzten Mal. Nicht dass ich die Berge meiden würde. Aber auch in luftige Höhen zieht es mich eher bei sommerlichen Temperaturen. Dies obwohl mein Vater unter anderem Skilehrer war und ich als Jungspund mit zugegeben mässigem Erfolg sogar ein paar Skirennen in der kantonalen Jugenorganisation bestritt.

Denn jetzt kommt der Kontrapunkt: Ich ertrage Kälte gar nicht oder nur sehr schlecht. Genauso wie ich bei grosser Hitze kaum ins Schwitzen komme, so schnell friere ich. Ich bin ein «Gfrörli». So wie jetzt im Hitzesommer viele meiner Mitmenschen ob den hohen Temperaturen stöhnen, erleide ich jedes Jahr von Oktober bis März oder April den einge-bildeten Kältetod.

Deshalb kommt jetzt zu meiner Verteidigung die einfache Mathematik ins Spiel. Ich muss im alljährlichen Rhythmus sechs bis sieben Monate frieren, während im Sommer jeweils nur drei bis allerhöchstens vier Monate geschwitzt wird. Deshalb sage ich klar und deutlich: Das ist rechnerisch ausgesprochen unfair, ich werde in diesem urdemokratischen Land meteo-rologisch übel benachteiligt. Punkt.

Eine leicht rassistische Komponente kommt ja dann noch dazu. Während man schon fast an den Pranger gestellt wird, wenn man sich von der Hitzewelle begeistert zeigt, darf ungestraft gegen hohe Celsiusgrade geschimpft werden. Viele dieser Kaltduscher, die den Hitzestau kriegen, sitzen nicht etwa zuhause in ihrem Kühlschrank, sondern draussen im Strassencafé und jammern lautstark über zu heisse Temperaturen. Das ist nicht nur uncool, sondern eine sich immer wieder repetierende Foltermethode für die Ohren und Spassbremse für wahre Hitzefanantiker wie mich.

Genau aus diesem Grund erfreche ich mich jetzt und sage: Die Hitze ist ein wahrer Segen. Zumindest für mich. Denn in genau 142 Tagen ist schon wieder Weihnachten. Und dann ist es bestimmt saukalt. Und davor graut mir schon jetzt.

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