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Bedient euch doch gefälligst selbst!

Manuel Navarro, Redaktor

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Mit grossem Tamtam und gegenseitigem Schulterklopfen wurde diese Woche am Flughafen das neue (und – nebenbei bemerkt – wahnsinnig kreativ betitelte) Restaurant Air eröffnet. (An dieser Stelle sei übrigens auch die Werbeabteilung des Flughafens erwähnt, die zum Anlass den kongenialen Slogan «Hungair?» schuf. Gratuliere.) Die Verantwortlichen schwangen längere und kürzere Reden und übten sich in der paradoxen Kunst des gegenseitigen Eigenlobes: Man gratuliert seinem Geschäftspartner zu dessen wahnsinnig toller Zusammenarbeit und wird danach von diesem in seiner Rede mit noch mehr Komplimenten zugeschüttet. So weit, so gewohnt.

Auffallend war indes, was von den Herren als grosse Errungenschaft angepriesen wurde: Am Eingang des Verköstigungsbetriebs stehen sogenannte Self-Order-Kioske. Automaten, an welchen man seine Bestellung in den Bildschirm tippt, zahlt, um danach sein Essen abzuholen. Man ist also gewissermassen sein eigener Kellner. Das bringt einige Vorteile mit sich: Entscheidungsunfreudige fühlen sich nicht von einem arbeitenden Mitmenschen unter Druck gesetzt,Gestresste müssen sich nicht über den lahmen Gastronomiemitarbeiter ärgern und auch beim Trinkgeld schaut niemand zu kritisch hin.

Trotzdem: Mich ärgert dieser Trend. Alles soll ich heutzutage selbst erledigen. Der Flughafen ist das Paradebeispiel. Einchecken? Das soll der Passagier bitte schön selber machen, nur wer mehr zahlt, darf sich an eine der netten Damen am Schalter wenden. Die Swiss hat inzwischen sogar einen neuen Schalter eingeführt für Leute, die auch das Gepäck bereits selbst etikettiert haben. Damit werden diejenigen belohnt, die diesen Service zu Hause selbst gemacht haben. Die Swiss betont, dass man dabei einem Kundenbedürfnis nachkomme. Sie vergisst dabei, dass sie bei der Einführung der Automaten ihre Kunden konsequent von den Schaltern weggewiesen hat, wenn sie sich nicht zuvor am Gerät selbst eingecheckt haben. Was war denn nun zuerst, liebe Swiss, das Huhn oder das Ei? Oder, Pardon, eure Automaten oder das dringende Bedürfnis eurer Kunden, sich selbst einchecken zu wollen?

Mehr und mehr muss der Kunde heute alles selber machen. Im Supermarkt scannt er selber seine Einkäufe undbezahlt brav an der Kasse. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Aber mich nervt die Tendenz langsam so richtig. Aus mehreren Gründen. Erstens habe ich zum Beispiel nicht gemerkt, dass das Einkaufen deswegen günstiger geworden ist – obwohl ich immer mehr Sachen selbst machen muss, wofür die Supermärkte früher einen Mitarbeiter bezahlt haben. Aber ich will mich gar nicht nur über Mehraufwand beklagen, sondern dass – zweitens – das Ganze tendenziell dazu führen wird, dass viele Menschen demnächst schlicht auf dem Arbeitsmarkt überflüssig werden. Warum eine Verkäuferin bezahlen, wenn eine Maschine denselben Job 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche ohne Meckern undPausen machen kann? Wenn Maschinen uns die Arbeit abnehmen oder erleichtern, ist das in Ordnung. Doch wenn dadurch Arbeitsplätze verloren gehen, ohne dass wir als Gesellschaft eine Lösung dafür gefunden haben, wie wir auf diese Veränderung reagieren, ist das weniger erfreulich. Denn von einem bedingungslosen Grundeinkommen sind wir – auch wenn inzwischen viele kluge Köpfe bemerkt haben, dass wir uns zwangsläufig mit einersolchen Möglichkeit auseinandersetzen müssen – noch immer weit entfernt.

Doch noch ein weiterer Punkt stört mich: Diese Veränderung trägt noch mehr zu einer Gesellschaft bei, die zunehmend anonym und isolationistisch funktioniert. Nehmen wir das Beispiel mit den Automaten am Flughafen, mit welchen man Essen bestellen kann. Man tritt an den Bildschirm, drückt an der Maschine herum und wählt aus, was man essen will. Danach geht man zum Schalter, wo einem mit einem knappen «Merci, einen schönen Tag!» das Essen überreicht wird. Damit wäre dann auch der Höhepunkt der zwischenmenschlichen Interaktion bereits erreicht. Im krassen Gegensatz etwa zu einem bedienten Restaurant in den Staaten. Man wird am Eingang abgeholt, zu einem freien Tisch geleitet. Danach kommt ein Kellner oder eine Kellnerin, begrüsst einen und stellt sich dabei normalerweise vor: «Guten Abend, ich bin Kelly und ich bin Ihre Kellnerin heute Abend.» Als Gast hat man sofort eine Ansprechperson, einGesicht mit einem Namen.

Solche Elemente verschwindenzusehends. Als Kunde bewege ich michvermehrt in einem Umfeld, dessen zwischenmenschliche Komponenten rapide erodieren. Postämter schliessen. Die SBB säubern ihre Bahnhöfe kategorisch von Mitarbeitenden, Billette holt man heute am Automaten oder mit dem Smartphone. Alles, was menschelt, wird ausgemerzt. Ich gewinne zwar vermeintlich an Selbstständigkeit dazu, jedoch auch nur so lange, wie ich ignoriere, dass meine Möglichkeiten zur Mitgestaltung durch die Programmierung der Maschine ziemlich eindeutig begrenzt sind. Verloren geht dabei gleichzeitig der Sinn für die Gemeinschaft und die Wertschätzung für die Arbeit der anderen.

Neu sind diese Erkenntnisse bei weitem nicht. Doch mit welchem Enthusiasmus die Beschleunigung dieser Tendenz – siehe das eingangs erwähnte Beispiel – abgefeiert wird, gibt mir schon zu denken.

Erstellt: 03.02.2018, 10:24 Uhr

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