Zum Hauptinhalt springen

Die Krux mit den Kostümen

Die Anonymität des Fasnachtskostüms bietet nicht nur Anlass zum fröhlichen Miteinander, sondern auch zum Ausloten dessen, was noch gesagt werden darf.

Ein Leitartikel von Sharon Saameli

Nebst all den Anlässen, die mir für gewöhnlich Geschenke einbrachten, war die Fasnacht für mich junge Unterländerin das Grösste. In Niederglatt und – nachdem die Fasnacht dort abgeschafft wurde – in Oberglatt und Kloten präsentierte ich mich stolz als Blume oder Katze, als Clownin oder indigene Amerikanerin. Noch Monate später fand Mutter jeweils Konfetti in der Wohnung. Mich für einen Tag in eine dieser Figuren zu versetzen, mich mit meinen Vorbildern zu identifizieren, hat mir Spass gemacht. Dass Pocahontas oder auch Mulan sympathisch sind und ich mich mit ihnen solidarisiere, hat doch nichts mit Politik zu tun? Alles okay also, einmal abgesehen davon, dass wegen des Coronavirus nun einige dieser Anlässe ausfallen?

Diese Woche zeigte der Trompeter einer Basler Gugge während eines Auftritts den Hitlergruss. Am Umzug im sanktgallischen Wangs fuhr ein Wagen mit einer rassistischen Äusserung. Im belgischen Aalst verkleideten sich derweil Karnevalbesucher als orthodox-jüdische Insekten, und im spanischen Cuenca wählt ein Verein das Thema «El Holocausto» – samt Davidsternen und Naziuniformen. Das ist mehr als nicht okay, das ist eine verkehrte, verletzende Welt, die sich hier die Strassen nimmt.

Offenbar bietet die Anonymität des Kostüms nicht nur Anlass zum lustigen Miteinander, sondern auch zum Ausloten dessen, was noch gesagt und gezeigt werden darf – weils Spass macht, weils Tradition ist, oder eben weil Narrenfreiheit gilt. Irritierend ist das zunächst, weil Narren historisch gesehen Figuren waren, die kirchlichen und politischen Herrschern die Stirn boten. Mit Witz und Ironie konnten sie ihre Meinungen vertreten, ohne bestraft zu werden, und entblössten damit Machtverhältnisse. Narr zu sein hiess, nicht nach unten zu treten, sondern nach oben. Davon sind die oben genannten Beispiele weit entfernt – sie vergaukeln Minderheiten, wo sie die Freiheit hätten, «denen da oben» die Meinung zu sagen.

«Die Fasnachtsgängerin von heute sollte sich fragen, worin der Witz ihres Kostümsbesteht – und im Zweifelsfall auf Menschen hören, die sich mitdiesen Symbolen auskennen.»

Sharon Saameli, Redaktorin

Migrantinnen, Ausländer und Personen mit Migrationshintergrund weisen seit Jahren darauf hin, wie abwertend einige Fasnachtskostüme sind. Angefangen beim «Blackfacing», bei dem sich weisse Personen das Gesicht schwarz bemalen und als «Afrikaner» zur Fasnacht gehen, nicht ohne sich weiteren Stereotypen wie etwa Leopardenfell um den Hals und Knochen in der Afro-Perücke bedienen. Die Tradition des Blackfacing kommt aus den USA: In einer Zeit, in der die Sklaverei in den Staaten noch nicht abgeschafft war, machte man sich aktiv über die Unterdrückung schwarzer Menschen lustig. Rassismus ist, wie auch die obigen Beispiele zeigen, nicht passé. Also sollte sich auch die Fasnachtsgängerin von heute fragen, worin der Witz ihres Kostüms besteht – und im Zweifelsfall auf Menschen hören, die sich mit diesen Symbolen auskennen.

Auch wenn es sich nicht direkt vergleichen lässt, sollte man sich diese Frage auch beim «Indianer»-Kostüm stellen. Mitunter schrieb im Magazin «Vice» ein «echter» Indigener, wie es für seine Vorfahren bis in den 1970er Jahren verboten war, sich traditionell zu kleiden: keine Federn, kein Leder, keine langen Haare. Ein Europäer durfte sich also zu einer Zeit als «Indianer» verkleiden, als das den Indigenen selbst noch verboten war. «Ich konnte mein Kostüm nicht ausziehen. Ich musste mit der Diskriminierung leben», schreibt er.

Mir ist klar: Wenn Kinder einer Heldin nacheifern, hat das kaum mit abwertenden Gedanken zu tun. Die Frage bleibt aber, ob es nicht andere Wege gibt, ihnen ein Verständnis von Politik und Unterdrückung zu vermitteln. Und ob es nicht Kostüme gibt, die lustig, ermutigend oder niedlich sind – aber nicht verletzend. Wenn wir die Fasnachtstradition schon weiterführen wollen, dann bleiben wir doch wenigstens auch beim traditionellen Narren – der Demokratie und den Mitmenschen zuliebe.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch