ZUgespitzt

Ganz alltägliche Katastrophe

In der Kolumne «ZUgespitzt» greifen die ZU-Redaktoren Themen aus dem Unterländer Alltag auf. Heute macht sich Petra Zürcher Gedanken über Präsenz und Ablenkung.

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Beinahe, bin ich mir ihr zusammengestossen. Auf dem Weg zur Arbeit. In der Unterführung gleich neben unserem Haus. Ich auf dem Velo, sie zu Fuss. Sie hat mich nicht gesehen, so vertieft ist sie in die Lektüre ihrer Zeitung. Ich habe wie üblich geklingelt, bevor ich in die Unterführung eingebogen bin, doch das hat sie nicht gehört.

Weshalb nicht, ist mir schleierhaft. Kaum aus der Unterführung raus, der zweite Beinahezusammenstoss. Auch er hat eine Zeitung in der Hand, ist ganz vertieft in deren Inhalt und hat mich nicht gehört. Keine 300 Meter weiter dasselbe. Mein Gott, denke ich, was ist geschehen? Es muss was Schlimmes in der Zeitung stehen, niemand auf der Strasse bemerkt mich. Ein Terroranschlag vielleicht, oder ein Tsunami?

Bis zur Redaktion begegnen mir nochmals mindestens zehn solcher zeitunglesender, tauber Menschen – sogar eine Mutter mit Kinderwagen. Der Kleine brabbelte munter auf sie los. Nicht einmal ihn sieht oder hört sie. Nur durch meine Aufmerksam und mit viel Glück ist nichts geschehen. Innerlich aufgewühlt und mit weichen Knien – wohlgemerkt nicht von der Anstrengung des Radfahrens – erreiche ich meinen Arbeitsort.

Hinter mir liegen 15 Kilometer Horrorfahrt zwischen Buchs und Bülach. Mit einem tiefen Aufatmen öffne ich die Türe zur Redaktion… nur knapp verhindere ich den Zusammenprall mit einer Kollegin. Vertieft in ihre Zeitung hat sie mich nicht gesehen. Jetzt läuten bei mir sämtliche Alarmglocken. Hab ich was verpasst? Das dürfte mir als Zeitungsfrau nicht passieren. Weltuntergang, Kometeneinschlag?

Schlimmste Szenarien spielen sich in meinem Inneren ab. Kalter Schweiss bildet sich auf meiner Stirn, ein stummer Schrei raubt mir den Atem… Mein Mann legt sanft seine Hand auf meine Schulter: «Schatz, du träumst!» Ich öffne die Augen und stelle erleichtert fest: Es war tatsächlich nur ein Traum! Vier Stunden später, nach dieser Nacht nicht ganz so erholt wie gewünscht, schwinge ich mich aufs Rad. Bevor ich in die Unterführung einbiege, klingle ich wie gewohnt. Beinahe bin ich mit ihr zusammengestossen. Sie hat mich nicht gesehen, so vertieft ist sie in die Lektüre ihres Handys, die Ohren zugestöpselt… (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 11.07.2018, 16:34 Uhr

Petra Zürcher, ZU-Redaktorin

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