ZUgespitzt

Plötzlich Mörder

In der Kolumne «Zugespitzt» ­greifen Redaktoren Themen aus dem Unterländer Alltag auf.

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Am Bezirksgericht Bülach muss sich zurzeit ein Trio, bestehend aus einem Ehepaar und einem Kollegen, wegen zweier Morde verantworten. Die Verhandlung wurde zu Beginn auf vier Tage angesetzt. Inzwischen sind drei davon vergangen. Die Befragung der Beschuldigten fand letzte Woche statt. Am Montag folgten nun die Plädoyers von Staatsanwältin, Geschädigtenvertretern und dem Verteidiger des Hauptbeschuldigten.

Als ich mich am Morgen auf den Weg zum Gericht machte, wusste ich bereits, dass mich ein langer Arbeitstag erwartet. Doch als die Verhandlung um 9 Uhr begann, konnte ich nicht damit rechnen, den Raum erst um 21 Uhr wieder verlassen zu können. Die Staatsanwältin hatte angekündigt, dass sie für ihr Plädoyer bis zu vier Stunden Zeit brauchen werde. Sie war dann gar noch ein wenig schneller, sodass sie noch vor der Mittagspause ihre Anträge stellen konnte: dreimal lebenslänglich und eine Verwahrung für den Haupttäter.

Der Nachmittag begann mit den Vorträgen der beiden Geschädigtenvertreter. Spätestens als der Richter jedoch um etwa 17 Uhr angekündigte, dass nun auch noch der Verteidiger des Hauptbeschuldigten an der Reihe sei, war allen Journalisten klar: Das gibt Überstunden. Denn wir rechneten alle fest damit, dass die Verhandlung vertagt würde.

Während draussen also die Sonne unterging, hörten wir zu, wie der Verteidiger während vier Stunden versuchte die grausamen Taten seines Mandanten herunterzuspielen. Als es bereits dunkel war, gipfelte dies in der Aussage: «Auf diese feige Art tötet nur jemand, der eigentlich nicht töten will.» Der Haupttäter hat seinen Opfern Mund und Nase zugeklebt, sodass sie bei vollem Bewusstsein qualvoll erstickten. Auf diese Art fliesse kein Blut, und es bestehe kein direkter Kontakt zum Opfer, meinte der Verteidiger.

Dumm nur, dass auf dem Klebeband nicht vermerkt war, dass es tödlich sein kann. Der Hersteller kann von Glück reden, dass er nicht auch noch angeklagt wurde.

Erstellt: 19.09.2019, 11:06 Uhr

Flavio Zwahlen, Redaktor ZU

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