ZUgespitzt

Politisch nicht mehr tragbar

Martin Liebrich und sein Gilet jaune.

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Vorgestern Morgen, in der Garage, zuckte ich zusammen. Ich wollte mich eigentlich gerade aufs Velo schwingen, um zur Arbeit nach Bülach zu fahren. Zur gegenwärtigen Jahreszeit ist es noch dunkel, wenn ich losfahre, und schon wieder dunkel, wenn ich nach Hause komme. Licht am Velo ist entscheidend, und das Tragen von möglichst vielen reflektierenden Kleidungsstücken obendrein kann das Leben retten. Weiss ich spätestens, seit vor einem guten Jahr ein Lieferwagen mit 80 km/h fast in mich hineingedonnert wäre. Das Rencontre endete unentschieden: Am Lieferwagen hat es den Rückspiegel abgerissen, an meinem Oberarm bildete sich ein Bluterguss von beachtlichem Ausmass. «Nicht gesehen», hatte sich der Fahrer entschuldigt. Danach stellte ich mich und mein Velo lichtmässig auf Christbaum um.

Jedenfalls hatte ich vorgestern, bevor ich möglichst reflektierend gekleidet losfahren wollte, die Zeitung gelesen. Im Ausland-Teil so das Übliche: Brexit, Migration, Trump, Frankreich. In unserem Nachbarland protestieren sie gerade. Also die untere Mittelschicht. Teilweise gewalttätig, und auf jeden Fall augenfällig. Die Bilder haben sich in meinem Gehirn eingebrannt: Leute mit gelben Westen vor brennenden Autos, Leute mit gelben Westen vor Barrikaden, Leute mit gelben Westen mit gereckten Fäusten. Alles wirkt bedrohlich.

Und jetzt hing es in der Garage vor mir: Mein Gilet jaune, Marke Wowow, gekauft vor einem Jahr der besseren Sichtbarkeit halber. Ohne politische Hintergedanken. Allenfalls hatte ich beim Kauf ans Maillot Jaune gedacht, das in Frankreich ja ebenfalls gern getragen wird, jedoch mit völlig anderem Hintergrund.

Darf man eine gelbe Leuchtweste überhaupt noch tragen?, fragte ich mich. Oder mache ich mich dadurch schon verdächtig, ein Wutbürger zu sein, oder noch schlimmer: ein Velorowdy-Wutbürger? Um dies zu vermeiden, hätte ich vor dem Losfahren zumindest noch auf meine Weste sprayen müssen: «Je ne suis pas un gilet jaune!», doch dazu fehlte jetzt die Zeit. Und der Spray.

Die Weste sollte mich ja eigentlich schützen. Stattdessen fühlte ich mich durch sie bedroht. Sie ist politisch schlicht nicht mehr tragbar. Ich werde sie wegwerfen müssen, oder warten, bis die Protestierenden in Frankreich etwas anderes tragen und alles vergessen ist. Letzteres könnte jedoch Jahre dauern. Jedenfalls liess ich die Finger von der Weste, hängte ein zweites Rücklicht ans Velo und fuhr los.

Als nächstes werde ich die rote Ersatzweste suchen. Oder den Reflektorspray.

martin.liebrich@zuonline.ch

Erstellt: 12.12.2018, 14:01 Uhr

Martin Liebrich, Redaktionsleiter.

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