Pro & Contra

Soll man sich bei den Wahlen von Smartvote helfen lassen?

Auf der Online-Plattform smartvote.ch kann man sich anzeigen lassen, welche Kandidierenden am ehesten dem eigenen politischen Profil entsprechen. Nützliches Tool oder irreführender Hokuspokus?

Auf der Website von Smartvote können sich Interessierte inspirieren lassen, wem sie bei den Wahlen die Stimme geben.

Auf der Website von Smartvote können sich Interessierte inspirieren lassen, wem sie bei den Wahlen die Stimme geben. Bild: Screenshot smartvote.ch

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Ja

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Restaurant. Der Kellner reicht Ihnen die Karte, damit Sie bestellen können. Sie schlagen die Karte auf – und finden 966 verschiedene Optionen. «Bitte wählen Sie 35 davon aus», sagt der Kellner, lächelt freundlich und verschwindet in der Küche.

So ähnlich verhält sich die Situation bei den kommenden Nationalratswahlen am Sonntag in einer Woche. Mit dem Unterschied natürlich, dass die Kandidierenden nicht zum Reinbeissen gedacht sind. Die gestellte Aufgabe ist indes in etwa dieselbe. Wie bitte schön soll man herausfinden, welche 35 der 966 Kandidierenden im Kanton Zürich nun jene Köpfe sind, welche die eigene Meinung am wahrscheinlichsten in Bern vertreten würden?

Ohne Hilfsmittel ist das meiner Meinung nach ein Ding der Unmöglichkeit. Ich gehe davon aus, dass ich aufgrund meines generellen Interessens an der Thematik und dank meines Berufs ein paar Kandidierende mehr kenne, als der Durchschnitt. Und trotzdem würde ich ohne Hilfe untergehen. Längst nicht alle mir bekannten Nasen sind zum Beispiel auch Menschen, die meinem politischen Profil entsprechen. Und dann auch noch 35 Namen zu nennen, die nur schon in eine ähnliche Richtung denken wie ich, ist erst recht happig.

Ich oute mich deswegen hiermit als smartvote.ch-Nutzer. Seit Jahren benütze ich dieses Online-Tool, genauso wie der Nationalratskandidierenden. Die Idee ist simpel: Man füllt einen Fragebogen aus, der die eigene Position zu verschiedenen politischen Fragestellungen eruiert. Danach spuckt das Tool aus, welche Kandidierenden dieselben Fragen am ähnlichsten beantwortet haben und aufgrund dessen ähnliche Werte und Lösungsvorschläge besitzen.

Das Interessanteste dabei: Das Tool legt offen, wie oft man mit seiner eigenen Einschätzung daneben liegt. Bereits öfters habe ich vor Wahlen Menschen aus meinem Umfeld motiviert, den Fragebogen auszufüllen, statt einfach eine Liste einzuwerfen. Das Ergebnis: Viele merkten, dass die Kandidierenden, die sie ursprünglich wählen wollten, gar nicht die sind, die das vertreten, was ihnen wirklich am Herzen liegt. Denn einmal befreit von Wahlwerbung und dem Herumreiten auf bestimmten Themen legt der Fragebogen plötzlich offen, welche Positionen jeder der Kandidierenden eigentlich sonst noch so vertritt. Smartvote ist daher meiner Meinung nach ein Muss.

Nein

Wir Zürcher sind schon verwöhnt. Anders als unsere Nachbaren in Schaffhausen, welche mit nur zwei Köpfen im Nationalrat vertreten sind, dürfen wir ganze 35 Sitze besetzen. Gross ist dementsprechend auch unsere Auswahl: Fast 1000 Kandidatinnen und Kandidaten tummeln sich auf 32 Listen. In diesem Politdschungel ist es einfach, den Überblick zu verlieren. Die Idee, die hinter Smartvote steckt, ist deshalb ziemlich verlockend: Man beantwortet 75 Fragen und das System stellt eine massgeschneiderte Liste zusammen.

Diese könnte man am 20. Oktober eigentlich so einwerfen, oder? Schliesslich bekommt man zu jeder Politikerin und jedem Politiker eine Prozentzahl, die zeigt, wie stark deren Antworten mit den eigenen übereinstimmen. Man kann sogar nachschauen, wie jede einzelne Frage beantwortet wurde. Ich habe nun auch so eine Liste von 35 Köpfen, die zu etwa 80 Prozent gleich denken wie ich und kann diese mit Freunden und Bekannten vergleichen.

Wie immer sind solche Daten und Zahlen jedoch mit Vorsicht zu geniessen. Man muss auch hinterfragen, was tatsächlich dahintersteckt. Schnell fällt auf, dass sich viele der Fragen auf Smartvote jeglicher Komplexität entziehen und die Algorithmen an ihre Grenzen kommen. Was soll die Schweiz für den Klimaschutz tun? Wie bereiten wir uns auf die Automatisierung vor? Wie helfen wir älteren Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren? Das sind alles Probleme, mit welchen sich unsere Politikerinnen und Politiker in den nächsten Jahren herumschlagen müssen. Smartvote lässt diese Fragen aber unbeantwortet.

Der amerikanische Pädagoge Bill Bullard sagte einst, dass Meinungen der niedrigste Ausdruck menschlichen Wissens sind. Nirgends sieht man das besser als in der Politik. Smartvote kann ein nützliches Werkzeug sein, aber es dient letztlich nur dazu, Meinungen zu vergleichen. Es sagt nichts aus über das politische Können, die Erfahrung oder die Ideen, welche die Personen ins Parlament bringen. Es zeigt auch nicht, wie die Politiker ihre Wähler repräsentieren, geschweige denn, ob sie überhaupt bei den wichtigen Abstimmungen anwesend sind. Deshalb bin ich dagegen, die Wahlen von Smartvote abhängig zu machen. Am 20. Oktober werde ich meine Stimme an 35 Personen vergeben, die Lösungen präsentieren. Meinungen habe ich zur Genüge.

Erstellt: 12.10.2019, 10:02 Uhr

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