Pro und Contra

Soll man der Organspende-Initiative zustimmen?

Eine Volksinitiative verlangt, dass alle Personen per se Organspender sind. Wer das nicht möchte, muss dies schriftlich festhalten oder seinen Angehörigen so mitteilen.

Bei Annahme der Initiative müsste niemand mehr ein Formular für einen Organspenderausweis ausfüllen – jeder wäre ein potenzieller Spender, sofern er sich nicht explizit dagegen ausspricht.

Bei Annahme der Initiative müsste niemand mehr ein Formular für einen Organspenderausweis ausfüllen – jeder wäre ein potenzieller Spender, sofern er sich nicht explizit dagegen ausspricht. Bild: Keystone

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Ja

Der Tod ist das Tabuthema schlechthin. Obwohl er eigentlich absolut alltäglich ist, spielt er eben genau im Alltag der meisten Menschen keine wirkliche Rolle. Der Tod ist stets weit entfernt, ein Axiom zwar, aber stets unfassbar und unnahbar.

Wir werden ungern daran erinnert, dass der Tod Tatsache ist, wir setzen uns nicht gerne damit auseinander, dass es uns irgendwann nicht mehr geben wird. Und noch weniger angenehm ist es, sich zu überlegen, wie man wohl stirbt.

Das ist okay. Das ist verständlich und nachvollziehbar. Aber es ist eben auch ein Problem. Denn die Wissenschaft und die Medizin sind inzwischen so weit fortgeschritten, dass es für andere Menschen sehr wichtig geworden ist, dass wir uns diesem Thema stellen. Nein, das ist noch untertrieben: Das Überleben anderer Menschen hängt davon ab, dass wir uns mit unserem eigenen Tod auseinandersetzen.

Die Organspende-Initiative ist deshalb gewissermassen ein notwendiges Übel. Denn es wäre natürlich besser, wenn die Mehrheit der Bevölkerung sich selbst bereit erklären würde für eine potenzielle Organspende. Und damit helfen würde, Leben zu retten. Aber die Realität sieht nun einmal anders aus. Ein Grossteil der Menschen – gemäss den Initianten sind es über 80 Prozent in der Schweiz – wäre eigentlich bereit, Organe zu spenden. Den nötigen Nachweis dafür erbringen aber die Wenigsten.

Die Initiative nimmt einem diese Bürde der Auseinandersetzung mit dem Ende der eigenen Existenz ab – ohne dabei etwas daran zu ändern, dass man trotzdem immer noch selbst darüber bestimmt, was mit dem eigenen Körper nach dem Tod passieren soll. Und sie macht das mit einem eigentlich simplen Kniff: Indem man nicht mehr aktiv Ja sagen muss, sondern passiv. Und umgekehrt sich dafür einsetzen muss, wenn man dies explizit nicht möchte.

Diese Pflicht, sich gegen das potenzielle Spenden der eigenen Organe zu wehren, müssen wir aushalten können. Es zwingt uns dazu, uns wirklich zu überleben, ob unsere eigenen religiösen und moralischen Überzeugungen während unseres Lebens nach unserem Tod wirklich wichtiger sind als eine zweite Chance für jemand anderen. Wenigstens zu sagen: «Nein, ich will nicht, dass mein Körper nach meinem Tod für das Wohl anderer verwendet wird» – so legitim das auch ist –, das müssen wir uns zumuten.

Nein

Das Spenden von Organen ist zweifellos eine sinnvolle Sache. So kann ein noch so tragischer Todesfall auch etwas Gutes auslösen und ein anderes Leben verlängern. Allerdings, so finde ich, sollte jeder selber darüber entscheiden können, was mit seinem Körper nach dem Tod geschieht. Ich finde es nicht in Ordnung, dass nach einer Volksabstimmung meine Organe plötzlich der Allgemeinheit gehören, ausser ich wehre mich dagegen und halte dies in irgendeiner Form fest.

Es gibt viele Menschen in der Schweiz, die vielleicht keine Nachrichten verfolgen, nicht abstimmen wollen oder dürfen und zum Teil nicht einmal einer Landessprache mächtig sind. Wie erfahren diese Leute, dass sie selber aktiv werden müssen, wenn sie ihre Organe nicht zur Verfügung stellen wollen? Dieser Aspekt wird von der Initiative vernachlässigt.

Ein hypothetisches Beispiel: Ein ausländischer Bauarbeiter hat einen Hirninfarkt und verstirbt später auf der Notfallstation. Die Ärzte entfernen ihm das Herz und es wird gespendet. Der Mann und seine Familie wusste nichts von der Gesetzesänderung. Nun ist der Körper des Mannes entstellt, ohne dass er und seine Angehörigen einverstanden waren. Vielleicht hat ihm seine Religion das Organspenden sogar verboten oder es war gegen seine Überzeugung.

Den Spiess einfach umzudrehen und alle Menschen ungefragt zu Organspendern zu machen, nur weil viele zu bequem sind, sich um einen Organspendeausweis zu bemühen, ist ein massiver Eingriff in die persönliche Freiheit.

Das Spenden von Organen ist ein sehr persönlicher Entscheid und sollte von jedem alleine getroffen werden können. Schliesslich werden mir auch nicht einfach Spendengelder für Afrika vom Konto abgezogen und nur wenn ich mich dagegen zur Wehr setzte, bleibt das Geld auf meinem Konto. Doch genauso wie das Spenden von Organen wäre das Spenden von Afrika eine sehr sinnvolle Sache.

Dass die Initianten in die Verfassung schreiben wollen, dass bei jedem Individuum «vermutet» werden darf, dass es seine Organe spenden will, geht mir deshalb entschieden zu weit. Es braucht einen besseren Ansatz, um die Leute zum Spenden zu bringen.

Erstellt: 25.10.2019, 17:09 Uhr

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