Pro und Contra

Sollte für Hobbykapitäne weiterhin eine Promillegrenze gelten?

Der Bundesrat hat die 0,5-Promillegrenze für Gummibootkapitäne gekippt. Der Entscheid, dass auf Flüssen und Seen wieder eins über den Durst getrunken werden darf, wird kontrovers diskutiert.

Sich den Fluss runter treiben lassen und dazu ein Bier trinken, was viele eh schon getan haben, ist jetzt vom Bundesrat erlaubt worden.

Sich den Fluss runter treiben lassen und dazu ein Bier trinken, was viele eh schon getan haben, ist jetzt vom Bundesrat erlaubt worden. Bild: Johanna Bossart

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Ja

So eine Gummibootfahrt, die ist lustig – unbestritten. Und damit sie noch etwas fideler wird, pflegen offensichtlich zahlreiche Hobbykapitäne und Besatzungen mit reichlich Alkohol nachzuhelfen. Jedenfalls hat in einer Umfrage über die Hälfte eingeräumt, beim Paddeln zu bechern.

Ab 2020 darf man das wieder ganz legal – nach oben unbegrenzt. Der Bundesrat höchstpersönlich hat die Lizenz zum Rausch erteilt, indem er die 2014 eingeführte Grenze von 0,5 Promille wieder abgeschafft hat. Das ist ein Persilschein für besoffene Verkehrsteilnehmende zu Wasser, oder noch schlimmer: fast schon eine Aufforderung, die Bierkiste an Bord zu hieven.

Unmittelbar auf die Aufhebung des Verbots folgt der Appell an die Eigenverantwortung der Hobbykapitäne. Als ob das funktionieren würde! Dann wären längst alle Radarkästen an den Strassenrändern und Videokameras an Altstoffsammelstellen demontiert. Und wie sehr das Hoffen auf die Vernunft fruchtet, durfte ich diesen Winter einmal mehr auf der Skipiste beobachten.

Alkohol enthemmt und macht blind für Gefahren. Das ist bei der Feier an Land kein grosses Problem. Wenn ein trinkfester Partygast mit der Bierflasche in der einen und der Cervelat in der anderen Hand stolpert, darf er getrost liegen bleiben.

Wer jedoch im Suff über Bord geht – vorzugsweise bei starker Strömung – der muss darauf hoffen, dass ein mutiger, bestenfalls nüchterner und noch lieber ausgebildeter Retter nach ihm taucht, ehe er seine Schnapsbirne irgendwo anschlägt und auf Nimmerwiedersehen untergeht.

Buchstäblich ein Schlag ins Wasser ist der bundesrätliche Entscheid deshalb für Schweizerische Lebensrettungsgesellschaft. Seit Jahren predigt man dort, nie mit Alkohol an oder ins Wasser zu gehen. Nun fordern die ersten Politiker bereits eine Verstärkung der entsprechenden Präventionskampagnen, getreu dem Motto: Weshalb ein einfaches und preiswertes Verbot, wenn man es auch teuer und aufwendig haben kann.

Selber einem oder zwei Gläsern Wein durchaus nicht abgeneigt, sehe ich nicht ein, weshalb man das Trinkgelage nicht um ein, zwei Stunden nach hinten schieben und an Land verlegen kann, wo der Suff normalerweise weniger fatale Folgen hat. Wem der rasante Wellenritt nüchtern keinen Spass macht, der soll doch gleich zu Hause neben der Bierkiste sitzen bleiben.

Nein

Als ich erfahren habe, dass der Bundesrat die Promillegrenze für Gummibootfahrer per Anfang 2020 aufheben wird, freute ich mich zuerst. Dann wurde mir aber klar: Verändern wird sich dadurch nichts. Kontrolliert wurde ich auf dem Fluss sowieso nie.

Vonseiten der Kantonspolizei heisst es dann auch: «Schlauchboote sind Badegeräte und unterstehen nicht dem Binnenschifffahrtsgesetz. Deshalb führt die Polizei keine Alkoholkontrollen bei Böötlifahrern durch.» Bei der Kantonspolizei seien zudem keine Zwischenfälle bekannt, bei denen alkoholisierte Schlauchbootfahrer verunglückt seien.

Trotzdem galten auf dem Fluss bisher die gleichen Regeln wie auf der Strasse. Heisst: Alkoholisierte Personen – mehr als 0,5 Promille – auf Gummibooten könnten grundsätzlich gebüsst werden.

Es mag blöd klingen, aber ich spreche aus Erfahrung. Steigen die Temperaturen über 25 Grad, findet man mich und meine Freunde meist mit dem Gummiboot auf der Limmat. Was dabei nie fehlen darf: ein kühles Bier. Oder zwei. Oder drei. Zumindest ist es auch schon vorgekommen, dass ich die Promillegrenze leicht überschritten habe.

Trotzdem würde es mir nie in den Sinn kommen, mich auf dem strömenden Gewässer masslos zu betrinken. Ich habe auch noch nie stark alkoholisierte Leute in einem Gummiboot gesehen. Der Appell an die Eigenverantwortung scheint also gar nicht so dumm zu sein, wie manche denken. Zu gross ist der Respekt vor der Strömung.

Hochprozentigen Alkohol würde ich auf dem Wasser nie konsumieren, Promillegrenze hin oder her. Zudem ist es zu umständlich, auf dem Fluss irgendwelche Cocktails zu mixen. Das Dosenbier bleibt also das perfekte Gummiboot-Getränk. Allzu viele davon kann man aber nicht mitnehmen. Einerseits gibt es auf dem Boot zu wenig Platz, andererseits wird das Bier bei den warmen Temperaturen zu schnell warm.

Wer besoffen auf der Skipiste oder auf der Strasse unterwegs ist, gefährdet dadurch andere Leute. Das ist ein absolutes No-go. Auf dem Gummiboot gefährdet man hingegen niemanden.

Ich glaube also nicht, dass die Aufhebung der Promillegrenze zu Saufgelagen auf den Schweizer Flüssen führen wird. Mit der Änderung wird lediglich eine überflüssige Regel aufgelöst. Denn Kontrollen wurden ohnehin keine durchgeführt.

Erstellt: 03.05.2019, 16:47 Uhr

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