Leitartikel

Mit dem Bagger gegen die Geschichte

Manuel Navarro zum Fall «Fröschegrueb».

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Es war – der Ausdruck sei in diesem Fall erlaubt – ein geradezu legendärer Streit, der in Regensdorf über Jahre hinweg ausgefochten wurde. Gezankt wurde um ein altes Bauernhaus, die «Fröschegrueb», die im 16. Jahrhundert erbaut wurde und prominent im Dorfkern von Regensdorf stand. Die Streithähne: Der Besitzer des Hauses, von Beruf Architekt, und die Zürcher Vereinigung für Heimatschutz (ZVH), ein Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, baukulturelles Erbe und Kulturlandschaften zu schützen. Die Fröschegrueb als Jahrhunderte altes Relikt der Geschichte von Regensdorf wurde 2003, drei Jahre bevor es vom jetzigen Besitzer gekauft wurde, rechtskräftig unter Schutz gestellt.

Genützt hat es nur bedingt. Der Zustand des Gebäudes verschlechterte sich mehr und mehr, 2014 stürzte ein Teil davon sogar ein. 2015 schliesslich folgte für das Haus ein Ende mit Schrecken: Die Gemeinde liess es abreissen, obwohl zu dem Zeitpunkt fraglich war, ob Regensdorf dies in dem Moment überhaupt erlauben durfte. Seit dieser Woche ist nun bekannt, dass an der Stelle des ehemaligen Bauernhaus ein ähnlich aussehend müssender Ersatzbau entstehen kann. Damit dürfte dieses Kapitel Regensdorfer Geschichte endgültig abgeschlossen sein.

Der Fall der Fröschegrueb bleibt aber ein Trauerspiel. Obwohl das Gebäude rechtlich geschützt war, konnten sein Zerfall und seine schliessliche Zerstörung nicht verhindert werden. Mit dem Bagger vernichtete man im Juli und im August 2015 einen Teil Geschichte. Der ZVH zog den Fall vor das Baurekursgericht und erhielt von diesem Recht, auch wenn man in Regensdorf bis heute nicht akzeptieren will, dass dies die einzige Interpretation des Urteils sein kann. Dem ZVH nützt das indes natürlich herzlich wenig, um den Erhalt des Gebäudes hat er letztlich vergebens gekämpft.

Bitter daran ist, dass dieses Ergebnis scheinbar von Anfang an in Kauf genommen worden war. Ob absichtlich oder nicht, spielt letztlich nur bedingt eine Rolle. Denn eigentlich war schon 2006, als das Gebäude zum letzten Mal den Eigentümer wechselte, völlig klar in welchem Zustand es sich befand und das man viel Geld würde investieren müssen, um das Haus wieder auf Vordermann zu bringen und um es zu modernisieren, ohne dabei die Schutzauflagen zu verletzen. Passiert ist das Gegenteil. Konsequent verlotterte das Gebäude. Dass man dann fast zehn Jahre später darauf hinweist, dass das Bauernhaus nun abgerissen werden muss, weil es sonst ein Sicherheitsrisiko darstellt – was wohl stimmte – mutet vor diesem Hintergrund gelinde gesagt eigenartig an.

Unfair ist der Ausgang dieser Geschichte auch für all diejenigen potentiellen Käufer, die 2006 vielleicht auch Interesse an der Fröschegrueb gehabt hätten, darauf aber verzichtet hatten, weil sie nicht in der Lage oder gewillt waren zu unternehmen, was nötig gewesen wäre.

Einen mehr als schalen Nachgeschmack hinterlässt diese Geschichte deshalb bis heute. Und noch aus weiteren Gründen. Dass nicht alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes so sehr an alten Bauernhäuser hängen wie die Mitglieder des Zürcher Heimatschutzes dürfte auf der Hand liegen. In vielen Fällen scheint der Verein uneinsichtig stur zu sein, was zwar irgendwie verständlich ist, aber wohl tatsächlich nicht immer einer einvernehmlichen Lösung zuträglich ist. Das ändert aber nichts daran, dass im Falle der Fröschegrueb die Lage bereits klar war: Eine offizielle Behörde, nicht der Heimatschutz, der dazu gar nicht die Kompetenzen gehabt hätte, hatte das Gebäude für schutzwürdig erklärt. Eine Behörde, die wir als Gesellschaft mittragen und solange legitimieren, wie sie nicht abgeschafft ist. Und um den Entscheid dieser Behörde und damit im weiteren Sinne um den Entscheid von uns als Gesellschaft hat man sich foutiert.

Höchst unschön ist auch, dass es gerade im Unterland auch Beispiele dafür gibt, wie es anders hätte sein können. In Höri etwa hat Philippe von Burg – er ist wie der Besitzer der Fröschegrueb Architekt von Beruf – ebenfalls in den letzten Jahren ein Bauernhaus gekauft, welches bereits Jahrhunderte alt ist. Und von Burg hat es, in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege, mit viel Liebe zum Detail und mit grossem Aufwand restauriert, obwohl es im überkommunalen Schutzinventar aufgeführt ist.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Wohnungen, die darin entstanden sind, kombinieren geschickt alte Baumasse mit moderner Technologie. Und: Für alle Wohnungen wurden Abnehmer gefunden. Mehr noch, einige der Bewohner haben sogar ganz bewusst nach dieser Art von Zuhause gesucht, der neueste Mieter etwa hat über zwanzig Jahre lang alte Ofenplatten und eine geschmiedete Kamintüre bei jedem Umzug mittransportiert, bis er endlich eine Wohnung gefunden hatte, wo er sie wieder verwenden konnte. Ein weiteres Beispiel findet sich in Birchwil, auch dort wurde ein Bauernhaus, welches auf 1829 datiert ist und 2015 unter Schutz gestellt worden war, modernisiert. Die sieben Wohnungen, die dabei entstanden sind, sind bis auf eine bereits alle vermietet. Und in Freienstein wurde 2016 ein weiteres geschütztes Bauernhaus aus dem Jahre 1651 restauriert und umgebaut. Auch dieses Haus ist seit längerem Vermieter. Mehr noch: Frank Beat Keller, der Architekt, der das Haus saniert hat, würde sich gerne wieder einem ähnlichen Projekt im Unterland widmen.

Es geht also. Und es wäre mit Sicherheit – die Aussage wage ich, auch wenn ich kein Architekt bin – irgendwie auch Regensdorf möglich gewesen. Die Frage bleibt, wie man weitere solche Fälle verhindert. Schliesslich ist die Fröschegrueb bei Weitem kein Einzelfall, auch im Zürcher Unterland nicht. Klar ist, dass die möglichen Bussen nicht wirklich greifen. Experten wie Strafrechtsprofessor Martin Killias – der im Fall Regensdorf als Präsident des ZVH beteiligt war – haben deshalb bereits andere Vorschläge gemacht. Eine Möglichkeit wäre, den Gewinn einzuziehen, welchen die fehlbaren Bauherren und Besitzer durch ihr illegales Vorgehen erwirtschaften. Das würde zumindest empfindlich die Motivation senken, solche Gebäude absichtlich verlottern zu lassen.

Erstellt: 25.01.2019, 17:46 Uhr

Manuel Navarro, Redaktor ZU.

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