Leitartikel

Ein Fehler ist kein Verbrechen

Ein Pilot oder ein Fluglotse macht einen Fehler. Man findet die Ursache, ändert, korrigiert; so wird das Fliegen sicher. Nur: Haben Pilot und Lotse Angst, vor Gericht gestellt zu werden, melden sie ihren Fehler nicht.

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2018 sind 4,3 Milliarden Fluggäste befördert worden. Das ist ein voller Airbus A319 (138 Sitze) jede Sekunde. Die Wachstumsprognose: eine Verdoppelung, auf 8,2 Milliarden, bis ins Jahr 2037. Die Aviatik wird komplexer, als sie es heute schon ist, die Arbeit wird noch anspruchsvoller: bei der Flugverkehrskontrolle, bei den Piloten, bei der Abfertigung, bei der Wartung. Und damit steigt das Risiko für Fehler.

Doch Fliegen ist sicher. Wenn ich ein Ticket kaufe, will ich nicht nur schneller und oft auch billiger reisen als mit der Bahn oder dem Auto, sondern auch sicherer. Wohl hab ich im Hinterkopf, dass Menschen keine fehlerlosen Wesen sind. Aber angeschnallt in meinem Economy-Sitz will ich erwarten dürfen, dass in der Luftfahrt alles Menschenmögliche getan wird, um Fehler zu verhindern; ob bei der Triebwerkwartung im Hangar oder an der Kreuzung zweier Luftstrassen.

Und dann passiert doch etwas. Jemand begeht einen Fehler, Gefahr droht. Ein Vorfall, ein Unfall, eine Airprox (gefährliche Annäherung in der Luft). Die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (Sust) nimmt umgehend die Arbeit auf, rekonstruiert, befragt, sucht nach Kausalzusammenhängen, nach den Ursachen. Bis die Experten geklärt haben, was sie klären können, vergehen Jahre. Sie legen einen Abschlussbericht vor, ein öffentliches Papier, das nur einen Zweck hat: Fehler im System aufzudecken, um Unfälle zu verhüten.

Und dann, wenn der Bericht auf dem Tisch liegt, tritt ein ganz anderer, ein systemimmanenter Fehler auf. Da liest man auf Seite 3 den einen Satz: «Es ist nicht Zweck dieses Berichts, ein Verschulden festzustellen oder Haftungsfragen zu klären» – trotzdem tritt plötzlich die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Und sie versucht, notabene ausgerechnet aufgrund der im Sust-Bericht geschilderten Fakten, genau das zu tun: einen Schuldigen zu finden, ihn vor Gericht zu stellen und ihn für den Fehler zu bestrafen.

Zugegeben, häufig passiert das nicht. Denn dazu muss eine konkrete Gefährdung vorliegen; eine «nahe und ernsthafte Wahrscheinlichkeit, dass es zur Tötung oder Verletzung von Personen kommt». Das ist äusserst selten gegeben. Und wenn Staatsanwalt Olivier Bertschy am Aviatiksymposium vom Mittwoch argumentierte, es könne aufgrund der geringen Fallzahl keineswegs von einem «Kreuzzug der Staatsanwälte gegen die Fluglotsen» die Rede sein, so hat er bestimmt recht. Nur: Das Problem ist nicht die Quantität. Der eigentliche Systemfehler liegt darin, dass hier überhaupt die Frage nach Schuld und Bestrafung gestellt wird. Und dabei steht nicht weniger auf dem Spiel als die Sicherheit der Passagiere.

Der Zusammenhang wird deutlich, wenn man sich den Standpunkt der Airlines vergegenwärtigt: Die EU-Verordnung 376/2014 schreibt in der europäischen Luftfahrt die allgemeine Meldepflicht bei Vorfällen vor, ebenso die Schaffung eines freiwilligen Meldewesens in Unternehmungen. Die Swiss hat, nebst vielen anderen Massnahmen, ihr internes Rapportwesen umgestellt: Zuvor hatten Besatzungen Probleme und Vorkommnisse direkt an den Flottenchef zu melden. Seit Januar 2018 wird stattdessen an die Safety-Abteilung rapportiert – eine zwar betriebsinterne, aber gegenüber dem Angestellten punkto Anstellungsverhältnis oder Qualifikation unabhängige Meldestelle. Die Folge: In vier Monaten hatte sich die Zahl der Meldungen verdoppelt.

Der Mechanismus ist klar: Wer eine offene Fehlerkultur haben will, muss primär Vertrauen schaffen. Jedwede Angst vor Repressalien steht dem diametral entgegen. Und wer Schuldige sucht und nach Bestrafung verlangt, der sät diese Angst. Deshalb sollte ein Staatsanwalt auf keinen Fall seine Hände im Spiel haben, während es darum gehen soll, ein möglichst genaues, weil vollständiges und unverfälschtes Bild einer im Alltag entstandenen Gefahrensituation zeichnen zu können.

Also völlige Straffreiheit für alle Berufsleute in der Aviatik? Nein! Weder ein Kontrollturm noch ein Cockpit ist ein rechtsfreier Raum. Wer durch vorsätzliche Verstösse und destruktives Handeln Menschenleben gefährdet, der soll dafür zur Rechenschaft gezogen und auch bestraft werden. Aber genau hier sollte auch der Staatsanwalt ansetzen müssen; nämlich bei der Frage nach der Intention und dem Vorsatz – und nicht bei der Frage nach der Art der Gefahr.

Ja, Fehler können gefährliche Folgen haben, insbesondere in einem so komplexen System wie der Luftfahrt. Noch gefährlicher aber ist eine Rechtspraxis, bei der Menschen für «honest mistakes», für ehrliche Fehler, die ihnen unterlaufen, während sie mit bestem Wissen und Gewissen ihren Beruf ausüben, strafrechtlich belangt werden können. Wenn die Staatsanwaltschaft den Piloten bestraft und dem Controller die Lizenz entzieht, dann habe ich als Konsument davon überhaupt nichts. Mein Flug wird dadurch keinen Deut sicherer. Wenn aber Probleme verschwiegen, Fehler vertuscht und potenzielle Gefahren aus Angst vor dem Strafgesetzbuch verheimlicht werden, dann gefährdet das die Sicherheit. Und daran kann niemand ernsthaft ein Interesse haben – zuallerletzt der Passagier.

Erstellt: 13.04.2019, 09:16 Uhr

Florian Schaer, Redaktor (Bild: Leo Wyden)

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