Leitartikel

Gedanken zu Weihnachten

Franziska Driessen-Reding, Präsidentin Synodalrat der Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich.

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Maria, Josef, das Kind, alle drei in einem Stall, draussen auf freiem Feld, weggejagt aus der Stadt, Rayonverbot. Zivilstand der Eltern ungeregelt, Zukunft der Familie ungewiss. Die einzigen Begleiter sind Hirten, die Aussenseiter der damaligen Welt. Es zieht, es ist kalt und ungemütlich. Der «Heiligen Familie» gehts wirklich schlecht. Ausgerechnet hier wird Gott Mensch.

Die Kirchen haben dann goldene Paläste errichtet, in denen die Menschen Gott finden sollen. Natürlich, auch ich besuche gerne schöne Kirchen, lasse mich von Architektur und Kunst beeindrucken. Und mit mir ganz viele Menschen, die in Kirchenräumen Ruhe, Geborgenheit, Schutz und auch Gott finden. Aber mit dem Stall von Bethlehem haben unsere Kirchen nicht viel gemeinsam, die Krippe ist nur Dekoration zur Weihnachtszeit. Die Krippe von Bethlehem steht ausserhalb schützender Mauern, im rauen Wind gesellschaftlicher Niederungen.

Im rauen Wind steht auch meine katholische Kirche, vor allem die Verantwortungsträger. Was im vergangenen Jahr wieder zum Vorschein kam, hat nun ­definitiv nichts mehr mit der Botschaft dessen zu tun, der da in Bethlehem in der Krippe lag. Weder Missbrauch, Übergriffe oder pures Machtgehabe noch mit Heiligenschein und üppigen Gewändern getarnte patriarchale Überheblichkeit haben in einer Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft, Platz. Ich bin froh, dass wir in der Schweiz dank unserer direkten Demo­kratie auch in der katholischen Kirche die Verantwortung teilen können. Mit ­engagierten Kirchen­pflegen und unserem Parlament, der Synode, wirddie Macht sehr gut verteilt.

Wie gelingt es uns also immer wieder von neuem, den richtigen Weg zu finden, uns nicht ­blenden zu lassen? Unser Stern steht über der Krippe von Bethlehem, an nichts ­anderem sollen wir uns orientieren. Er leuchtet da, wo wir als christliche Gemeinschaft Menschen Hoffnung schenken. Wo Notleidende Hilfe erfahren, ­Gebeugte Kraft tanken und sich aufrichten können, Fremde ein Stück Heimat finden. Da zeigt sich Gott in unserer Welt, heute wie vor 2000 Jahren.

Das erlebe ich auch in meinem Alltag als Präsidentin des ­Synodalrats, der Exekutive der katholischen Kirche im Kanton ­Zürich. Regelmässig darf ich in unseren anderssprachigen Migrantenseelsorgen lebendige Gemeinden erleben, wo Menschen aus allen Ecken dieser Welt zu einer hoffnungsvollen Gemeinschaft zusammenfinden. Seien sie aus freien Stücken zu uns ­gekommen oder aus Not und Verfolgung hier eine neue Heimat suchen.

Gerne besuche ich immer wieder eine Messe in einer anderen Sprache – im ­Kanton werden in insgesamt 22 Sprachen Gottesdienste gefeiert! Ohne eine grosse Reise planen zu müssen, haben wir Einheimischen vor der Haustür Einblick in andere Kulturen und Traditionen. Immer wieder höre ich von dankbaren Patienten in Kliniken und Spitälern und deren Angehörigen, denen ein gutes Wort unserer Seelsorgerinnen und Seelsorger gutgetan hat. Von Insassen in den Gefängnissen, die ihr schuldbeladenes Gewissen erleichtern können. Von Unfallopfern, die dank der Notfallseelsorge den ersten Schock ­verarbeiten konnten. Ich erlebe Menschen, die mitten im prallen Leben in kirchlichen Räumen der Stille im Hauptbahnhof, am Flughafen oder im Glattzentrum einen Moment innehalten und ein offenes Ohr finden. Begeistert bin ich vom Engagement so vieler Jugendlicher, die sich in unseren Jugendverbänden für Kinder und andere Jugendliche einsetzen und so lernen, Verantwortung zu übernehmen.

All das und noch ganz viel mehr erlebe ich tagtäglich in meiner Kirche. Natürlich auch bei der reformierten Schwesterkirche. Ganz viele dieser Angebote ­tragen wir heute gemeinsam. Wir sollten das noch viel mehr tun. Denn überall hier kommt der Stern von Bethlehem zum Vorschein. Das ist die Kirche,für die ich mich engagiere. Deshalb bin ich all den vielen Männern und Frauen unendlich dankbar, die an so vielen Orten, öffentlich oder im Kleinen ­verborgen, das Geheimnis von Weihnachten lebendig halten. Hier bei uns im Kanton Zürich, heute und morgen. Damit der Stall von Bethlehem nicht nur romantische Dekoration ist, sondern lebendiges Zeichen dafür, dass Gott unter uns Menschen lebt. Mit allen Konsequenzen, die das bedeutet.Ich wünsche Ihnen allen eine ­gesegnete und hoffnungsvolle Weihnachtszeit.

Erstellt: 24.12.2018, 09:23 Uhr

Franziska Driessen-Reding, Präsidentin Synodalrat der Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich.

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