Leitartikel

Im Drohnenkrieg kommt es zur Abrüstung

Seit Quadrocopter so günstig sind wie Handys, probt geschätzt ein Drittel der Bevölkerung den Aufstand gegen die Dinger. Derweil stellt sich die Frage: Wo sind all die 100000 Drohnen eigentlich überhaupt?

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Im Begriff Drohnen steckt das Verb «drohen» drin. Einst noch zur Hauptsache als Militärgerät verstanden, finden sich heute die kleinen und kleinsten Objekte der unbemannten Luftfahrt vor allem zwischen zwei zivilen Fronten wieder: In einem vorwiegend im Internet geführten Debattenkrieg sieht sich jeder Drohnenpilot, sei er nun Filmemacher, Fotograf oder gemeiner «Hobby-Drohnist», einer heterogenen Armada von Kritikern gegenüber. Letztere rekrutiert ihre Kräfte aus Naturschützern, Ornithologen, Airlinepiloten und Modellflugexperten, aus Gartenbesitzern, Sonnenbadern, aus Datenschutzfanatikern und Verschwörungstheoretikern.

Berechtigte Ängste oder medial aufgebauschte Paranoia? – Ja, es ist schwer zu leugnen: Man kann mit einer Drohne Übles tun, ob beabsichtigt oder nicht: Privatsphären verletzen, Drogen und Waffen über eine Gefängnismauer hieven zum Beispiel, oder Daten klauen. Das Ding kann auf Menschen oder Menschengruppen abstürzen, mit Bäumen, Häusern, Flugzeugen, Autos oder anderen Drohnen kollidieren, Wildtiere und Mittagspausemacher aufschrecken. Abgesehen davon vertragen sich Rotoren, die 500 Gramm in die Luft heben sollen, denkbar schlecht mit Fingern oder anderen Körperteilen.

Da gibt es also eine ganze Liste von Argumenten, die ganz generell gegen den Drohnenflug oder zumindest für arge Restriktionen sprechen. Allein, die Gegnerschaft hat bislang keine wirklich wirksame Waffe in ihrem Kampf gegen das Hobby. Stattdessen gab es eine veritable Drohnenschwemme: 2018 waren es in Schweizer Haushalten über 100000 Exemplare – die Drohne, das bezahlbare Hightech-Weihnachtsgeschenk für die ganze Familie, made in China.

Alsbald schrien die Drohnengegner auf, verlangten nach Regeln, Gesetzen, Verboten, Einschränkungen. Europa war willig, aber demokratisch. Es dauerte. Jedes Land regelte ein bisschen für sich, verlangte mal feuerfeste Adressetiketten, mal den steten Sichtkontakt des Piloten mit seinem Gerät. Man limitierte Flughöhen, definierte Sperrgebiete – halten sich die «Drohnisten» dran? Wer weiss das schon? Und lässt sich das überprüfen?

2020 kommt das EU-Recht, klare Regeln für alle, auch in der Schweiz. Eine Onlineprüfung für Piloten, eine Registrierungspflicht und eine Maximalflughöhe von 120 Metern. Macht das den Luftraum sicherer? Werden sich alle an die neuen Vorschriften halten? Wird das überprüft? Ist die Anti-Drohnen-Fraktion dann besänftigt? – Wohl kaum. Man wird sagen, der Multiple-Choice-Test sei zu einfach, das Mindestalter von 12 Jahren zu niedrig, die Strafen zu milde.

Und doch gibt es da Hoffnung, dass sich die Wogen dereinst glätten werden. Nein, nicht mit Verboten, Ängsten und Verteufeln. Etwas anderes müsste eigentlich jeden Drohnengegner ruhig schlafen lassen: Das Hobby hält meist nicht lange hin! Wenn in der Schweiz mehr als 100000 Drohnen verkauft wurden, dann müsste man täglich einige Dutzend dieser Dinger am Himmel beobachten können. Tut man aber nicht.

Wer eine Drohne kauft oder geschenkt bekommt, der fliegt damit zwei-, dreimal herum. Das eigene Haus von oben, Garten mit den Enkeln von oben, das Dorf von oben. Das ist toll. Den Hundespaziergang und den Skiausflug im Wallis von oben, auch toll. Die mühsam grossen Videodateien schneiden, mit Tonspuren unterlegen. Und dann wem zeigen? Die ganze Familie hat sich das schon zweimal angesehen. «Ja, ganz hübsch», sagte man und erzählte von einem spektakulären, «professionellen Drohnenfilm» auf Youtube.

Freilich, man nimmt die Drohne noch zwei- oder dreimal in den Urlaub mit, aber auch die Familienfilme «Sandstrand von oben» und «Segelboot von oben» sind nach einer Weile nur noch mässig prickelnd. Zurück zu Hause landet der Quadrocopter im Kasten mit der übrigen Elektronik. Das ist der eigentliche Grund, warum von den 100000 Drohnen keine zu sehen ist. Es kommt zur Abrüstung durch Verstaubung.

Zudem stellen die Onlinehändler 2019 fest: Der Hype um die Quadrocopter ist vorbei, der Markt gesättigt. Ja, auch dieses Weihnachtsfest wird zusätzliche Unterländer Drohnenpiloten hervorbringen. Aber wenn die Beschenkten nicht gleichzeitig auch Berufsfotografen oder Filmemacher sind, werden die Feinde der Hobbydrohne auch in Zukunft ruhig schlafen können – und zwar ungeachtet jedweder neuer Gesetze.

Erstellt: 18.11.2019, 11:57 Uhr

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