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Weshalb das Virus die Medien dominiert

Ist die Berichterstattung über Corona zu viel des Guten? Nein, meint «ZU»-Redaktionsleiter Martin Liebrich. Denn die Krise hat Einfluss auf alle Bereiche des Lebens.

Es gibt viele Arten, die Tragweite der momentanen Situation zu erklären. Unter anderem lässt sie sich fassen anhand von Dingen, die passiert sind, die noch vor ein paar Wochen aber schlicht undenkbar gewesen wären. Etwa hat die Schule bisher immer stattgefunden. In Basel 1986 sogar, als sich in Schweizerhalle ein schweres Chemieunglück ereignete, der Rhein rot durch die Stadt floss und die Bevölkerung aufgerufen wurde, die Fenster zu schliessen.

Bisher waren Läden selbstverständlich offen, es wurden eher noch längere Öffnungszeiten gefordert, der öffentliche Verkehr und die Strassen waren voll bis übervoll. Jetzt sind die Schulen zu, alle Läden geschlossen, die nicht der Grundversorgung dienen, die Strassen leer, der öffentliche Verkehr eingeschränkt. Schon zuvor wurden die Spitäler oder Altersheime für Besucher geschlossen. Vor jeder Radio-Nachrichtensendung und sogar eingeblendet in TV-Spielfilmen erfolgt die Empfehlung des Bundesrates, daheim zu bleiben, wenn man nicht unbedingt nach draussen muss.

Seit Anfang März machte Corona etwa drei Viertel der Front-Storys im «Zürcher Unterländer» aus. Wir hatten Ausgaben, in denen fast nichts mehr anderes zu lesen war. Einigen ist das schlicht zu viel. Sie verweisen darauf, dass es auch noch andere Themen gibt als Corona. Das Klima, die Flüchtlinge, die Begrenzungsinititive, das Rahmenabkommen, die Wahlen in den Vereinigten Staaten. Oder irgend etwas Erfreuliches.

Tatsächlich: Alles äusserst wichtige Themen, teilweise vielleicht von noch grösserer Tragweite als das Corona-Virus. Und trotzdem sind praktisch alle diese Themen von der Corona-Thematik zumindest tangiert. Das Klima: Der globale CO2-Ausstoss sinkt, weil der Flugverkehr praktisch stillsteht. Nur freut sich darüber wohl niemand, vor allem nicht im Zürcher Unterland mit seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Flugverkehr. Und weil Versammlungen nicht erlaubt sind, finden auch keine Klima-Demos statt. Jedenfalls nicht im gewohnten Rahmen. An das Schicksal der Flüchtlinge im Fall eines Corona-Ausbruchs in einem der Lager mag man gar nicht denken. Die Begrenzungsinitiative hätte im Mai vors Volk kommen sollen. Nun ist die Abstimmung verschoben. Wegen des Corona-Virus’. Beim Rahmenabkommen könnte die Krise Aufschub bezüglich Massnahmen gewähren. Die Wahlen in den USA laufen an. Aber das Virus prägt bereits die Vorwahlen.

«Die Rückkehr zur Normalität wird auch wieder ein grosses Thema sein.»

Martin Liebrich, Stv. Chefredaktor

Corona durchdringt alle Bereiche des Lebens. Und deshalb müssen die Medien darüber berichten. Absagen von Veranstaltungen mussten vermeldet werden, damit niemand vor verschlossenen Türen steht. Die wirtschaftliche, kulturelle, sportliche, gesellschaftliche, gesundheitspolitische Situation gilt es zu beleuchten und zu erklären, was die Konsequenzen der Krise sein könnten. Es hilft, sich schon darauf einzustellen. Mitteilungen über neue Verbote müssen möglichst viele Leute erreichen. Deshalb gehören sie in alle Medien. Wie sonst begreift man, weshalb Abstand halten so wichtig ist, und was das mit wohl bald überlasteten Spitälern zu tun hat?

Trotzdem leuchtet es ein: Der nicht abreissen wollende Strom von Hiobsbotschaften kann die Gemütslage ganz schön trüben. Auch wir hoffen auf gute Mitteilungen. Falls Sie erfreuliche Nachrichten haben: Schicken Sie diese auf region@zuonline.ch.

Und eines ist garantiert: Wenn wir die Krise überwunden haben und zur Normalität zurückkehren, wird dies auch ein grosses Thema sein bei uns. Schulen, die öffnen, Geschäfte, in denen man wieder einkaufen kann, der überfüllte öffentliche Verkehr und die vollen Strassen. Wie wir unser Leben wieder aufbauen. Und ja: leider auch wieder die Klimaerwärmung, die Flüchtlinge, die anderen ungelösten Probleme.

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