Kommentar

Zu bequem, um das Klima zu retten

Martin Liebrich zum ausgerufenen Klimanotstand und dem gleichzeitigen Scheitern der Eigenverantwortung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das ist ja das Praktische an der Klimadiskussion: Es gibt immer andere, die noch grössere Klimasünden begehen als man selbst. Oder in einem anderen Gebiet. Man kann dann auf sie zeigen und ist selber fein raus: Der frisst mehr Fleisch als ein Löwe! Und die kauft ständig neue Kleider – nicht Bio! Du kommst mit dem Auto zur Arbeit? Oh … du heizt mit Erdöl? Oh … Der Schwarze Peter lässt sich so vielleicht nicht ewig hin- und herschieben, aber doch so lange, bis die Diskussion nochmals auf eine andere Ebene gehievt wird. Zum Beispiel durch einen Klimaskeptiker, der alles grundsätzlich infrage stellt.

Klimaskeptiker mal aussen vor gelassen, manifestierte sich das Ergebnis der Hin- und Herdiskutiererei am vergangenen Montag in verdichteter Form. Da wurde im Zürcher Kantonsrat der Klimanotstand ausgerufen, abends wurde klar, dass sich auch der Opfiker Stadtrat mit Fragen zum Klima beschäftigen muss. Gleichentags legte der Flughafen Zürich seine Zahlen für den April vor. 0,9 Prozent mehr Passagiere flogen verglichen mit April 2018 via Kloten.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die Zahl der lokalen Passagiere sank um 0,6 Prozent. Möglicherweise zeigt die Klimadebatte tatsächlich erste Auswirkungen auf Flugreisen ab Kloten. Nur stieg die Zahl der Umsteigepassagiere um 4,9 Prozent – was insgesamt eben zu einem Wachstum führt. Fazit: Wir können wieder auf die anderen zeigen – und vergessen, dass die Schweizer nach wie vor viel mehr fliegen als die Bewohnerinnen und Bewohner umliegender Länder. Abgesehen davon: Darf man im Zürcher Unterland jubeln, wenn weniger Personen fliegen? Weniger Flugpassagiere könnten schnell zu steigenden Arbeitslosenzahlen führen.

Auch abseits wirtschaftlicher Fragen geht das Dilemma weiter: Welche Flugreisen machen Sinn? Eine Griechisch-Klasse der Kanti Bülach flog in den Frühlingsferien zu Bildungszwecken nach Griechenland. Wer jahrtausendealte Zeitzeugen oder eine fremde Kultur selber und vor Ort sieht, entwickelt ein ganz anderes Verständnis dafür, als wer sich ein Youtube-Video darüber anschaut. Da geht es auch um die sinnliche Komponente, und darum macht es Sinn: Man kann Bauten berühren, genau anschauen, nebenbei fremde Speisen probieren oder mit den Leuten vor Ort sprechen. Das erweitert den Horizont.

Andererseits: Was interessiert es das Klima, ob ich in die Ägäis fliege, um meinen Horizont zu erweitern? Der Umwelt ist die Sinnfrage egal. Da kann ich auch nach Mallorca jetten, um mir am Ballermann die Lampe zu füllen. – Sollte man also das eine tun und das andere lassen? Oder eines von beiden verbieten? Die Flugzeug-Spasstour nach Malle zu untersagen oder ihr auch nur schon den Sinn abzusprechen, wäre elitär. Und vielleicht auch nicht sehr demokratisch. Denn möglicherweise treten mehr Menschen die Spassreise an als die Kulturreise. Obwohl man auch daheim über den Durst trinken könnte – also ohne ins Flugzeug zu steigen. Andererseits ist Athen auch auf umweltschonendere Weise erreichbar als per Flug: In 42 Stunden ist man mit Zug und Bus dort. Mit Hin- und Rückfahrt würde eine einwöchige Kulturreise jedoch bald mehr Reise umfassen als Kultur. Doch zurück zum Klima, denn hier ist die Destination Athen ein sehr gutes Beispiel. Der Flug verursacht etwas mehr CO2-Emissionen, als jede Person maximal pro Jahr verursachen dürfte, damit der Klimawandel gestoppt würde. 600 Kilo wären das gemäss Myclimate.ch.

Es wird schnell deutlich: Gefragt ist jede und jeder Einzelne. Gefragt ist Verzicht. Es bedürfte gewisser Opfer, um den Klimawandel aufzuhalten. Führt man sich vor Augen, was das bedeuten würde, ist mit Klimaschutz aber bald einmal fertig. Denn es würde wehtun. Auch mir, denn ich verfalle gerne in die gleichen Ausreden und Gründe wie viele andere auch, um mir zu erlauben, das Klima zu schädigen. Die gebuchte Überseereise müsste ich sonst postwendend streichen – kein Besuch bei alten Freunden, die dort leben, kein Wiedersehen mit dem ausgewanderten Teil der Familie. In anderen Bereichen dasselbe: Es ist bekannt, wie das Klima zu schützen wäre. Aber es ist bequemer, günstiger, kulinarisch reizvoller und modischer, es nicht zu tun.

So wird dann doch wieder an die Politik appelliert – sie soll handeln. Nur hat der Zürcher Regierungsrat am Montag bereits auf so ziemlich jede der aus dem Kantonsrat an ihn gerichteten Fragen geantwortet und gezeigt, dass bereits alles Mögliche fürs Klima getan wird. – Also doch radikalere Schritte wie durch die Politik verordnete Verbote? Stellen Sie sich den Aufschrei vor, wenn nur schon Kurzstreckenflüge untersagt würden. Die Arbeitslosenzahlen würden zumindest kurzfristig steigen. Und die Menschen würden sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlen. Die letzte Hoffnung bleiben technische Entwicklungen – etwa im Bereich der erneuerbaren Energien.

Die Debatte um Klimawandel und -ziele scheint mir derweil gefangen in wirtschaftlichen Zwängen, Bequemlichkeit und Ausreden. In diesem Dschungel bleibt das effektive – mit schmerzlichem Verzicht verbundene – Handeln auf der Strecke. Daran wird das Klima zugrund gehen. Trotz Klimanotstand.

Erstellt: 19.05.2019, 14:52 Uhr

Martin Liebrich, Redaktionsleiter

Newsletter

Die Woche in der Region.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben