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Lockere GeldpolitikMillionäre suchen Zuflucht im sicheren Hafen Schweiz

Politische Umwälzungen, Kriminalität und die Auswirkungen der Corona-Krise – angesichts der Unwägbarkeiten in ihren Heimatländern zieht es reiche Familien aus aller Welt zunehmend in die Schweiz.

Ein exklusives Sportauto biegt vor den Hauptsitzen der Grossbanken UBS (links) und Credit Suisse in eine Strasse am Paradeplatz in Zürich ein.
Ein exklusives Sportauto biegt vor den Hauptsitzen der Grossbanken UBS (links) und Credit Suisse in eine Strasse am Paradeplatz in Zürich ein.
Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

«Es ist eine Flucht in die Sicherheit», erklärt Alex Koch de Gooreynd vom Immobilienmakler Knight Frank. Daneben kann der traditionelle Rückzugsort auch mit Lebensqualität und hilfsbereiten Behörden punkten, auch wenn Schwarzgeld tabu geworden ist.

Und dennoch spielen die Steuern auch bei der neuesten Zuwanderungsbewegung eine Rolle. Millionäre, die trotz der Krise rekordhohe Vermögen angehäuft haben, befürchten, zuhause stärker zur Kasse gebeten zu werden. In der Schweiz gelten Steuererhöhungen dank der niedrigen Verschuldung dagegen vorerst als unwahrscheinlich.

Viertel der globalen Offshore-Vermögen

Rund 2500 Milliarden Dollar an Auslandsvermögen liegen in der Schweiz. Mit einem Anteil von rund einem Viertel der globalen Offshore-Vermögen ist das Land immer noch Weltmarktführer, auch wenn es vor dem internationalen Kreuzzug gegen das Bankgeheimnis fast 50 Prozent waren.

Die Zu- und Abflüsse der Gelder erfolgten in Wellen, erklärt Peppi Schnieper vom Beratungsunternehmen Bain. Vor rund zwei Jahren habe der Zufluss in Offshore-Zentren wie die Schweiz angezogen, unter anderem wegen politischer Turbulenzen wie dem Brexit. Vor etwa neun Monaten habe sich der Trend beschleunigt. Haupttreiber der Zuflüsse seien die geopolitischen Spannungen und die möglichen wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Krise. «Weil die Schweiz weiterhin als sichererer Hafen gilt, wird nach wie vor auch ein Teil des Geldes dorthin verlagert», erklärt Schnieper.

Höchstpreise für Einfamilienhäuser

Doch immer mehr Vermögende begnügen sich nicht mehr damit, nur Geld zu verschieben, sondern fassen gleich einen Umzug ins Auge. Während die Schweiz mit dem Ende des Bankgeheimnisses und schärferen Bestimmungen für die Besteuerung von vermögenden Rentnern aus dem Ausland vorübergehend an Anziehungskraft verlor, ist das Land für Reiche inzwischen wieder eine Top-Destination.

Die Schweiz konkurriere mit Standorten wie Luxemburg oder Singapur um die Gunst der Vermögenden, sagt Babak Dastmaltschi, der bei der Credit Suisse ein Team leitet, das Milliardäre betreut. Einer seiner Kunden, der selbst in Hongkong wohne, dessen Kinder aber in Europa studierten, habe erzählt: «Covid hat uns gelehrt, dass wir eine Basis in Europa haben sollten, also sollte ich mich vielleicht in der Schweiz niederlassen.»

Von Personen, die sich für die Schweiz entscheiden, profitieren Firmen wie der Luxusimmobilienberater Auris Premium. «Wir haben 2020 rund ein Fünftel mehr vermögende Personen betreut, die aus privaten Gründen in die Schweiz ziehen wollen als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre», erklärt Auris-Chef Sjoerd Broers.

Lockerere Regeln ziehen an

Die durchwachsene Bilanz des Landes bei der Covid-Bekämpfung schadet der Attraktivität der Schweiz kaum, im Gegenteil: Dass die Regierung die Bewegungsfreiheit weniger drastisch eingeschränkt hat als andere Länder, werten viele als Plus.

Die Schweiz habe experimentiert, um nicht gleich einen harten Lockdown einzuführen, erklärt Florian Dürselen, Europa-Chef des Vermögensverwalters LGT Schweiz. So blieben während der zweiten Welle etwa die Schulen, aber auch Skigebiete offen. «Solche pragmatischen Entscheidungen kommen unter anderem bei den Deutschen extrem gut an.»

Dazu kommen die traditionellen Standortvorteile: Ein stabiles politisches System, ein gutes Gesundheitswesen und Sicherheit. «Einer meiner Kunden sagte: ‹In der Schweiz kann mein Sohn mit dem Bus zur Schule, zu Hause geht das nicht'", erzählt Makler Koch de Gooreynd.

2020 habe die Zahl der Kunden, die sich für einen Umzug in die Schweiz interessierten, um 30 bis 40 Prozent zugenommen. Gefragt seien die Genfersee-Region oder auch die Region Zürich. Dazu kämen auch als Hauptwohnsitz Ski-Orte wie Verbier oder St. Moritz und Orte mit guten internationalen Schulen wie Crans-Montana oder Leysin.

«Die Immobiliennachfrage hat in der Schweiz dramatisch zugenommen seit März 2020 und dem ersten Lockdown», beobachtet auch der Makler Claude Ginesta. Sowohl Schweizer als auch Ausländer wollten kaufen. Dies schlage sich auch in den Preisen nieder. «Die Grundstückspreise explodieren, entsprechend werden neue Höchstpreise für Einfamilienhäuser bezahlt», erklärt der Chef von Ginesta Immobilien.

«Praktisch konkurrenzlos»

«Schwarzgeld ist heute ein ‹No Go'", sagt KPMG-Experte Philipp Zünd. Trotzdem biete die Schweiz immer noch viele Steuervorteile. Für Personen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgingen, sei dem Land in den letzten Jahren etwa durch Italien oder Portugal zwar ernsthafte Konkurrenz erwachsen. «Für Personen, die arbeiten wollen, ist die Schweiz innerhalb Europas praktisch konkurrenzlos.»

Es gebe wenige europäische Staaten, die Erwerbseinkommen von über 150'000 Euro zu weniger als 40 Prozent besteuerten. In den Kantonen Zug und Schwyz falle die Steuerrechnung mit rund 22 Prozent nur etwa halb so hoch aus. Kunden etwa aus Deutschland oder Spanien gingen zunehmend davon aus, dass die Steuern in ihren Heimatländern deutlich steigen würden, um die Corona-Rechnung zu begleichen. «Entsprechend dürfte die Schweiz deutlich an Attraktivität gewinnen.»

SDA/step

89 Kommentare
    fred meier

    Zumindestens zahlen die Steuern. Wir haben andere Zuwanderung, die leben objektiv gesehen, von unseren Steuern.