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Corona-Rückfall in DeutschlandLockdown nach Massenausbruch in Fleischfabrik wird ausgeweitet

Über 600’000 Menschen müssen ihr Leben massiv einschränken. «Das, was wir hier machen, hat es in Deutschland noch nicht gegeben», sagt der Regierungschef von Nordrhein-Westfalen.

Unpopuläre Massnahme: NRW-Regierungschef Armin Laschet zieht die Konsequenzen aus dem Desaster um die Fleischfabrik.
Unpopuläre Massnahme: NRW-Regierungschef Armin Laschet zieht die Konsequenzen aus dem Desaster um die Fleischfabrik.
Foto: David Inderlied/Keystone

Nach dem Corona-Ausbruch beim deutschen Fleischverarbeiter Tönnies mit mehr als 1500 Infizierten schränken die Behörden das öffentliche Leben in der Region um die Fabrik massiv ein.

Das Regionalregierung des Landes Nordrhein-Westfalen verhängte am Dienstag einen Lockdown über zwei benachbarte Landkreise. Danach dürfen sich im Kreis Gütersloh mit seinen etwa 370’000 Einwohnern in der Öffentlichkeit eine Woche lang nur noch mit Personen des eigenen Hausstands bewegen oder zu zweit. Auch im Kreis Warendorf mit rund 280’000 Einwohnern werde es einen Lockdown geben. Der betroffene Schlachtbetrieb liegt in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh.

Ausserdem werden Museen, Kinos, Fitnessstudios, Hallenschwimmbäder und Bars geschlossen, wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann mitteilte. Der Kreis Warendorf werde von Donnerstag an zudem alle Schulen und Kitas schliessen – in Gütersloh sind sie bereits zu.

«Wir führen wieder eine Kontaktbeschränkung wie im März ein», sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Das neue Sicherheitspaket solle bis zum 30. Juni gelten. «Das, was wir hier machen, hat es in Deutschland noch nicht gegeben», betonte Laschet.

Einhaltung der Quarantäne gestaltet sich schwierig

Mehr als 1550 Tönnies-Beschäftigte in dem Betrieb haben sich nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Viele von ihnen leben im Nachbarkreis Warendorf – deshalb war auch dort am Dienstag ein wichtiger Schwellenwert für Neuinfektionen überschritten worden. Viele der Arbeiter stammen aus Osteuropa.

Die Einhaltung der Quarantäne-Massnahmen gestaltet sich aber schwierig. Die nordrhein-westfälische Landesregierung habe drei Einsatzhundertschaften der Polizei in den Kreis Gütersloh geschickt, sagte Laschet. Die Polizisten sollten die Quarantäne der Mitarbeiter von Tönnies kontrollieren. Zur Not müssten die Behörden auch mit Zwang die Anordnungen durchsetzen. Es werde auch zusätzliche humanitäre Massnahmen zur Unterstützung der Betroffenen geben. Dolmetscher für Polnisch, Rumänisch und Bulgarisch seien auch dabei.

Mit dem massiven Ausbruch gerieten auch die Arbeitsbedingungen dieser Arbeitnehmer und ihre Bezahlung über billigere Werkverträge mit Subunternehmern erneut in die Kritik. Tönnies kündigte am Dienstag aber an, bis Ende 2020 sollten Werkverträge «in allen Kernbereichen der Fleischgewinnung» abgeschafft und die Mitarbeiter in der Tönnies-Unternehmensgruppe eingestellt werden.

Ausnahmesituation: Mitarbeiter des Deutschen Kreuzes untersuchen ein Haus, das von Angestellten der Fleischfabrik Tönnies bewohnt wird.
Ausnahmesituation: Mitarbeiter des Deutschen Kreuzes untersuchen ein Haus, das von Angestellten der Fleischfabrik Tönnies bewohnt wird.
David Inderlied/dpa via AP/Keystone/21. Juni 2020
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Touristen zurückgeschickt

Das süddeutsche Land Bayern untersagte angesichts des massiven Corona-Ausbruchs im Kreis Gütersloh am Dienstag die Beherbergung von Menschen, die von dort und aus anderen schwer betroffenen Landkreisen einreisen. Beherbergungsbetriebe dürfen künftig keine Gäste mehr aufnehmen, die aus einem Landkreis kämen, in dem die Zahl der Neuinfektionen in den zurückliegenden sieben Tagen bei mehr als 50 pro 100’000 Einwohner liege, sagte Saatskanzleichef Florian Herrmann in München mit. «Das ist eine Schutzmassnahme, die wir für wirklich notwendig halten», sagte er.

Von der Ostseeinsel Usedom musste bereits ein Ehepaar aus Gütersloh abreisen, wie ein Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald berichtete. In Bayern dürfen Beherbergungsbetriebe künftig keine Menschen mehr aufnehmen, die aus einem Kreis einreisen, in dem die Zahl der Neuinfektionen in den zurückliegenden sieben Tagen bei mehr als 50 pro 100 000 Einwohner liegt. Ausnahmen gebe es nur für Menschen, die einen aktuellen negativen Corona-Test vorweisen könnten, teilte Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) mit.

Laschet warnte davor, die Menschen aus dem Kreis Gütersloh unter «Generalverdacht» zu stellen. «Dazu gibt es überhaupt keinen Anlass.» Der Lockdown bedeute kein Ausreiseverbot, betonte der Regierungschef mit Blick auf geplante Urlaubsreisen. Auf eine Frage, ob Bewohner des Kreises Gütersloh in die Ferien fahren dürften, sagte er: «Wer Urlaub plant, kann das natürlich machen.» Zugleich appellierte er aber an die Bewohner, «jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren».

In Gütersloh standen am Dienstag zahlreiche Menschen an einem neu eingerichteten Test-Zentrum an – auch um sich für Kontrollen in den Urlaubsregionen zu wappnen. «Wir fahren am Freitag an die Ostsee in den Urlaub und wollen da einen negativen Test in der Hand haben, falls wir sonst nicht hingelassen werden», sagte einer der Wartenden.

Reproduktionszahl steigt wieder

Der massive Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fabrik sowie einige weitere lokale Ausbrüche hatten die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland sowie die als R-Wert bekannte Reproduktionszahl wieder nach oben getrieben. Nachdem in den vergangenen Wochen im Mittel etwa 350 neue Fälle pro Tag ans Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet worden seien, stiegen diese Zahlen seit vergangenem Dienstag wieder etwas an. Laut Lagebericht vom Montag kamen knapp 540 Infektionen neu hinzu, am Dienstag meldete das RKI 503 Neuinfektionen (Datenstand 23.06., 0 Uhr).

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, die über die Dynamik des Ausbruchsgeschehens Auskunft gibt, habe lange Zeit stabil unter 1 gelegen, seit 21. Juni jedoch zwischen 2 und 3. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Schnitt zwei bis drei weitere Menschen ansteckt. Angestrebt wird ein Wert unter 1, um die Pandemie zu bremsen. Zuletzt lag der R-Wert bei 2,76.

SDA