Kloten

«Mit Ihnen fliege ich nie mehr!»

Ärgerlich, wenn nach der Landung in Zürich das Gepäck fehlt. Swissport liefert es meistens in kurzer Zeit nach. Manchmal ist aber viel Detektivarbeit nötig

Am Flughafen Zürich bleibt 1 von 200 Koffern hängen. Herrenloses Gepäck wird von der Firma Swissport eingelagert.

Am Flughafen Zürich bleibt 1 von 200 Koffern hängen. Herrenloses Gepäck wird von der Firma Swissport eingelagert. Bild: Michele Limina

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Für jedes Problem gibt es eine Lösung, könnte Carmen Hämigs Motto lauten. Oder: Für jeden verschlossenen Koffer gibt es einen passenden Schlüssel. Wenn die Swissport-Mitarbeiterin ein herrenloses Gepäckstück öffnen muss, um den Besitzer zu eruieren, greift sie in eine Kiste mit Hunderten Kofferschlüsseln. Einer passt meistens. «Ein Schloss ist immer nur ein Hindernis, das man überwinden kann», sagt die routinierte Schichtleiterin, die seit zehn Jahren bei Swissport ist. Selbst eingebaute Zahlenschlösser bereiten Hämig kaum Mühe. An einem gestrandeten Rollkoffer ohne Gepäcketikette und Namensschild führt sie vor, wie sie das Zahlenschloss mit einigen Kniffs in wenigen Sekunden knackt. Die eigentliche Arbeit beginnt erst, wenn der Koffer einmal geöffnet ist.

Auch das Wetter spielt mit

Eigentlich kommt es nicht häufig vor, dass Taschen und Koffer einsam auf dem Gepäckband liegen bleiben. Gemäss dem internationalen «Baggage Report» gab es im Jahr 2014 weltweit auf 1000 Passagiere gerechnet 7,3 Fälle von verspätetem oder fehlgeleitetem Gepäck. In Zürich sind es gar nur 4,9 Fälle pro 1000 Passagiere. Die Gründe für die Verspätungen sind vielfältig. Manchmal reisst die Gepäcketikette ab, oder ein Koffer verlässt den Check-in falsch beschriftet. Passagiere greifen am Gepäckband nach dem falschen Koffer, oder eine Tasche wird falsch verladen. Und es kommt vor, dass Koffer aus den offenen Transportwagen fallen, die über die Rollfelder flitzen. Ganz verloren gehen sie fast nie. Die Hälfte aller Fälle aber sind laut «Baggage Report» auf kurze Anschlusszeiten beim Umsteigen zurückzuführen. Auch das Wetter kann ein Grund sein. Bei starken Windverhältnissen beispielsweise muss das Flugzeug mehr Kerosin tanken und kann wegen des zusätzlichen Gewichts nicht alle Gepäckstücke mitführen.

Keine Unterhosen mehr

In den Ferienmonaten und aktuell gegen Ferienende herrscht Hochbetrieb beim «Lost & Found»-Schalter, der von Swissport im Auftrag der Fluggesellschaften betrieben wird. Auch Michael Schürpf und seine Frau Ariana hatten diesmal Pech: Arianas Koffer ist nicht angekommen. In ihrem Fall ist das besonders ärgerlich, weil es sich nicht um blosse Ferien-Dreckwäsche handelt. Das Ehepaar zieht nach drei Jahren in Mexiko in die Schweiz, und Ariana erlebt ihren Neustart in Oberrieden nun mit leeren Händen. «Nicht einmal Unterhosen hat sie», sagt ihr Mann. Das vermisste Gepäck beschreibt Schürpf mithilfe der «Baggage Identification Chart». Auf der doppelseitigen Karte sind 59 Gepäckkategorien abgebildet, dazu Farbfelder und beschreibende Elemente wie Material oder Griffe und Schnallen. Dadurch ermittelt er den Code, der an Flughäfen weltweit verstanden wird: «PU 22, aber die Marke weiss ich nicht.» Das steht für einen violetter, aufrechten Rollkoffer mit weicher Oberfläche. Die Angestellte speist den Code in das System ein, auf das Flughäfen weltweit zugreifen können, um gestrandete Koffer mit den Informationen abzugleichen. Ist die Gepäcketikette noch dran, ist die Lokalisierung ohnehin kein Problem. Die Flugbranche ist eine präzise getaktete und gut geschmierte Maschinerie: In den meisten Fällen trifft das Gepäck nur wenige Stunden bis maximal drei, vier Tage später am Zielort ein. In Zürich holt ein Kurierdienst die Ware viermal täglich ab und liefert sie aus.

Nur der Hund kommt an

In Schürpfs Fall kann die Mitarbeiterin am Schalter noch kein Lieferdatum versprechen. Sie vermutet, dass das Gepäck auf dem Weg von Cancún beim Umsteigen in Düsseldorf hängen geblieben ist. «Erfahrungsgemäss kommt es vor allem zu Verspätungen, wenn Gepäck auf grossem Transfer-Flughafen in kurzer Zeit weit transportiert werden muss», sagt Hämig. Grundsätzlich gilt: Muss ein Passagier aufs Flugzeug rennen, reicht es oft nicht mehr für sein Gepäck. Schürpf bedankt sich mit einem erschöpften Lächeln und kehrt zurück zu Frau und Hund. Und ruft noch: «Na, Hauptsache, der Hund ist angekommen!» Viele Betroffene zeigen Verständnis, doch nicht alle bleiben anständig. Die Schalterangestellten sind sich Beschimpfungen und gar Drohungen gewohnt. In ganz argen Fällen wird die Polizei alarmiert. Ein Satz, den die Angestellten von Swissport, die keine Fluggesellschaft ist, oft hören: «Mit Ihnen fliege ich nie mehr!» Dann erklärt Hämig: «Wir können da gar nichts dafür. Wir helfen Ihnen ja bloss, dass Sie Ihren Koffer wieder bekommen.» Obwohl sich verhältnismässig wenig Gepäck verspätet, summieren sich die Fälle auf einer internationalen Drehscheibe wie dem Flughafen Zürich, der im vergangenen Jahr über 25 Millionen Passagiere beförderte. Davon zeugen in der Ankunftshalle 2 über ein Dutzend voll beladener Transportwagen: «Alles verspätetes Gepäck von heute und gestern.» Darunter Sperrgut wie Gitarren, Velos aus dem Norden und gerollte Bilder aus Hongkong, vor allem aber: Koffer, Koffer, Koffer. Besonders oft zu sehen sind Modelle, die in Vergangenheit bei Grossverteilern gegen gesammelte Märkli und Punkte zu haben waren. «Hohe Verwechslungsgefahr», sagt Hämig.

Schimmel und Bartstoppeln

Im Swissport-Lager führt sie ihre Detektivarbeit fort. In grossen Rollregalen reihen sich die unbeschrifteten Koffer während maximal fünf Tagen, danach übernehmen die Airlines das Gepäck und suchen weiter nach den Besitzern. Was herrenlos bleibt, wird schliesslich versteigert. Im geknackten Rollkoffer sucht Hämig nach Gegenständen, die auf den Besitzer verweisen. Passkopien oder Dokumente findet sie keine, dafür Bikini und pinkfarbene Kleidung. «Ein Blick ins Necessaire kann helfen, weil Medikamente häufig mit Namen angeschrieben sind», sagt sie. Die Suche verläuft mit Handschuhen, denn «manche Necessaires sind voller ausgelaufener Zahnpasta oder aber Bartstoppeln». Die Swissport-Mitarbeiter stossen regelmässig auf verdorbene Lebensmittel, verschimmelte Badesachen und manchmal sogar tote, exotische Tiere. Weil diesmal keine Medikamente zu finden sind, konzentriert sich Hämig auf Kosmetika und Einkaufstüten, deren Beschriftung auf das Herkunftsland deuten. Hämig kommt zum Schluss: Die Besitzerin des Koffers ist offenbar aus der Schweiz und an einen Badeort geflogen. Die wichtigsten Merkmale tippt Hämig schliesslich ins System – auf dass ein Flughafenmitarbeiter irgendwo auf der Welt auf die Angaben stösst und die Passagierin ihre Badeferien hoffentlich doch noch geniessen kann.

Erstellt: 13.08.2015, 19:40 Uhr

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