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Analyse zum Abfallberg wegen CoronaMit Stoffmasken gegen die Maskensauerei

Mit der strengeren Maskenpflicht stellt sich auch die Nachhaltigkeitsfrage. Doch das scheint im BAG noch nicht angekommen zu sein.

Monatlich landen Milliarden von Atemschutzmasken im Abfall. Oder in der Umwelt.
Monatlich landen Milliarden von Atemschutzmasken im Abfall. Oder in der Umwelt.
Foto: Raphael Moser

Es sind Zahlen, die das Vorstellungsvermögen überfordern. 129 Milliarden Masken werden während einer Pandemie weltweit jeden Monat verbraucht, das vermeldete Greenpeace Anfang August gestützt auf eine Studie im Fachmagazin «Environmental and Science Technology». Eine schier unglaubliche Zahl. Und wenn man sich nun vorstellt, dass auch nur ein Prozent dieser hässlichen blau-weissen Dinger nicht wie vorgesehen im Abfall, sondern in der Umwelt landet, kann es einen ob dieser Maskensauerei grausen. Wenn künftige Archäologen nach unserer Zivilisation graben, werden sie sich über die Maskenablagerungen in unserer Sedimentsschicht wundern und sich fragen, was das zu bedeuten hat.

Kein hochkontaminiertes Umfeld

Umweltorganisationen versuchen schon seit Wochen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welches Abfallproblem da auf uns zukommt. Und sie haben recht: Die Einwegmasken liegen nicht nur eklig in den Bahnhöfen herum, sie verschmutzen mittlerweile Stadt und Land, landen auf Feldern und an Stränden, in Wäldern, Kläranlagen und im Meer. Ein Ende ist nicht abzusehen, im Gegenteil. Die Pandemie wütet weiter, und auch in der Schweiz wurde die Maskenpflicht gerade verschärft.

Dabei gibt es eine Lösung: Stoffmasken. Laut Greenpeace sind sie bei richtiger Qualität und korrekter Verwendung genauso wirksam wie Einwegmasken; das hätten Studien ergeben. Zudem bewegt sich die Durchschnittsbevölkerung ja auch nicht in einem hochkontaminierten Umfeld; die Masken kommen vielmehr in Alltagssituationen zum Einsatz, im Zug oder beim Einkaufen, wo die Virenbelastung gering sein dürfte. Und wenn man bedenkt, dass die Pandemie uns laut Experten noch bis mindestens 2021 begleiten wird, wäre es dringend nötig, hier Stellung zu beziehen.

BAG dementierte Meldung

Dennoch wurde das Thema Stoffmasken von den Behörden bisher nur stiefmütterlich behandelt. So konzentrierten sich die Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) bisher auf Fragen von Handhabe und Verwendung verschiedener Einwegmasken, das Nachhaltigkeitsproblem interessierte dabei kaum.

Bis heute empfiehlt das BAG, chirurgische Einwegmasken alle vier Stunden zu wechseln und warnt vor Wiederverwendung. Dass man auch Stoffmasken tragen kann, wird zwar eingeräumt, sofern sie zertifiziert sind und man sie täglich wäscht, ausdrücklich empfohlen aber werden sie nicht. Noch Anfang August gab es darum Verwirrung, als die SDA fälschlicherweise meldete, das BAG empfehle der Allgemeinheit das Tragen von Textil- statt Einwegmasken, was man seitens BAG umgehend dementierte. Heute äussert sich das BAG in dieser Sache auf Nachfrage wie folgt: «Das BAG empfiehlt in erster Linie das Tragen einer Hygienemaske.» Gemeint sind Einwegmasken. Die Frage des Abfalls taucht dabei nirgends auf. (Lesen Sie hier: Welche Maske bietet wie viel Schutz?)

Diese Situation ist besonders bitter angesichts der politischen und gesellschaftlichen Grosswetterlage vor dem Ausbruch der Pandemie. Kaum ein anderes Thema bewegte die Menschen mehr als die Sorge um Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung. Nun scheint es, als hätte die Sorge um die Gesundheit der Bevölkerung jene um die Umwelt einfach hinweggefegt. Das ist dumm, denn wenn wir etwas wissen, dann dies: Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Auch wenn man sich offensichtlich nicht um beides gleichzeitig kümmern kann.