Winterthur

Nach dem dritten Infarkt strich die IV seine Rente

Einen Herzinfarkt und zwei Hirninfarkte überlebte der Winterthurer Stephan Werder. Seither ist sein Leben nicht mehr, wie es war. Die IV jedoch hält ihn für 90 Prozent arbeitsfähig. Protokoll einer Leidensgeschichte.

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Stephan Werder ist 38 Jahre alt, als er mit der Diagnose Herz­infarkt auf dem Operationstisch liegt. In der Folge ändert er sein Leben radi­kal. Er gibt sein selbstständiges Berufs­leben als technischer Konstrukteur auf, treibt mehr Sport, raucht nicht mehr. Zwei Jahre später, 1999, arbeitet er ­wieder zu 100 Prozent. «Das Herz hat mich nicht behindert», sagt er.

Bis der Kopf zu stark schmerzt

2008 dann, mit 50 Jahren, hat er einen Hirninfarkt. Mit weitreichenden Konsequenzen: «Ich musste in der Therapie alle meine Sinne wieder schulen.» Er habe sich manchmal bewegt, wie ein Betrunkener. Knapp drei Monate dauert es, bis sich Werder nach dem Infarkt wieder zurückgekämpft hat. Er beginnt wieder zu arbeiten – in seiner bisherigen, leitenden Funktion als Konstrukteur am Computer. Erst hat er ein 20-Prozent-Pensum, das er dann kontinuierlich auf 50 Prozent steigert.

«Nach zwei Stunden vor dem Computer  war mir schwindlig und schlecht.»Stephan Werder

Von der IV erhält er eine 50-Prozent-Rente. «Nach zwei Stun­den tat mir jeweils der Kopf weh, ich hatte Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren, mir war schwindlig und schlecht. Jeden Tag», sagt er im Rückblick. Trotzdem sei er jeden Morgen zur Arbeit gefahren, habe vier Stunden gearbeitet, und sei dann nach Hause zurückgekehrt, um sich mit letzten Kräften ins Bett zu legen. «Es war eine harte Zeit. Aber weil es mir immer gut ging, wenn ich morgens aufgestanden bin, ging ich auch gern zur Arbeit.»

«Umschulung lohnt sich nicht»

2011 der nächste Schicksalsschlag: Werder verliert seine Stelle, weil sein Arbeitgeber die eigene Produktion einstellt. Doch obschon die Arbeitssuche mit einer 50-Prozent-Rente und einer Kon­zentrationsschwäche nicht einfach ist, findet er nach kurzer Zeit wieder eine Anstellung. Dafür muss er sich jedoch in ein neues Computersystem einarbeiten, was ihm Mühe bereitet. «Das brachte ich nicht auf die Reihe», sagt er. Täglich viereinhalb Stunden voll konzentriert, am Bildschirm mit komplexen 3-D-Programmen zu arbeiten, sei einfach nicht mehr möglich gewesen.

Werder verkrampft sich im Rücken. Schliesslich tat ihm alles weh, vom Nacken bis zum Fuss, und sogar, wenn er nur die Maus ein klein wenig bewegte. «In den Ferien klappte es mich dann zusammen», erzählt er. Kurz darauf attestierten ihm sein Hausarzt und ein Psychiater eine hundertprozentige Arbeitsunfähigkeit.

Werder bittet die IV um eine Abklärung: In welchem Bereich könnte er wieder arbeiten? «Die Versicherung befand, dass sich eine Umschulung in meinem Fall, mit 55 Jahren, nicht mehr lohne», sagt Werder. «Ich könne nur auf meinem bisherigen Beruf weiterarbeiten.» Auf Werders Bitte, mit einem ärztlichen Gutachten zu klären, ob er körperlich und geistig weiter auf seinem Beruf arbeiten könnte, geht die IV nicht ein. Erst Anfang 2013, als er nach einem zweiten Hirninfarkt auf ein Gutachten drängt, schickt die IV ihn zur Abklärung an das Ärztliche Begutachtungsinstitut (ABI) Basel.

«90 Prozent arbeitsfähig»

Doch sein Kampf um die Glaubwürdigkeit, die er sich von einem unabhängigen Gutachten erhofft hat, ist damit nicht zu ­Ende. Nachdem am ABI Basel sechs Ärzte ihn untersucht haben, lautete der abschliessende Befund: zu 80 Prozent fähig in seinem Beruf als technischer Konstrukteur zu arbeiten oder zu 90 Prozent in der Lage, eine andere Tätigkeit auszuüben. Gestützt auf dieses Gutachten, strich die IV Werders Rente. Er fühlt sich betrogen: «Die Abklärungen am ABI sind nicht sauber durchgeführt worden.» Die Tests seien unter anderem zu kurz ausgefallen und er sei nicht vor dem Computer getestet worden.

«Einfach zu Hause herumsitzen ist  für mich keine Option.»

Stephan Werder

Er sei offen und unverstellt gewe­sen in diesen Untersuchungen. Er wollte herausfinden, in welchem Bereich er trotz sei­ner Einschränkungen noch arbeiten könnte. «Einfach zu Hause her­um­sitzen, ist für mich auch keine Option.»

Zwei Jahre sind nun vergangen, seit die IV seine 50-Prozent-Rente gestrichen hat. Zum Gefühl, vom sozialen Sicherungssystem betrogen worden zu sein, ist unterdessen die finanzielle Not gekommen. «Ohne die finanzielle Unterstützung unserer Toch­ter würde es für mich, meine Frau und den studierenden Sohn nicht reichen», sagt der heute 58-Jährige. Seit einem Jahr betreibt Werders Frau ein Brockenhaus in Schottikon, er begleitet sie meistens. «Um sie zu beschützen», sagt er. «Das ‹Brocante› gibt uns nach all den Tiefschlägen wieder eine Aufgabe und Lebenssinn.»

Ist Werder ein Opfer einer unbarm­herzigen und fehlerhaften Praxis der Invalidenversicherung? Diese Frage muss nun das Sozialversicherungsgericht klären. Denn Werder hat den Entscheid der Invalidenversicherung, der auf dem Gutachten aus Basel basiert, angefochten. Sein Anwalt kritisiert das ABI Basel vehement. Das Institut bezeichne wiederholt IV-Bezüger als mindestens 70 Prozent arbeits­fähig, während andere Ärzte gegenteilige Befunde vorlegten.

Diese Woche plädierte Werders Anwalt vor dem Sozialversicherungsgericht Winterthur, die Beschwerdegegnerin, die IV, war nicht anwesend. Es ist offen, wann das Gericht entscheidet. Werder erhofft sich vom Verfahren nicht nur die Rückkehr in ein stabileres und finanziell sicheres Leben. «Ich will vor allem auch eine Rehabilitation, für mich und meine Ärzte.»

Erstellt: 22.04.2016, 16:21 Uhr

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