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Berufsbildung während CoronaNachwuchskrise in der Küche

Zwar haben in der Schweiz zu Beginn des neuen Lehrjahrs trotz Corona fast gleich viele Jugendliche eine Lehrstelle gefunden wie letztes Jahr. Doch in der Gastronomie und in der Metall- und Maschinenindustrie sind deutlich mehr Lehrstellen offen.

Lernende in der Konditorei: Trotz Corona-Krise wurden bis Ende Juli nur 1 Prozent weniger Lehrverträge unterzeichnet als 2019. Angehende  Konditorinnen werden noch gesucht.
Lernende in der Konditorei: Trotz Corona-Krise wurden bis Ende Juli nur 1 Prozent weniger Lehrverträge unterzeichnet als 2019. Angehende Konditorinnen werden noch gesucht.
Foto: Madeleine Schoder

Diese Woche starteten schweizweit viele Schulabgänger ins erste Lehrjahr. Entgegen allen Befürchtungen haben die Lehrbetriebe trotz der Pandemie ihre Ausbildungsplätze nicht en masse gestrichen: Landesweit wurden 66000 Lehrverträge abgeschlossen – lediglich 1 Prozent weniger als 2019. Das zeigen die neuesten Zahlen der Taskforce «Perspektive Berufsleben» des Bundes für den Monat Juli.

«Die Lehrstellensituation ist stabil, und der grösste Teil der Jugendlichen, die eine Lehrstelle gesucht haben, haben auch eine gefunden», sagt Christine Davatz, Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Allerdings gibt es regionale Unterschiede.

Während in der Deutschschweiz kaum Veränderungen gegenüber dem Vorjahr zu erkennen sind und in der Ostschweiz und Zürich gar mehr Verträge unterzeichnet wurden, bleiben das Tessin und die Westschweiz stark hinter den Werten von 2019 zurück. Das hängt damit zusammen, dass die Rekrutierungsphase in der lateinischen Schweiz später beginnt als in der Deutschschweiz und mit dem Lockdown zusammenfiel.

«Insgesamt sieht es auf dem Lehrstellenmarkt aber gut aus», bestätigt Ursula Renold, Professorin für Bildungssysteme an der ETH. Sie untersucht im Forschungsprojekt Lehrstellenpuls zusammen mit ihrem Team und der Lehrstellenplattform Yousty.ch seit April minutiös die Auswirkungen der Pandemie auf den Lehrstellenmarkt und befragt monatlich rund 3000 Betriebe.

Laut den neuesten Juli-Zahlen konnten demnach neun von zehn aller für das Lehrjahr 2020 ausgeschriebenen Ausbildungsplätze besetzt werden. Fast bis auf den letzten Platz vergeben sind Lehrstellen in der Informatik und im Verkauf. «Insbesondere der Onlinehandel hat vom Shutdown profitiert, was sich auch auf die Attraktivität der Verkaufslehre auswirkte», sagt Renold. (Lesen Sie hier, wie sich die Lehrstellen in den letzten zehn Jahren verändert haben.)

Viele Lehrstellen in der Gastronomie offen

Sorgen bereiten ihr indes die Hotellerie und Gastronomie, wo noch – anders als in anderen Jahren – fast jeder vierte Ausbildungsplatz offen ist. Wegen der Schutzmassnahmen können die Restaurants deutlich weniger Umsatz machen, was sich im Winterhalbjahr durch das Wegfallen der Aussenflächen nicht bessern dürfte. «Gewisse Stadthotels haben auch Kurzarbeit, 120 Hotels stehen zum Verkauf. Das kann auf die Entscheidung der neuen Lernenden Auswirkungen haben», sagt Renold.

Ebenso fehlen im Bereich «Metall, Maschinen und Uhren» noch 16 Prozent – mehr als doppelt so viel wie gewöhnlich. «Die Besetzung der Lehrstellen war in diesem Jahr anspruchsvoller, weil es während des Lockdown sehr schwierig war, mit Schulabgängern in Kontakt zu treten», sagt Ivo Zimmermann vom Verband Swissmem. Aufgrund der Rückmeldungen der Mitgliedsfirmen sei für 2020 aber nicht davon auszugehen, dass eine grosse Delle entstehen werde.

Auch im Gesundheitsbereich sind deutlich mehr Lehrstellen offen – aus noch unerforschten Gründen. Dagegen haben die Gebäudetechnik sowie die «Betriebe Nahrung» – also Metzgereien oder Confiserien – und «Fahrzeuge» ohnehin meistens Mühe, genügend Jugendliche zu gewinnen.

Noch zu früh zum Jubeln

Obwohl sich der Lehrstellenmarkt insgesamt stabilisiert hat, ist es zu früh zum Jubilieren. Im Mai hat der Berner Bildungsökonom Stefan Wolter mit einer pessimistischen Voraussage für Aufsehen gesorgt: Er erwartet 20000 weniger Lehrverträge bis 2025.

«Dieses Szenario ist ernst zu nehmen, aber ich hoffe, dass es besser herauskommt», sagt Jürg Schweri, Professor am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) in Bern. Das sei möglich, wenn sich angesichts der alarmierenden Aussichten Lehrbetriebe, Verbände und Kantone zusammenraufen und mit einem Zusatz-Effort dieses Szenario verhindern.

Betriebe erhalten weniger Bewerbungen

Das Problem sei nicht nur, dass die wirtschaftliche Krise die Bereitschaft der Betriebe, Lernende auszubilden, mindere. Ebenso problematisch sei die Zurückhaltung bei den Jugendlichen selbst: «Es gibt eben auch weniger Bewerbungen auf Lehrstellen als in anderen Jahren», sagt Schweri.

Manche Junge entschieden sich für ein Brückenjahr oder eine schulische Ausbildung statt für eine Lehre: «Vermehrte Zwischenlösungen sind aber nicht gut. Dann treffen 2021 noch mehr Bewerber auf weniger Lehrstellen. Das summiert sich.» Eine dauerhaft hohe Jugendarbeitslosigkeit hält er indes für unmöglich.

«Fleisch hat bei den Jungen zunehmend ein schlechtes Image.»

Philipp Sax, Leiter Bildung beim Schweizer Fleisch-Fachverband

Dass Bewerbungen ausbleiben, kennt auch die Fleischbranche. Schon in den letzten Jahren hatte sie Mühe, Nachwuchs zu finden: «Covid-19 hat die Situation jetzt aber noch verschärft», sagt Philipp Sax, Leiter Bildung beim Schweizer Fleisch-Fachverband. Noch ist jeder dritte Ausbildungsplatz offen das sind 150 bis 200 Lehrstellen. Der Verband versucht nun, mit einer Offensive über Social-Media-Kanäle noch Lernende zu rekrutieren: «Fleisch hat bei den Jungen zunehmend ein schlechtes Image. Wir klären auf, dass man als Fleischfachfrau oder -mann nicht zwingend schlachten muss.»

Bis Oktober kann man noch eine Lehre beginnen

Nicht nur in der Metzgerei können Interessierte noch jetzt eine Lehrstelle ergattern. «Viele Betriebe verlängern in diesem Jahr die Suche nach Lernenden bis im Oktober», weiss Domenica Mauch von Yousty. Auf der Plattform sind aktuell noch rund 5800 Stellen für dieses Jahr ausgeschrieben. Auf dem offiziellen Lehrstellennachweis der Kantone – Berufsberatung.ch – sind es 12000 Lehrstellen. Auch bei den SBB werden etwa noch künftige Logistikerinnen, Polymechaniker oder Gleisbauer gesucht.

Wie sich die Ausbildungsbereitschaft in Zukunft entwickeln wird, will kein Experte vorhersagen. Grosse Lehrlingsausbildnerinnen wie Swisscom, Coop, Post, UBS, Migros oder SBB werden gemäss einer Umfrage dieser Zeitung 2021 mindestens gleich viele oder sogar mehr Lehrstellen anbieten als diesen Sommer.

Ein Anhaltspunkt könnte auch die Unsicherheit liefern: «Je grösser der Anteil der Betriebe in einer Branche ist, der bei unserer Umfrage im Juli noch nicht angeben konnte, ob er jetzt die Lernenden behalten wird, desto grösser sind dort die wirtschaftlichen Probleme», sagt Renold. Und dies kann sich auf das künftige Angebot von Lehrstellen auswirken. Die am stärksten gebeutelten Sektoren sind demnach «Nahrung» mit vielen Kleinbetrieben wie Käsereien oder Dorfmetzgereien, «Gesundheit» und das Gastgewerbe samt Hotellerie.

«In einer früheren Version dieses Artikels war die Berufsbezeichnung von Christine Davatz falsch. Sie ist Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes»

7 Kommentare
    A. Huber

    Dank EU-weiter Personenfreizügigkeit ist der Lohn im Gastgewerbe tiefer gesunken. Die fehlenden Köche und Kellner werden in Deutschland oder Italien geholt, zu einem niedrigen Lohn natürlich.