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Waadtländer Spital in FinanznotNeues Krankenhaus braucht Intensivpflege

Mitten in der Corona-Krise geht einer frisch gebauten Akutklinik im waadtländischen Chablais das Geld aus. Ohne Millionenkredit wären Pflegende und Ärzte bald ohne Lohn.

Das Spital in Rennaz im Waadtländer Chablais ist seit November 2019 in Betrieb und bereits in massiven finanziellen Schwierigkeiten.
Das Spital in Rennaz im Waadtländer Chablais ist seit November 2019 in Betrieb und bereits in massiven finanziellen Schwierigkeiten.
Foto: Chantal Dervey (24 Heures)

«Prestigeprojekt», «historische Leistung», «Vision, Mut und Weitsicht»: An der Eröffnung des Regionalspitals Riviera-Chablais im August 2019 überboten sich Politiker mit Lobeshymnen. Nach vier Jahren Bauzeit besassen die Nachbarkantone Waadt und Wallis in der Wachstumsregion Chablais endlich ein gemeinsames Akutspital. Um die Klinik mit 350 Betten, 1500 Beschäftigten und Abteilungen wie Onkologie und Kardiologie finanzieren zu können, schlossen die Kantone diverse kleine Akutspitäler oder gaben ihnen neue Aufgaben. Pierre-Yves Maillard, geistiger Vater des Projekts, erlebte die Eröffnung nicht mehr als Waadtländer Gesundheitsdirektor. Er wirkte bereits als Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes.

Seine ersten Patienten betreute das Spital Riviera-Chablais Anfang November 2019. Sechs Monate später ist die Klinik selbst ein Fall für die Intensivpflege. Die Baukosten betragen 440 Millionen statt 353 Millionen Franken. Die Auslastung des Spitals liegt massiv unter den Erwartungen. Für 2019 waren 6 Millionen Franken Verlust budgetiert, nun beträgt er 17,9 Millionen Franken. Auch wegen der Corona-Krise wurde das Geld in der Spitalkasse schliesslich derart knapp, dass Mitte Jahr ein Zahlungsausfall bei den Angestelltenlöhnen und den Lieferantenrechnungen gedroht hätte.

Die Waadtländer Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz (SP) entdeckte schliesslich im März, dass sich Spitaldirektor Pascal Rubin kurzerhand frisches Geld beschafft hatte: über 20 Millionen Franken. Doch weder die Waadt noch das Wallis bürgten für den Kredit. Rubin hatte es in Graubünden beschafft. Unklar bleibt, von welcher Bank. Die Walliser Gesundheitsdirektorin Esther Waeber-Kalbermatten (SP) sagt: «Ob es rechtmässig war, dass Spitaldirektor Pascal Rubin sich die 20 Millionen Franken beschaffte, werden wir überprüfen.»

«Die Doppelspurigkeiten der Leistungen von öffentlichen und privaten Spitälern müssen gebremst werden.»

Esther Waeber-Kalbermatten, Walliser Gesundheitsdirektorin

Die Gesundheitsdirektorinnen lassen die Spitalfinanzen und die Geschäftsleitung nun mit Untersuchungen durchleuchten. Die Finanzverantwortliche hat ihre Stelle gekündigt. Pierre-François Leyvraz, frisch pensionierter Direktor des Universitätsspitals Lausanne, wurde als Nothelfer nach Rennaz beordert.

Um die akute Finanznot zu beseitigen, hat die Walliser Regierung jüngst entschieden, dem Spital eine Finanzgarantie von 20 Millionen Franken zu gewähren. Der Waadtländer Kantonsrat hat am Dienstag seinerseits eine Garantie über 60 Millionen Franken gesprochen und entscheidet in zwei Wochen, ob er eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) einsetzt.

Bei der Spitaleröffnung im August prognostizierte Gesundheitsdirektorin Ruiz dem Spital Rennaz Gewinne von 10 Millionen Franken in vier bis fünf Jahren. Angesichts der Finanzmisere sagt sie, die Legitimität des Spitals stehe ausser Frage, es gehe jetzt darum, die Dinge zu bereinigen. Esther Waeber-Kalbermatten will bei den Doppelspurigkeiten der Leistungen von öffentlichen und privaten Spitälern ansetzen. «Diese Entwicklung muss gebremst werden. Jährliche Erhöhungen von fünf Prozent bei den Krankenkassenprämien sind für die Bürger nicht mehr bezahlbar», argumentiert die Walliserin.

440 Millionen Franken kostete das neu gebaute Spital Rennaz. 353 Millionen Franken waren ursprünglich budgetiert.
440 Millionen Franken kostete das neu gebaute Spital Rennaz. 353 Millionen Franken waren ursprünglich budgetiert.
Foto: Cyril Zingaro (Keystone)