Flughafen

Aufbruch zu neuen Horizonten

In Kloten kann die Flughafenbetreiberin kaum noch wachsen. Deshalb baut sie ihr Auslandsgeschäft stetig aus, etwa in Belo Horizonte. Das gefällt nicht allen.

Hell, aufgeräumt, sauber und gut beschildert: Im neuen Terminal des Belo Horizonte Airports ist die Zürcher Handschrift gut sichtbar.

Hell, aufgeräumt, sauber und gut beschildert: Im neuen Terminal des Belo Horizonte Airports ist die Zürcher Handschrift gut sichtbar. Bild: zvg

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Man muss weit reisen, wenn man sich die Auslandaktivitäten der Flughafen Zürich AG (FZAG) anschauen will: zum Beispiel nach Belo Horizonte. Wo die Stadt liegt, musste auch René Baumann googlen, bevor er 2014 in die drittgrösste Metropole Brasiliens aufbrach. Davor war er mit Daniel Bircher im indischen Bangalore für die FZAG tätig. Nun bilden sie das Schweizer Duo am BH Airport, dem Flughafen Confins in Belo Horizonte. Bircher leitet den operationellen Bereich, Baumann den kommerziellen. Mittlerweile kennt Baumann die Stadt und den Bundesstaat Minas Gerais. Dass die Region -­­­ wie der Name verrät - bekannt ist für seine Minen und Rohstoffe; dass sie so gross ist wie Frankreich und die wirtschaftliche Kraft Dänemarks übertrifft: Minas Gerais beheimatet das weltweit grösste Fiat-Werk, die grösste Kaffeeproduktion sowie zahlreiche Metall- und Textilfirmen.

Wie Zürich – aber keine Kopie

Der Kommerzchef hat aber auch die gastronomischen und handwerklichen Spezialitäten erkundet und dafür gesorgt, dass sie die Kunden in den Flughafenläden wiederfinden: Schmuck, Käse, den Zuckerrohrschnaps Cachaça und Produkte aus Guave präsentiert Baumann auf einem Rundgang durch die Shoppingzone mit dem Stolz eines Mineros, wie sich die Einheimischen nennen. «Ein Flughafen muss zurück zu den lokalen Basics, wenn er sich abheben und die Bevölkerung einbeziehen will», sagt Baumann.

Wie der Flughafen Zürich soll BH Airport mehr sein als ein Ort , wo Flugzeuge ankommen und abfliegen. Entstehen soll eine Destination, ein Begegnungs- und Erlebnisort, eine eigene Marke, keine Kopie Zürichs. «Der Kunde muss spüren, wo er ist», sagt Baumann. Trotzdem kommt auch der BH Airport nicht ohne gängige Markenartikel aus. «Der Minero will hier die Welt spüren. Und es braucht auch diese bekannten Angebote, bei denen der Kunde gleich weiss, was er bekommt.»

Das Abenteuer Bangalore

Voraussichtlich dieser Tage endet das erste Auslandabenteuer ­­ der FZAG mit dem Verkauf der Anteile und einem Gesamtgewinn von rund 100 Millionen Franken. Der gelungene Einstieg in Bangalore weckte Lust auf mehr. Es folgten Engagements in Chile, Honduras, Curaçao, Kolumbien und Brasilien. In Kooperation mit dem brasilianischen Konzern CCR erhielt die FZAG 2013 den Konzessionszuschlag für den Betrieb des Flughafens Confins in Belo Horizonte. Das Konsortium hält 51 Prozent am Flughafen, die staatliche Infraero 49 Prozent. 75 Prozent des privaten Konsortiums gehören CCR, 25 Prozent der FZAG. Investiert hat sie bisher 25 Millionen Franken Eigenkapital.

Die FZAG hatte Brasilien schon länger im Auge. Gründe waren die Privatisierung der Flughäfen und das Wachstumspotenzial. Brasilien zählt zu den zukunftsträchtigsten Märkten der Welt. In einem Land, wo das Schienennetz klein ist und die Distanzen gross, sind Zug und Bus schlechte Alternativen. Kommt hinzu, dass die Brasilianer gerne am Flughafen verweilen und konsumieren. In Belo Horizonte fliegen 60 bis 70 Prozent der Passagiere zum ersten Mal. «Die meisten sind schon drei Stunden vor Abflug am Flughafen und kaufen Geschenke für ihre Familien», sagt Baumann.

Der Skandal und seine Folgen

Ein Spaziergang ist das Geschäft in Belo Horizonte trotzdem nicht. Die fachliche Unterstützung aus Zürich und die Erfahrungen aus Bangalore helfen zwar. Wie aber Brasilianer ticken, wie man mit den lokalen Partnern und Behörden zusammenarbeitet – dieses Wissen mussten sich die Schweizer neu erarbeiten.

Zudem verpflichteten sich die FZAG und CCR mit dem Konzessionsvertrag, innert zweier Jahre ein zweites Terminal zu bauen. Verzögerungen hätten sie mit hohen Bussen bezahlt. Schliesslich wurde das 600 Meter lange Gebäude mit den 17 Fluggastbrücken binnen 14 Monaten fertiggestellt. Gleichzeitig befand man sich in einem Rechtsstreit mit der früheren Betreiberin und stand mitten in der grössten Wirtschaftskrise des Landes, ausgelöst durch einen Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras.

Die Industrie in Minas Gerais war besonders betroffen, und das machte sich in den Passagierzahlen bemerkbar. Statt eines erwarteten Anstiegs sank die Zahl von 11,3 Millionen (2015) auf 9,6 Millionen (2016) pro Jahr. Eine Entwicklung, die man sich mit einem neuen Terminal anders vorstellt.

Regierungsrat ist skeptisch

Aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Risiken beobachtet der Zürcher Regierungsrat die Auslandaktivitäten der FZAG mit Sorge. Als Vertreter des Kantons Zürich, dem ein Drittel der FZAG gehört, mahnt er die Flughafenbetreiberin zu Zurückhaltung. Diese will das internationale Geschäfte aber ausbauen, auch in Brasilien (siehe Nachgefragt).

Von Zweiflern und der Wirtschaftskrise lässt sich die FZAG indes nicht beirren. «Da die Konzession bis ins Jahr 2044 läuft, können wir langfristig investieren und solche Krisen überstehen», sagt Martin Schmidli, der für das internationale Geschäft zuständig ist. Er erwartet, dass sich Brasilien schon dieses Jahr vom Tief erholt und die Passagierzahlen wieder steigen.

Schöne Aussichten

Seit dem Ausbau liegt die Kapazität des BH Airport bei 22 Millionen Passagieren pro Jahr (Zürich: 36 Millionen). Aufgeräumt, sauber und gut beschildert trägt er die Handschrift der FZAG und ist unter der operationellen Leitung von Daniel Bircher zum pünktlichsten des Landes geworden. In drei Jahren kommt eine Parallelpiste dazu, und auch für den Ausbau des Frachtbereichs ist Platz vorhanden. Das Gebiet ist dünn besiedelt, Fluglärm ist kein Thema. Es sind Aussichten, von denen die Flughafenbetreiberin in Zürich nur träumt.


Die Reise nach Brasilien erfolgte auf Einladung des Flughafens Zürich.

Erstellt: 31.01.2017, 17:29 Uhr

Auslandengagements der Flughafen Zürich AG (Bild: zvg)

Lukas Brosi, Finanzchef der Flughafen Zürich AG (Bild: zvg)

Nachgefragt

«Unser Ziel ist 10 Prozent Gewinnbeitrag»

Herr Brosi, weshalb investiert der Flughafen im Ausland?
Lukas Brosi: Zusätzlich zu unserem Kerngeschäft als Verkehrsdrehscheibe und Begegnungszentrum in Zürich wollen wir Wert generieren, indem wir unser Know-how an Flughäfen im Ausland einbringen und damit die Wachstumsgrenzen aus dem Kerngeschäft in Zürich in der mittleren und langen Frist ausgleichen. Damit sichern wir uns als börsenkotierte Firma auch langfristige Wertvermehrung.
Die Zürcher Regierung sieht das allerdings nicht so gerne, sie findet die Strategie riskant.
Das internationale Geschäft gehört seit der Firmengründung im Jahr 2000 zur Strategie der Flughafen Zürich AG. Entscheide über Beteiligungen an Flughäfen im Ausland werden im Verwaltungsrat getroffen, in dem der Kanton Zürich als Aktionär vertreten ist.
Worin besteht denn das Risiko?
Dies ist von Projekt zu Projekt sehr unterschiedlich. Wir wägen Risiken bei Auslandbeteiligungen jeweils sorgfältig ab.
Lohnt sich der Einsatz aus finanzieller Sicht überhaupt?
Auf Umsatzstufe erzielen wir mit dem internationalen Geschäft einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Beim Gewinn ist es ein einstelliger Millionenbetrag. Unser Ziel ist es, in drei bis fünf Jahren mit dem internationalen Geschäft einen Gewinnbeitrag von 10 Prozent zu erwirtschaften.
Und was sind die nächsten grossen Engagements im Ausland?
In Brasilien steht demnächst eine weitere Privatisierungsrunde für vier Flughäfen an. Wir glauben an den brasilianischen Markt. Die dritte Privatisierungsrunde im Land ist eine vollständige Privatisierung, ohne staatliche Beteiligungen. Der Entscheid, ob wir bei der weiteren Runde mitbieten, ist aber noch nicht gefallen. hz

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