Lehrplan 21

Besuch im digitalen Klassenzimmer

Das neue Fach «Medien und Informatik» wird seit diesem Schuljahr in der fünften Primarklasse unterrichtet. Neben einem kritischen Umgang mit neuen Medien lernen die Schüler und Schülerinnen die Welt des Internets und erste Programmierbefehle kennen. In der Schule Wisacher in Hochfelden nahmen die Schüler Wissensportale genauer unter die Lupe.

Die Fünftklässler Silas, Antonio und Pascal finden es toll, im neuen Fach «Medien und Informatik» programmieren zu lernen.

Die Fünftklässler Silas, Antonio und Pascal finden es toll, im neuen Fach «Medien und Informatik» programmieren zu lernen. Bild: Balz Murer

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«Wie kann es sein, dass in Wikipedia nicht alles stimmt?» Mit dieser Frage startet Lucia Degkwitz den Unterricht. Die Fünftklässler haben alle schon von der freien Enzyklopädie gehört; nun sollen sie im neuen Fach «Medien und Informatik» den kritischen Umgang mit Wissensportalen und Suchmaschinen lernen.

«Die Kinder sind schon in der Primarschule sehr viel in Kontakt mit Medien, sei es auf dem Handy oder um für einen Vortrag zu recher­chieren», sagt Degkwitz. «Ich finde es deshalb wichtig, dass sie so früh für das Thema sensibilisiert werden. In der Sek wäre das zu spät.»

Lehrplan bis in fünfte Primarklasse umgesetzt

Ab diesem Schuljahr tritt der neue Lehrplan im Kanton Zürich in der Primarschule bis und mit der fünften Klasse in Kraft. Ab nächstem Schuljahr wird er auch in den anderen Stufen umgesetzt.

«Ich war überrascht, wie viel Spass das Programmieren mir macht. Es ist ein bisschen wie Rätsellösen.»

2006 hat das Stimmvolk in einer Abstimmung sich dafür ausgesprochen, dass die Kantone ihre Bildungsziele harmonisieren. Die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone haben sich zusammengeschlossen und den Lehrplan 21 erarbeitet.

Das Fach «Medien und Informatik» gehört zu einer der grössten Neuerungen. Es beginnt in der fünften Klasse mit einer Lektion pro Woche. Die dafür benötigte Weiterbildung, die sich auf ungefähr 90 Arbeitsstunden beläuft, müssen die Lehrkräfte in ihrer Freizeit besuchen.

«Es war natürlich ein Mehraufwand für mich. Die Koordination mit der Pädagogischen Hochschule verlief jedoch sehr gut», sagt Degkwitz. «Ich war zudem überrascht, wie viel Spass das Programmieren mir macht. Es ist ein bisschen wie Rätsellösen.»

Grosses Interesse

Die Primarlehrerin begrüsst es, dass das Interesse am Programmieren auch bei den Schülern geweckt wird. Zudem wird sauberes Arbeiten sogleich belohnt; entweder der gewünschte Effekt tritt ein oder eben nicht.

«Das Fach ist mega cool – es fühlt sich fast an wie Schuleschwänzen, weil es so toll ist!»

Die drei Fünftklässler Silas, Pascal und Antonio würden ihr wohl zustimmen. Sie üben sich voller Begeisterung an dem Online-Programm Primalogo. Auf diesem kann man mit Befehlen eine Schildkröte bewegen und dadurch auf dem Bildschirm Muster zeichnen. Die Befehle ähneln denjenigen herkömmlicher Programmiersprachen. So lernen sie beispielsweise mit «Repeat» eine Schleifenstruktur kennen.

Obwohl er zu Beginn viele Befehle auswendig lernen musste, schwärmt Silas nun in höchsten Tönen: «Das Fach ist mega cool – es fühlt sich fast an wie Schuleschwänzen, weil es so toll ist!»

Komplexe Befehle und englische Sprache

Die Kinder seien generell sehr motiviert für das Fach, gerade für schwächere Schülerinnen und Schüler sei es allerdings eine Her­aus­forderung, sagt Degkwitz. «Selbst einfache Aufgaben sind oft ziemlich komplex. Wenn die Schüler beispielsweise ein Bild von Google in Word kopieren, müssen sie erstmals überlegen, wie sie auf die Internetseite kommen und was Word ist.»

Eine weitere Herausforderung ist die Sprache: Gerade beim Programmieren sind viele Begriffe auf Englisch. Dies sei anspruchsvoll für jene Schüler, die Mühe mit Fremdsprachen haben.

Jeder kann verfassen, jeder muss überprüfen

Im Verlauf der Stunde kommt die fünfte Klasse der zu Beginn gestellten Frage auf den Grund: Jeder kann ein Wikipedianer werden und auf freiwilliger Basis Arti­kel verfassen. Auch wenn die Beiträge laufend überarbeitet werden, müsse der Leser stets den Wahrheitsgehalt der Artikel überprüfen.

«Das Schöne an diesem Un­ter­richt ist auch, dass die Kinder ein­an­der gut helfen.»


So lernen die Schüler die Seite «Wikibu» kennen, die speziell für den Einsatz an Schulen gedacht ist. Sie stuft die Verlässlichkeit eines Wikipedia-Artikels ein anhand von Kriterien wie Anzahl Besucher, Anzahl Verweise auf andere Artikel und Quellenverweise.

Die Fünftklässler beurteilen auch gleich selber eine Online-Quelle: Sie fragen sich, ob die Seite regelmässig aktualisiert wird oder was die Absicht des Verfassers sein könnte.

Beni darf bei seinem Bild mitreden

Der Umgang mit Bildquellen will ebenfalls gelernt sein. Die Schüler erhalten den Auftrag, ein Bild von ihrem Lieblingstier zu suchen, um danach einen Steckbrief zu gestalten. Neben der Grösse des Bildes, also der Anzahl Pixel, müssen sie dabei auch die Urheberrechte beachten.

Für viele Kinder ist dies ein abstraktes Thema. «Die Schüler sollen hauptsächlich verstehen, dass sie ein Foto von einer anderen Person nicht einfach weiterverwenden können», sagt Degkwitz.

Sie erläutert dies an folgendem Beispiel: «Wenn ich ein Bild von einer Rose schiesse, dann ist das ein Kunstwerk und ich alleine kann darüber verfügen. Schiesse ich allerdings ein Bild von Beni, dann kann nicht nur ich darüber bestimmen, sondern auch Beni selber.» Daran scheinen die Kinder anknüpfen zu können.

Fleis­sig machen sie sich weiter auf die Suche nach ihren Lieblingstieren im Internet. Degkwitz sagt: «Das Schöne an diesem Un­ter­richt ist auch, dass die Kinder ein­an­der gut helfen. In Fächern wie Mathe sind sie viel stärker auf sich selber fokussiert.»

Text: Damaris Hohler

Wie gehen Schulen mit Smartphones um? Und können die mobilen Geräte sinnvoll im Unterricht verwendet werden? Wir haben Beteiligte gefragt:

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 06.09.2018, 12:10 Uhr

Handys an Schulen

Das Smartphone sorgt an Schulen auf der ganzen Welt für Kopfzerbrechen. 2014 besassen in der Schweiz 95 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ein eigenes Handy. Abnehmende Konzentration im Unterricht, mangelnde Bewegung und geringer direkter Austausch sind Folgen eines inten­siven Handykonsums.

Die Massnahmen auf diese Herausforderung unterscheiden sich stark. So hat in Frankreich Präsident Macron Ende Juli ein nationales Handyverbot an Schulen erlassen. Kritiker warnen vor logistischen Problemen und Kosten, um die Handys der Kinder aufzubewahren.
Die USA sind hier schon einen Schritt weiter: An vielen Schulen wird das Gerät vor dem Unterricht eingesammelt und in Beutel verpackt.

Diese werden mit einem Magneten geschützt, ähnlich wie bei Kleidung in Modegeschäften. So müssten die Schüler ihren Beutel aufbrechen, um das Smartphone herauszunehmen. Da die Schüler den Beutel den ganzen Tag über auf sich tragen, trägt die Schule keine Haftung für die Geräte.

Gregor Waller, Medien­psychologe.

Nachgefragt

Bester Freund und grösster Feind

Herr Waller, können Smartphones an Schulen sinnvoll ­eingesetzt werden?
Gregor Waller: Definitiv; es gibt viele wertvolle Lern- und Vertiefungs-Apps. Im Unterschied zu herkömmlichen Aufgabenblättern ist bei Apps das Tempo besser auf den einzelnen Schüler zugeschnitten und sie sind dank des spielerischen Aspekts oft motivierter. Guter Frontalunterricht funktioniert aber nach wie vor am besten ohne Smartphones.

Ist es überhaupt die Aufgabe der Schule, einen sinnvollen Umgang mit Handys zu vermitteln?
Das Elternhaus und die Schule müssen zusammenarbeiten. Aber die Schule sollte definitiv ihren Teil dazu beitragen. Unsere Gesellschaft braucht grundsätz­liche Regeln, wie wir mit Handys umgehen sollen, eine Art Handyknigge. Die Kinder müssen beispielsweise lernen, dass bei einem direkten Gespräch das Gegenüber Priorität hat und nicht das Smartphone. Wichtig ist auch, dass Eltern und Lehrer ein Vorbild sind.

Was würden Sie von einem kompletten Handyverbot an Schulen wie beispielsweise in Frankreich halten?
Ich fände das schade. Die Schüler müssten dadurch ihre Handykompetenzen gänzlich unabhängig von der Schule erwerben. Eu­ropa steckt diesbezüglich gerade in einem riesigen Experiment: Einige Länder wie Frankreich verbieten Smartphones komplett, während beispielsweise Finnland sehr stark auf digitale Tools im Unterricht setzt. In fünf Jahren werden wir dann sehen, welcher Weg sich bewährt hat.

Wie schädlich ist der Handy­konsum wirklich?
Wie bei so vielem lautet auch hier die Antwort: Die Dosis macht das Gift. Ungefähr 95 Prozent der jungen Leute pflegen einen positiven, kompetenten Umgang mit dem mobilen Gerät. Damit meine ich, dass es ihnen einen Gewinn bringt, das Smartphone zu verwenden. Sie können beispielsweise ihr soziales Netzwerk pflegen. Bei lediglich 5 Prozent der jungen Leute ist der Handykonsum problematisch. Oftmals haben diese Personen auch zu Hause oder in der Schule Probleme und der übermässige Handykonsum ist eine Reaktion darauf. In den Medien wird aber häufig nur über die negativen Aspekte berichtet. So haben die meisten Leute ein verzerrtes Bild davon.

Im Forschungsprojekt «Gene­ration Smartphone» der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) untersuchten Sie die Smartphone-Nutzung von Jugendlichen. Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Das Smartphone ist für Jugend­liche unverzichtbar im Alltag, weil so viele Anwendungen gebündelt sind. Vieles ist Information, Unterhaltung und Kommunikation zugleich – «Spass» und «Ernsthaftes» sind nicht getrennt. Oftmals haben die Jugendlichen ambivalente Gefühle gegenüber dem Gerät: Es ist ihr «bester Freund» und ihr «grösster Feind», da sie sich dem Handy kaum entziehen können.

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