Stress

Der treue Begleiter der Erfolgreichen

Was dich nicht tötet, härtet dich ab, sagt schon das Sprichwort. Stress ist unser Lebensgefährte, sagt der 51-jährige Wissenschaftsjournalist Urs Willmann. Er erklärt, wie man gute und schlechte Belastung unterscheidet.

Es gibt nicht nur die negativen Seiten von Stress. Kontrolliert dosiert führt er auch zu emotionalen Höhenflügen.

Es gibt nicht nur die negativen Seiten von Stress. Kontrolliert dosiert führt er auch zu emotionalen Höhenflügen. Bild: Shotshop

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind in Neftenbach aufgewachsen, lebten in Winterthur, zogen nach Zürich und weiter nach Hamburg. Seit 17 Jahren arbeiten Sie dort als Wissenschaftsredaktor der «Zeit». ­Haben Sie den Stress also intuitiv nach und nach gesteigert?
Urs Willmann: Offenbar habe ich mich immer wohlgefühlt, wenn mein Lebensraum urbaner wurde. Bin ich heute in New York oder Istanbul, fühle ich mich zu Hause. Das «Trubelige» regt einen an: Es gibt Schriftsteller und andere Kreative, die sich ins Café setzen, um sich inspirieren zu lassen und dort zu arbeiten. Akustischer Stress hilft, besser zu fokussieren.

Das spricht für Grossraumbüros?
Nein, nicht wirklich. Grossraumbüros sind permanent laut. Das ist nicht mehr förderlich, man ­ermüdet. Nur Kurzzeitstress puscht, macht Spass, inspiriert.

Sie beschreiben in Ihrem Buch «Stress – ein Lebensmittel», dass wir die Herausforderung brauchen, um uns weiterzuentwickeln. Ehrlich gesagt bin ich froh, wenn ich meine Ruhe habe. Wettkampf interessiert mich nicht. Vielleicht weil ich eine Frau bin?
Das stimmt, Kräftemessen liegt eher dem Mann, das beginnt schon bei den Kindern. Es gibt Untersuchungen, wer welche Mutproben macht: Jungs springen eher vom 5-Meter-Brett oder liefern sich Wettkämpfe.

Das heisst jedoch nicht, dass Mädchen keine Mutproben suchen – sie tun es auf einem anderen Feld. Sie klingeln an fremden Türen oder beweisen sich den Mut, indem sie Jungs ansprechen. Denn bei den Frauen geht das Belohnungssystem genauso an, wenn sie Stress überwunden haben. Deshalb mögen auch sie ihn im Alltag, im Beruf oder als Extremsportlerin.

Es gibt aber ein spezifisch weibliches Stressphänomen, die Schwangerschaftsdemenz. Dieses abschätzige Wort beschreibt ein wichtiges, nützliches Stressphänomen: Schwangere beantworten Rechenaufgaben oder Quizfragen schlechter. Sie fokussieren stattdessen optimal auf das Wesentliche – das werdende Leben in ihrem Körper.

Sie führen an, dass alleinerziehende Frauen und verheiratete Männer ohne Job den grössten ungesunden (Dauer-)Stress empfinden. Wie kommt das?
Bei einer alleinerziehenden Frau, die über Jahre ständig Anspannung spürt, sind keine Erholungsphasen möglich. Einen permanenten Kontrollverlust anderer Art erlebt ein Mann, der sich als Versorger fühlt, aber arbeitslos wird. Die permanente Geldnot und gesellschaftlicher Druck setzen ihn enorm unter Dauerstress. Das ist etwas völlig anderes, als wenn man sich ­fröhlich Gedanken über seine ­Situation macht und die freie Zeit geniesst.

Stress sollte durch Bewegung körperlich abgebaut werden. Ein Trend ist jedoch die Achtsamkeit, das ruhige und bewusste Ausführen alltäglicher Gewohn­heiten, gerade um sich zu ­entstressen. Ein Widerspruch?
Überhaupt nicht. Es handelt sich nur um unterschiedliche Techniken, sich zu erholen. Sport ist Achtsamkeit in höherer Intensität. Der Steinzeitmensch hatte nach einer Stressreaktion viel Zucker und Fett im Blut – ausgeschüttet, als ihn der Säbelzahn­tiger bedrohte. Diese Stoffe musste er abbauen. Entweder er legte sich hin, oder er verheizte alles durch Bewegung im Feld.

So ist es auch heute noch: Nach dem Stress entledigt man sich der ausgeschütteten Energieträger im Blut, indem man sich entspannt oder den Zucker in der Muckibude wieder loswird. Bewegung, also Körperstress, ist Entspannung und Gesundung in hoher Dosis, weil sie die Verbrennung anregt und den Blutkreislauf durchspült wie einen Bach, der mit Laub verstopft ist.

Die Menschen mussten sich in den letzten Jahrzehnten immer schneller auf Veränderungen einstellen. Könnte es sein, dass für viele die Anpassungsgrenze erreicht ist? Das «survival of the fittest», das Überleben des Stärksten, klang schon immer zynisch.
Der darwinsche Ansatz reduziert sich nicht nur auf die körperliche Fitness: Balzstress führt zu unterschiedlichsten Lösungen, damit ein Individuum sich fortpflanzt. Nicht alle davon ­gehen mit Fitness einher. Es gibt nicht nur kräftige Mammutjäger: Der frühe Homo sapiens hat sich genauso vermehren können, wenn er lustig oder kreativ war. Deshalb gibt es heute Musiker und Künstler.

Was uns aber tatsächlich heute überfordert, ist das Multitasking, darauf sind wir schlecht vorbereitet. Das ist etwas sehr Anstrengendes. Man sollte sich jeweils auf ein Stressereignis, zum Beispiel die Arbeit, konzentrieren und es bewusst mit einem anderen, einem hektischen Spiel oder einem Intervalltraining im Wald, ablösen.

Was empfehlen Sie älteren ­Menschen, die nicht mehr wie Sie Marathon laufen ­können, um Stress abzubauen?
Jeder kann sich eine Belastung suchen, die zu ihm passt. Wichtig ist, dass wirklich eine Belastung stattfindet. Stress bedeutet ja oft, aus einer gedanklichen Endlosschleife nicht mehr herauszufinden. Wenn ich einen Horrorkrimi lese, Fussball erlebe oder einen Film sehe, habe ich etwas, das mich ängstigt, stimuliert, ablenkt, herausreisst. Man muss etwas finden, das den Kreislauf und das Hirn auf Trab bringt – dann gelingt der Ausbruch aus dem ungesunden Dauerstress am wirkungsvollsten.

Wenn Sie manchmal in die Schweiz zurückkommen, um Freunde und Familie zu besuchen, können Sie es dann überhaupt noch aushalten, oder brauchen Sie inzwischen die Droge Grossstadt?
Ich gebe zu, dass mich die Vorstellung, in einem Dorf wie Neftenbach oder der Stadt Winterthur wohnen zu müssen, in­zwischen beängstigt. Ich liebe den Gegensatz, ich brauche die Grossstadt und die extreme Einöde. Den schönsten New-York-Genuss hatte ich, nachdem ich zehn Tage mit einem Containerschiff über den Atlantik gefahren bin. Da kam ich mit wackligen Beinen an Land und saugte den Lärm, das Gehupe und die ganze Kraft der City in mich ein. Ich fühlte zwar Stress, aber er befreite mich von der ersten Minute an.

(zuonline.ch)

Erstellt: 15.06.2016, 11:06 Uhr

Urs Willmann, Autor von «Stress - ein Lebensmittel»

Liebe deinen Stress, er tut dir gut

Auf der einen Seite ist da die steigende Zahl von Burn-out-Patienten. Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die sich Ex­tremsport antun – Stress pur für den Körper. In einer Gesellschaft der Ex­treme haben manche das gesunde Mass verloren. Dieses liegt für Urs Willmann (Bild), den Autor von «Stress – ein Lebensmittel», in kurzzeitigen oder zumindest kontrollierten Belastungen, die einen mental und physisch wachsen lassen. «Wer viel um die Ohren hat, leistet auch viel und hat generell ein besseres Selbstwertgefühl», schreibt er und hat sicher nicht unrecht. «Zufrieden und gesünder ist, wer keine Zeit zum Trödeln und zum Grübeln findet.» Besser sollte man mit Stress regelmässig seine Immunabwehr trainieren, die kleinen grauen Zellen anregen und vielleicht sogar Hautkrebs vermeiden – das konnten amerikanische Forscher an Mäusen nachweisen.

Hormonkick beim Sprung

Willmanns Verständnis finden aber auch Menschen, die in Lauterbrunnen in Wingsuits in die Tiefe springen. Sie suchten den Hormonkick und eine Bewusstseinserweiterung. Stress als Droge, das sei in aller Konsequenz besser, als chemische Substanzen zu konsumieren. Und auch nichts Ungewöhnliches in der Tierwelt. Beispiele für sich berauschende Fische, Bären oder Kängurus sind wohlbekannt. Entscheidend sei die subjektive Bewertung des Stresses. Solange ich meine, noch die Kontrolle zu haben, ist alles gut. Egal, ob ich im Wingsuit stecke oder im Businessanzug.

Kontrolle des Chefs stresst

Aus dieser Perspektive erklärt sich dann auch die Whitehall-Studie, die an 30?000 Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes in Grossbritannien durchgeführt wurde. Sie zeigte, je tiefer die Angestellten in der behördlichen Hierarchie standen, desto eher litten sie unter Stress und erkrankten. Das Ergebnis: Die rangniedrigsten Mitarbeiter hatten eine doppelt so hohe Sterblichkeitsrate wie die ranghöchsten. Gefühlte Autonomie entspannt also die Situation, das sollten sich kontrollbeflissene Vorgesetzte vor Augen halten.

Vorbereitung bringt Vorteile

Und wieder zieht Willmann Parallelen zum Tierreich, mit einem bekannten Rattenversuch. Dabei bekamen, wie sollte es anders sein, die Nager Elektroschocks verpasst. Die eine Gruppe wurde durch ein Licht gewarnt, die andere konnte sich nicht darauf einstellen. Schon die Möglichkeit, sich auf die drohenden Stromstösse einzustellen, machte die gewarnten Ratten widerstandsfähiger. Das klappte übrigens auch bei Harvard-Studenten, die vor einer Menschenmenge sprechen sollten. Schilderte man, was gleich auf sie zukommen würde und wie sie sich fühlen würden, so traten sie selbstsicherer auf als die blauäugige Kontrollgruppe. Ein Effekt, der gerne auch von Fussballtrainern eingesetzt wird.
Das Buch des Wahl-Hamburgers ist voll von erstaunlichen Fallbeispielen und unterhaltsam ist es allemal. Als erfahrener Wissenschaftsjournalist schafft er es sogar, seine These an herausragenden künstlerischen, musikalischen und architektonischen Leistungen zu belegen. Die Erkenntnis ist nicht neu, aber Stress kann einen weiterbringen.

Stress – ein Lebensmittel Urs Willmann, Pattloch-Verlag. 304 Seiten, circa 39 Fr.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.