Bülach

«Die Stadt war bis heute zu wenig auf dem Radar»

Bis Ende 2022 soll der Bülacher Wirtschaftsförderer René Götz 800 Stellen schaffen. Das sei ambitiös, aber machbar, sagt er nach den ersten fünf Monaten im Amt.

Der in Höri aufgewachsene René Götz glaubt an das Potenzial der Stadt Bülach als Wirtschaftsstandort.

Der in Höri aufgewachsene René Götz glaubt an das Potenzial der Stadt Bülach als Wirtschaftsstandort. Bild: Johanna Bossart

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René Götz, weshalb braucht Bülach Sie als Wirtschaftsförderer?
René Götz: Bülach hat Handlungsbedarf im wirtschaftlichen Bereich. Im Vergleich zu anderen Städten in der Region haben wir einen sehr tiefen Anteil an Unternehmen und wenig Steuereinnahmen von juristischen Personen. Die Entwicklung bei den Arbeitsplätzen war in den vergangenen zehn Jahren eher verhalten, obwohl Bülach geografisch sehr gut liegt, mit Anbindung an den Flughafen und an die Metropolitanregion Zürich. Es gibt noch einiges zu tun. Bülach war bis heute nach aussen zu wenig auf dem Radar. Zum einen möchte ich deshalb das, was da ist, nach aussen tragen. Zum anderen möchte ich gegen innen vernetzen. Wenn eine Ansiedlung konkreter wird, muss das Räderwerk funktionieren.

Es gibt Städte ähnlicher Grösse, Beispiel Dübendorf, die sich zwar im Wirtschaftsnetzwerk Flughafenregion engagieren, aber sich nicht auch noch einen Wirtschaftsförderer leisten. Ist Bülach in einer schwierigeren Situation?
Wenn man die nüchternen Fakten betrachtet, dann ist das in der Tat so. Dübendorf, Kloten, Opfikon oder auch Wallisellen haben sich wirtschaftlich besser entwickelt. Es ist wichtig, dass Bülach bei der Flughafenregion dabei ist. Aber die Mitgliedschaft allein genügt nicht. Man muss sie nutzen und auch bereit sein, wenn ein Unternehmen kommen will. Da braucht es als Stadt ein gewisses Engagement.

Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse der nun veröffentlichten Resultate der Unternehmensbefragung?
Ich war sehr erfreut über den Rücklauf. Es ist wichtig, überhaupt einmal den Datenbestand der Unternehmen zu kennen. Die Umfrage repräsentiert 90 Prozent der Arbeitsplätze. Wir wissen nun relativ genau, wie die Bülacher Wirtschaft strukturiert ist. Die Leuchttürme sind im Lifescience-Bereich – mit den beiden grössten Unternehmen Biotronik und Spital. Angesichts der Bautätigkeit in der Flughafenregion ist es nicht völlig verwunderlich, dass das Rückgrat der KMU-Wirtschaft die Bauindustrie ist. Handlungsbedarf und Potenzial bestehen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik (IKT). Positiv ist, dass sich grosse Unternehmen mit Wachstumsstrategien beschäftigen. Aber es zeigt sich vor allem bei einer Reihe kleinerer Unternehmen, dass es auch Fragezeichen gibt.

Was meinen Sie mit «Fragezeichen»?
Es gibt Unternehmen, die über einen Abbau nachdenken, beispielsweise der Detailhandel. Die Bauindustrie beschäftigt die Frage, ob das Wachstum so weitergehen kann.

Laut Umfrage beklagen die ansässigen Unternehmen den Fachkräftemangel vor Ort. Das können Sie nur schwer ändern?
Ja, das ist kurzfristig sicher sehr schwierig. Dieses Phänomen betrifft jedoch nicht nur die Stadt Bülach. Im technisch-gewerblichen Bereich fehlen die Nachwuchskräfte generell. Wir müssen die Nähe zu Bildungsinstitutionen suchen und überlegen, wie wir die Unternehmen bei der Suche nach Fachkräften unterstützen können. Ich prüfe momentan die Idee eines Technoparks. Erste Gespräche sind bereits geführt. Die Signale, die wir darauf von ansässigen Unternehmen erhalten, sind positiv. Aber es braucht letztlich auch Start-ups – beispielsweise aus dem boomenden IKT-Bereich, die in diesen Technopark kommen wollen.

«Man muss bereit sein, wenn ein Unternehmen kommen will. Da braucht es als Stadt ein gewisses Engagement.»Rene Götz, Wirtschaftsförderer der Stadt Bülach

Zahlreiche Unternehmen kritisieren die ungenügende Verfügbarkeit von Parkplätzen. Da dürften Sie auf politischen Gegenwind stossen.
Ja, dessen bin ich mir bewusst. Das Thema ist je nach Geschäftszweck und Unternehmensgrösse unterschiedlich wichtig. Es wird sich zudem weisen, wie sich die Bedeutung der Parkplätze durch Entwicklungen wie automatisiertes Fahren und Carsharing-Modelle mittelfristig verändern wird.

Auch mit den Steuern und Abgaben sind die Unternehmen nur mässig zufrieden.
Aus meiner Sicht ist hier die kantonale Entwicklung im Standortwettbewerb fast bedeutsamer. Diesen Herbst kommt im Kanton Zürich die Umsetzungsvorlage zur Steuervorlage 17 vors Volk. Diese sieht Entlastungsmassnahmen für KMU, vor allem im Forschungs- und Entwicklungsbereich vor. Bei einer Annahme läge Kanton Zürich zumindest wieder im Mittelfeld. Da der Wirtschaftsraum Zürich ansonsten im Quervergleich über sehr gute Standortvoraussetzungen verfügt, wäre dies sicherlich ein Pluspunkt.

Auch die zu hohen Preise für Grundstücke und Gewerbeflächen und das zu wenig ausgebaute Mobilfunknetz sind Themen.
Das mit den Preisen ist ambivalent. Volkswirtschaftlich betrachtet, ist das eigentlich ein gutes Signal, denn es bedeutet, dass die Region insgesamt gedeiht. Wir brauchen in allen Preiskategorien Angebote. Beim Kommunikationsnetz müssen wir unbedingt darauf achten, dass wir mit der Stadtverwaltung und der Swisscom weiterkommen. Für einige Branchen ist das heute schon elementar, in Zukunft als Folge der Digitalisierung wohl für die meisten.

Stichwort Arealentwicklung – wie geht es da weiter?
In den kommenden Jahren kommen in Bülach Tausende von Quadratmeter Gewerbefläche auf den Markt. Das ist eine echte Chance. Beim Guss- und beim Glasi-Areal versuchen wir, die Verantwortlichen bei der Vermietung von Gewerbeflächen zu unterstützen. Das Dossier Jakobstal ist momentan beim Kanton. Da heisst es für alle Beteiligten: zuwarten.

«In den kommenden Jahren kommen in Bülach Tausende von Quadratmeter Gewerbefläche auf den Markt. Das ist eine echte Chance.»Rene Götz

Wie einfach lassen sich neue Gewerbeflächen vermieten?
Es ist vorderhand eher schwierig. Wir müssen den Standort Bülach auf den verschiedensten Kanälen bekannt machen und zeigen, dass hier vieles passiert. Vor allem im Fall Glasi wird das ein mehrjähriger Prozess sein.

Ein Sorgenkind vieler Bülacher ist die Altstadt, was kann man da machen?
Ich habe bereits mit einigen Unternehmen Kontakt gesucht und sehe meine Aufgabe darin, herauszufinden, welche Angebote im Bereich Lifestyle für das Zentrum interessant sein könnten. Das möchte ich demnächst an die Hand nehmen.

Welche konkreten Erfolge können Sie bereits vorweisen?
Momentan laufen mit sechs Unternehmen unterschiedlicher Grösse und aus verschiedenen Branchen konkrete Ansiedlungsgespräche. Sobald wir sicher sind, dass diese Firmen kommen, werden wir Genaueres kommunizieren.

Die Vorgabe seitens der Stadt an Sie: mindestens 800 Arbeitsplätze in den nächsten fünf Jahren und 250000 Franken zusätzliche Steuereinnahmen von Unternehmen. Ist das zu schaffen?
Das ist ambitiös, besonders die Vorgabe in Sachen Arbeitsplätze. Aber ich glaube, es ist machbar. Es bleibt am Schluss die Frage, woher der Zuwachs kommt. Auch bereits ansässige Unternehmen werden Arbeitsplätze schaffen. Es wird auch davon abhängen, ob es uns gelingt, grössere Unternehmen anzusiedeln.

Am Schluss wird man Sie daran messen.
Ja, das ist mir bewusst. Und das ist auch richtig so. Im Moment spüre ich so viel Goodwill und Optimismus. Ich bin zuversichtlich, dass Bülach weiterkommt, sind wir doch das nördliche Einfallstor zur Wirtschaftsregion Zürich.

Erstellt: 30.05.2019, 10:14 Uhr

Zur Person

René Götz ist seit Anfang Jahr Wirtschaftsförderer der Stadt Bülach. Der 51-jährige Betriebsökonom FH ist Partner bei der Hanser Consulting AG aus Zürich, an die der Stadtrat das vierjährige Mandat mit einem Kostendach von 180000 Franken pro Jahr vergeben hat. Götz war unter anderem 15 Jahre lang als Wirtschaftsförderer der Stadt Grenchen tätig. Er stammt aus Höri und wohnt in Neerach.

Das Arbeiten muss aufholen

Während die Wohnungsangebote in Bülach vorhanden sind und weiterhin stark ansteigen, ist der Steueranteil juristischer Personen, sprich Unternehmen, mit gut 8 Prozent vergleichsweise tief. In Wallisellen oder Opfikon sind es über 40 Prozent. Damit die Balance stimmt, will der Stadtrat die wirtschaftliche Entwicklung stärken. Der Gemeinderat bewilligte dafür im März 2018 einen Kredit von 1,6 Millionen Franken über die nächsten vier Jahre. Eine der Massnahmen ist die Vergabe eines Mandats für die Wirtschaftsförderung an einen externen Partner. Dieses Mandat darf maximal 200000 Franken kosten, also die Hälfte des Budgets.

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