Winterthur

«Fall Flaach»: Mutter litt an Geltungssucht

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) habe im «Fall Flaach» in vielen Punkten beispielhaft gehandelt. An der heutigen Pressekonferenz wurden aber auch Schwächen eingeräumt.

Die Justizdirektion mit Vorsteherin Jaqueline Fehr informieren über die Ergebnisse der Untersuchungen im «Fall Flaach».

Die Justizdirektion mit Vorsteherin Jaqueline Fehr informieren über die Ergebnisse der Untersuchungen im «Fall Flaach». Bild: Keystone

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Zwei unabhängige Gutachten zum Fall Flaach sind zum Schluss gekommen, dass es «keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem behördlichen Handeln und der Kindstötung vom 1. Januar 2015» gebe. Die Tat sei «nicht vorhersehbar und somit auch nicht verhinderbar gewesen», sagte Regierungsrätin Jaqueline Fehr in ihrem Schlusswort der heutigen Medienkonferenz zu den Erkenntnissen und Lehren aus dem Fall Flaach.

Existentieller Machtkampf gegen KESB

Frank Urbaniok, Chefarzt der Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Amts für Justizvollzug und Gutachter im Strafverfahren gegen die angeschuldigte Mutter sprach vor den Medien von einer Extremtat, die in der Persönlichkeit der Mutter angelegt gewesen sei. Die Frau habe an Geltungssucht und einem instabilen Realitätsbezug gelitten. Durch die Wegnahme der Kinder durch die KESB habe für die Mutter ein existenzieller Machtkampf begonnen. Ihr Plan sei es gewesen, der KESB die Kinder zu entziehen, indem sie sie tötet. Die KESB-Verantwortlichen hätten die dadurch unvermeidliche Eskalation im Moment ihres Handelns aber nicht erkennen können.

Kinder- und Jugendpsychologe Martin Inversini und Kurt Affolter, Fürsprecher und ehemaliger Leiter des Vormundschaftsamts des Stadt Biel kamen in ihrem externen Gutachten zu folgenden Schlüssen. Die Arbeit der KESB sei in Bezug auf die Not-Unterbringung der Kinder infolge der Verhaftung der Eltern «beispielhaft». Dass die Kinder nach den Festtagen wieder ins Heim zurückgehen sollten, sei ein vertretbarer Entscheid.

Arbeitshilfe für Betroffene

Die beiden wiesen aber auch auf Schwächen im Verfahren hin. Dies bei der Informationsbeschaffung, beim Einbezug der konkreten familiären Beziehungslage der beiden kleinen Kinder, der Gewährung des rechtlichen Gehörs und der Kommunikation mit den Betroffenen. Grundsätzlich gebe es zwischen der Handlungsweise der KESB und der Tat der Mutter aber keinen ursächlichen Zusammenhang.

Der Zürcher KESB werden daher zwei Weisungen erteilt: Die Frage der Kindsvertretung sei künftig bei Fremdplatzierungen immer zu Handen der Akten zu prüfen und zu dokumentieren. Zudem sollen Superprovisorische Entscheide grundsätzlich innerhalb von drei Wochen durch einen vorsorglichen Massnahmenentscheid abgelöst werden.

Zusätzlich wird die KESB eine Arbeitshilfe erarbeiten. Dies, um die Betroffenen in der Hektik des behördlichen Alltags besser zu unterstützen. Die Aufsicht bietet den Mitarbeitenden der KESB dieses Jahr zudem eine Schulung an, die diese bei der besseren Planung und Strukturierung von Abklärungen unterstützt.

Um Abklärungen im Kanton Zürich zu vereinheitlichen, werden die KESB und das Amt für Jugend und Berufsberatung zukünftig vermehrt zusammen arbeiten. Dies sei unabhängig vom Fall Flaach beschlossen worden.

Timeline zum «Fall Flaach»

Am Neujahrstag 2015 tötete eine 27-jährige Frau in Flaach ihre beiden Kinder. Das zweifache Tötungsdelikt war trauriger Höhepunkt eines Konflikts der Familie mit der zuständigen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Diese hatte die vorübergehende Unterbringung der Kinder in einem Heim verfügt, nachdem die Eltern wegen Betrugsverdachts Anfang November verhaftet worden und ausserdem Gefährdungsmeldungen bezüglich der Kinder eingegangen waren.

Nach dem tragischen Ereignis standen die Behörden, allen voran die Winterthurer KESB in der Kritik. Die professionelle Behörde hatte Anfang 2013 die vorher zuständigen Vormundschaftsbehörden abgelöst, in denen Laien tätig waren. Es erhob sich ein regelrechter Sturm der Empörung - bis hin zu Morddrohungen gegen Mitarbeiter. Diese wurden daraufhin unter Polizeischutz gestellt.

Nach zwei Wochen informierte die Direktion der Justiz und des Innern nach einer Überprüfung, die KESB Winterthur-Andelfingen habe im konkreten Fall «nachvollziehbar und vertretbar» gehandelt. Angesichts der Tragweite veranlasste die Justizdirektion zusätzlich eine unabhängige Beurteilung des «Falls Flaach».

Situation für Insassen verbessern

Im August 2015 hat die Mutter der beiden getöteten Kinder in der Zelle Suizid begangen. Sie wurde tot in ihrer Gefängniszelle im Zürcher Gefängnis aufgefunden. Die Eltern der Angeschuldigten warfen dem Amt für Justizvollzug daraufhin vor, die bekannten Suizidabsichten der Frau ignoriert zu haben. Diese wies die Vorwürfe zurück. Die Frau sei in der U-Haft «engmaschig betreut» worden.

An der Pressekonferenz hat der Leiter des Amtes für Justizvollzugs, Thomas Manhart, dazu die Resultate der internen Überprüfung der Untersuchungshaft präsentiert. Es ging dabei vor allem um Möglichkeiten die Situation für Inhaftierte zu verbessern. Dies sei durch verschiedene Massnahmen zu erreichen: Etwa durch zusätzliche Arbeits- und Aufenthaltsräume, mehr sozialen Kontakt für die Insassen, der Austockung von Gesundheits- und Nachtdienst, eine verbesserte Ausbildung des Aufsichtspersonals im Bereich der Suizidprävention und der Schaffung einer speziellen Abteilung für Insassen mit erhöhtem Betreuungsbedarf aus psychiatrischen Gründen.

Erstellt: 29.01.2016, 10:38 Uhr

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