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Israel gegen Gewalt an FrauenNiemand findet das Spanner-Bild noch lustig

Nach der Massenvergewaltigung einer 16-Jährigen im Badeort Eilat gehen Tausende auf die Strasse. Am Strand in Tel Aviv muss ein Kunstwerk dem Unmut weichen.

Wurde nun nach 18 Jahren übermalt: Das Spanner-Bild am Strand im Norden von Tel Aviv.
Wurde nun nach 18 Jahren übermalt: Das Spanner-Bild am Strand im Norden von Tel Aviv.
Foto: Nir Elias (Reuters)

Der Mezizim Beach von Tel Aviv trägt einen programmatischen Namen: «Spanner-Strand» lautet die Übersetzung für diesen gut besuchten Sandstreifen im Norden der Stadt, und die Bezeichnung ist eine Hommage an einen gleichnamigen israelischen Kultfilm aus den Siebzigern.

Darin geht es, grob gesagt, um das Leben am Meer aus der Sicht zweier geschlechtsreifer Kerle – und diesen beiden hatte der Graffiti-Künstler Rami Meiri vor achtzehn Jahren ebenda ein stadtbekanntes Denkmal gesetzt. Auf die Wand zur Frauenumkleide malte er zwei Burschen in Badehosen, die in ein Fenster spähen.

So war die Welt bis gestern, doch dann kam ein Trupp der Stadtverwaltung und übertünchte das Gemälde. «Die Freiheit der Kunst ist ein bedeutsamer Wert», twitterte Bürgermeister Ron Huldai. «Aber dieses Bild wurde beseitigt, weil es als Akzeptanz einer moralisch falschen und kriminellen Handlung verstanden wird.»

Elf junge Männer wurden festgenommen

Der Vorgang fällt in aufgewühlte Tage: Das ganze Land diskutiert über die mutmassliche Massenvergewaltigung einer 16-Jährigen im Badeort Eilat. In ersten Berichten war von mehr als dreissig beteiligten Männern die Rede, die vor einer Hoteltür Schlange gestanden hätten, um sich an dem betrunkenen und wehrlosen Mädchen zu vergehen. Inzwischen hat die Polizei die Zahl etwas nach unten korrigiert, doch elf junge Männer wurden bereits festgenommen. Die politische Spitze des Landes zeigt sich entrüstet und schockiert. In Tel Aviv und anderen Städten hat der Fall eine Protestwelle ausgelöst.

Elf statt zehn Gebote: «Du sollst nicht vergewaltigen», fordert eine Demonstrantin in Tel Aviv.
Elf statt zehn Gebote: «Du sollst nicht vergewaltigen», fordert eine Demonstrantin in Tel Aviv.
Foto: Amir Cohen (Reuters)

Tausende Frauen gehen landesweit auf die Strasse, um gegen Gewalt an Frauen zu demonstrieren – und dagegen, dass Politik und Polizei viel zu wenig dagegen unternehmen. Das Problem ist wohlbekannt, und das nicht erst, seitdem der frühere Staatspräsident Mosche Katzav 2011 wegen Vergewaltigung und sexueller Übergriffe zu sieben Jahren Haft verurteilt worden war. Die Sprecherin der Vergewaltigungskrisenzentren schätzt, dass in Israel neun von zehn Vergewaltigern straffrei ausgehen. 84 Prozent aller gemeldeten Vergewaltigungen würden ohne polizeiliche Nachforschungen bleiben.

Die frisch geweisselte Wand am Tel Aviver Mezizim-Strand soll also auch zur seelischen Selbsterkundung einer Gesellschaft anregen, in der Gewalt gegen Frauen ein Problem und die Machokultur teils noch tief verankert ist. Zur verharmlosenden Verklärung trägt da wohl auch ein Film wie «Mezizim» bei, in dem zwei bis heute hochgehaltene Helden die Hauptrolle spielen: die durchaus feinfühlige Sänger- und Schauspielerlegende Arik Einstein, bei dessen Tod anno 2013 das ganze Land trauerte; dazu sein Freund Uri Zohar, der den wilden Zeiten längst abgeschworen hat und heute als ultraorthodoxer Rabbi in Jerusalem lebt.

Eine alte Frau mit einem Knüppel

Proteste von Frauenrechtlerinnen gegen das Mezizim-Graffiti gab es bereits seit Jahren. Zwischenzeitlich hatte der Künstler Rami Meiri auch angeboten, sein Werk zeitgemäss zu ergänzen – um eine alte Frau, die mit einem Knüppel auf die beiden Spanner eindrischt. Er hätte sein Gemälde wohl gern gerettet, doch das fand wenig Anklang. Nun gab er zu Protokoll, dass er vor dem Hintergrund der Gewalt gegen Frauen die Entscheidung der Stadt verstehe.