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Kommentar von Stephan IsraelNordeuropäer sollten aus Eigeninteresse helfen

Die EU führt bei der Finanzierung des Wiederaufbaufonds die falsche Diskussion über Solidarität. Die Europäer kommen nur gemeinsam aus der Corona-Krise – oder gar nicht.

«Zuerst spielen die nationalen Reflexe, und dann rauft man sich wieder zusammen»: Österreichs Kanzler Sebastian Kurz nimmt an der EU-Videokonferenz zur Eindämmung der Folgen des Coronavirus teil.
«Zuerst spielen die nationalen Reflexe, und dann rauft man sich wieder zusammen»: Österreichs Kanzler Sebastian Kurz nimmt an der EU-Videokonferenz zur Eindämmung der Folgen des Coronavirus teil.
Foto: Reuters

Es herrscht gerade Untergangsstimmung. Die EU scheitert, und der Euro steht angeblich vor dem Untergang. Das war die Begleitmusik zum vierten Videogipfel der Staats- und Regierungschefs über die Frage der Solidarität in Zeiten der Corona-Krise. Es geht im Streit um Corona-Bonds und Wiederaufbaufonds wieder einmal um alles oder nichts zwischen Nord- und Südeuropäern.

Doch haben wir diesen Abgesang nicht schon oft gehört – etwa während der Eurokrise oder der Migrationskrise? Klar, die EU wurde noch von jeder Krise schlecht vorbereitet überrascht. Das gilt für die Herausforderung durch die Pandemie ganz besonders.

Zuerst spielen die nationalen Reflexe, und dann rauft man sich wieder zusammen. So läuft es auch jetzt in der Corona-Krise. Die Pandemie und ihre ökonomischen Verheerungen lassen sich besser zusammen bewältigen als jeder für sich. Selbst die Schweiz ist Teil der Familie, inzwischen bei allen wichtigen Koordinationsschaltungen dabei.

Wo die Europäer sicher Nachholbedarf haben, ist in Selbstdarstellung und in Kommunikation.

Anders als die Brexit-Regierung in London, die aus ideologischen Gründen abseitssteht und in der Corona-Krise eine schlechte Figur macht. Auch China oder Russland machen es mit der Mischung aus Vertuschung, Repression und Propaganda sicher nicht besser. Ebenso Präsident Donald Trump, der in den USA mit seinem erratischen Kurs für Konfusion sorgt.

Wo die Europäer sicher Nachholbedarf haben, ist in Selbstdarstellung und in Kommunikation. Die enorme Summe von einer halben Billion Euro kann ab Juni an Mitteln für Kurzarbeiter, Unternehmen und Spitäler fliessen, viele Regeln sind ausser Kraft gesetzt, und die Euronotenbank steht auch bereit. Doch die Ergebnisse werden in endlosen Videokonferenzen zerredet.

Auch bei den 1,5 Billionen Euro für den Wiederaufbaufonds wird die falsche Diskussion über Solidarität geführt. Die Europäer kommen nur gemeinsam aus der Corona-Krise – oder gar nicht. Deshalb ist es im aufgeklärten Eigeninteresse der Nordeuropäer, den stärker betroffenen Südeuropäern beizustehen. Sonst bekommen die Untergangspropheten am Ende doch noch recht.