Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zum HomeofficeNur weil Chefs zum Video-Meeting einladen können, sind sie noch lange keine digitalen Cracks

Das Arbeiten zu Hause hat dank Corona den Durchbruch geschafft. Aber die Krisenwochen haben auch gezeigt: Menschen auf Distanz zu führen, ist höchst anspruchsvoll.

Wer eine Videokonferenz leitet, muss fünf bis zehn Gesichter gleichzeitig auf dem Schirm lesen können.
Wer eine Videokonferenz leitet, muss fünf bis zehn Gesichter gleichzeitig auf dem Schirm lesen können.
Foto: Getty Images

Dank Corona wissen wir endgültig: Das Misstrauen gegenüber Homeoffice ist nicht mehr angebracht. Ebenso wenig angebracht ist jedoch die Euphorie, die sich in den letzten Wochen rund um das Arbeiten von zu Hause aus entwickelt hat. Bereits wird der Ruf nach Abschaffung der Büros laut, Videoconferencing wird als adäquater Kommunikationsersatz für Sitzungen gefeiert.

Was nicht kritisch hinterfragt wird: Wie haben denn unsere Führungskräfte die Krise gemanagt? Haben sie wahrgenommen, was die neue Situation gefühlsmässig mit ihren Mitarbeitenden gemacht hat? Haben die Chefs ihre virtuellen Meetings via Teams oder Zoom auch wirklich gut moderiert? Zweifel sind angebracht. Nach Einschätzung von Experten ist eine Mehrheit der Vorgesetzten nicht fähig, in der Arbeitswelt 4.0 kompetent zu führen.

Bevor die Unternehmen Büroflächen reduzieren, sollten sie vielleicht erst mal ihr Kader in die Weiterbildung schicken.

Denn dezentrales Arbeiten ist höchst anspruchsvoll. Eine Videokonferenz ist eben mehr als bloss ein technischer Vorgang. Wer sie leitet, muss fünf bis zehn Gesichter gleichzeitig auf dem Schirm lesen können. Dominante Selbstinszenierer müssen abgeklemmt, ruhigere Teilnehmer und Teilnehmerinnen bewusst zu Voten aufgefordert werden. Stimmungen in Teams können nicht mehr einfach auf natürlichem Weg erfasst werden – in der Kaffeeküche oder beim gemeinsamen Joggen über Mittag. Wertvolle informelle Gespräche gehen aufgrund der Distanz verloren, die Bindung der Mitarbeitenden an die Firma und untereinander wird loser.

Um diese Nachteile auszubügeln, braucht es doppelt so empathische Chefinnen und Chefs, deren Können über das Verschicken einer Einladung fürs Google-Hangout-Meeting hinausgeht. Seit Jahren spricht man vom Führen in der virtuellen Welt. Jetzt ist der Moment der Wahrheit gekommen. Bevor die Unternehmen Büroflächen reduzieren, sollten sie vielleicht erst mal ihr Kader in die Weiterbildung schicken.