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Historischer TiefststandUS-Ölpreis fällt erstmals ins Minus

Noch nie ist die Ölnotierung in den USA an einem Tag so stark gefallen – um über 300 Prozent auf -37,63 Dollar. Warum das so ist und was Spekulanten damit zu tun haben.

Wegen des tiefen Ölpreises unter Druck: Öl-Raffinerien müssen mit garstigen Bedingungen klarkommen.
Wegen des tiefen Ölpreises unter Druck: Öl-Raffinerien müssen mit garstigen Bedingungen klarkommen.
Foto: David Goldman (Keystone)

Der Preis für US-amerikanisches Öl ist regelrecht zusammengebrochen. 159 Liter, ein Fass der US-Ölsorte WTI, kosteten am Montagmorgen noch 18 Dollar. Vom Öl als «schwarzem Gold» kann zehn Stunden später aber endgültig keine Rede mehr sein. Im Gegenteil: Der Kurs kollabierte komplett erreichten erstmals Negativwerte. Viele Experten sehen schwarz für den einflussreichsten aller Rohstoffe.

Anfang des Jahres hatte das amerikanische Öl noch mehr als 60 Dollar gekostet. Als viele Ölhändler am Freitagabend ihre Büros verliessen, stand der Preis für das US-Öl immerhin noch bei etwa 18 Dollar je Fass, am Montagmorgen begann die unvergleichliche Talfahrt. Im Laufe des Tages konnten die Händler zusehen, wie der Preis stündlich sank. Dollar um Dollar, Cent um Cent. Bis ein Fass US-Öl dann minus 37,63 Dollar kostete – ein Rückgang von 306 Prozent.

Wenig Nachfrage

Dass der Ölpreis so in sich zusammenfällt, erzählt einerseits viel über eine Weltwirtschaft, die derzeit eine Vollbremsung erlebt. Wenn Fabriken nicht mehr produzieren und Flieger nicht mehr fliegen, braucht es weniger Öl. In den USA wird wegen Corona nur noch halb so viel Benzin gekauft, die Nachfrage nach Flugzeugbenzin ist gar um mehr als 70 Prozent eingebrochen. Und auch in der Schweiz wird wenig getankt.

Doch auffällig ist, dass vor allem der amerikanischer Ölpreis dieser Tage so stark kollabiert. Während die europäische Standardsorte Brent noch über 25 Dollar notiert, haben die Amerikaner besonders zu kämpfen. Das liegt genau genommen an einer Heerschar «nickender Pferde», so nennen die Schieferölförderer ihre metallenen Bohranlagen, die vor allem in Texas mit monotonem Nicken und den charakteristischen Pferdeköpfen das Öl aus der Tiefe fördern.

Da aber kaum noch jemand das Öl haben möchte, laufen in vielen Regionen inzwischen die Lager voll. «Ende Mai wird es kritisch», sagt Ölexperte Weinberg. Manch ein Schieferölförderer fördert trotzdem weiter, um noch irgendwie Geld hereinzubekommen. «Viele müssen nämlich hohe Schuldenberge abtragen», sagt Ölexpertin Gabriele Widmann von der Deka-Bank.

Doch Beobachter müssen aufpassen, sich vom Tohuwabohu auf dem amerikanischen Ölmarkt nicht in die Irre leiten zu lassen. Denn dass der Standardpreis für die amerikanische Ölsorte WTI in der Spitze um über 97 Prozent einknickte, hatte auch mit den Finessen des Ölmarkts zu tun.

Der Standardölpreis für die Standardsorte WTI kommt an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex zustande, am sogenannten Terminmarkt. Die Ölhändler handeln dort lediglich mit Finanzpapieren, sogenannten Futures. Im Klartext: Diese Vehikel geben den Rohstoffhändlern das Anrecht, sich in der Zukunft Öl liefern zu lassen. Wer das Öl im Mai geliefert bekommen will, kann einen Mai-Kontrakt kaufen. Wer es erst im Juni braucht, ein Juni-Papier.

Öl als Spekulationsobjekt

Doch viele der Ölhändler wollen lediglich mit dem Rohstoff spekulieren, sich das Öl nie im blechernen Fass vor die eigenen Banktürme stellen lassen. Unter manchen Rohstoffhändlern allerdings kam am Montag offenbar Hektik auf: Der am jetzigen Dienstag läuft eine wichtige Frist am Ölmarkt aus. Wer dann noch ein Mai-Papier auf Öl in seinen Büchern hat, der bekommt den Rohstoff genau einen Monat später geliefert, Ende Mai. Und das wollten die Händler wohl um jeden Preis verhindern.

Manche Spekulanten verkauften deswegen schnell noch ihre Mai-Papiere, um das Öl ja nicht geliefert zu bekommen. Und schoben das Geld kurzerhand in die Juni-Papiere. Deswegen brach der Preis für WTI-Öl im Mai ein. Der Preis für WTI-Öl im Juni gab jedoch nur leicht nach. «Es ist also nur eine Zahl», sagt Weinberg. Überinterpretieren sollten Anleger sie nicht.

Auch wenn der negative Ölpreisschock in den USA also mit der Torschlusspanik der Händler zu tun hatte, er sendet Schockwellen durch die Ölindustrie. Viele klamme Schieferölförderer stehen kurz vor dem Kollaps, unzählige Jobs auf dem Spiel.

US-Präsident Trump könnte nun Importzölle auf ausländisches Öl verhängen. Sollte auch das nicht wirken, müsste der Präsident unkonventioneller denken: Er könnte den Schieferölunternehmen Geld zahlen, damit die ihr Öl im Boden lassen. «Das wäre eine sehr wirkungsvolle Waffe», sagt Ölexperte Weinberg.

40 Kommentare
    Heinrich Baur

    Dass der Schweizer Konsument beschissen wird, zeigt sich nicht nur an kaum spürbaren Preissenkungen an den Tankstellen, es zeigt sich seit der Corona Krise insbesondere auch im Vergleich zu den Nachbarländern. In Deutschland liegt der Benzinpreis im Schnitt mittlerweile rund 25% tiefer. Üblicherweise ist es aufgrund höherer Mineralölsteuern in Deutschland eher umgekehrt. Man glaubt wohl, während der Grenzschliessungen ist der richtige Zeitpunkt, um mal richtig abzukassieren.