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Interview: Katastrophe von Kaprun«Österreich ist an der Wahrheitsfindung gescheitert»

Beim Gletscherbahn-Unglück starben vor 20 Jahren 155 Menschen, verurteilt wurde niemand. Starke Lobbys hätten die Aufklärung behindert, sagt der Autor Hannes Uhl. Und zieht Parallelen zu Ischgl.

Ein Heizlüfter führte zum Brand: Arbeiter beim Wrack der Unglücksbahn in Kaprun.
Ein Heizlüfter führte zum Brand: Arbeiter beim Wrack der Unglücksbahn in Kaprun.
Foto: Keystone

Das Seilbahnunglück im österreichischen Kaprun am 11. November 2000 kostete 155 Menschen das Leben. Bis heute gibt es Kritik an der juristischen Aufarbeitung der Katastrophe. Unumstritten unter den Sachverständigen ist, dass der Brand von einem Kunststoff-Heizlüfter ausging. Umstritten ist hingegen, wer dafür die Verantwortung trägt. Laut dem österreichischen Richter niemand der sechzehn Angeklagten, die allesamt 2004 freigesprochen wurden, sondern die Herstellerfirma in Deutschland. Dort wiederum sah man keine Schuld bei der Firma, sondern beim unsachgemäßen Einbau. Versuche für eine Wiederaufnahme des Verfahrens scheiterten.

Der langjährige Journalist und Ex-SPÖ-Pressesprecher Hannes Uhl beschäftigt sich seit Jahren mit dem Fall und schrieb 2014 mit Hubertus Godeysen das Buch «155 – Kriminalfall Kaprun», das nun aktualisiert in der englischen Übersetzung erscheint.

Herr Uhl, Sie haben ein Buch über Kaprun verfasst, in dem Sie Österreichs Justiz schwere Vorwürfe machen. Wie kam es dazu?

Ich bin im Nachbarort von Kaprun aufgewachsen und 2009 durch Zufall auf die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft Heilbronn gestossen, die im Auftrag der österreichischen Justiz ermittelt hatte. Diese unterscheiden sich gravierend von dem, was in Österreich über Kaprun bekannt ist. Als ich angefangen habe zu recherchieren, war schnell klar, dass das keine Mutmassungen sind, sondern glasklare Fakten. Aber alles was aus Deutschland kam, wurde in Österreich als Verschwörungstheorie abgetan. Das konnte ich nicht so stehen lassen. Die Republik Österreich ist im Fall Kaprun an der Wahrheitsfindung gescheitert.

Damit wir verstehen, inwiefern sich die Sicht des deutschen Gerichts vom österreichischen unterscheidet, müssen wir noch mal zurückschauen. Was genau ist damals passiert?

Am 11. November 2000 ist im hinteren Teil der Gletscherbahn Kaprun ein Feuer ausgebrochen, bei dem Brand im Tunnel kamen 155 Menschen ums Leben. Es war schnell für die Ermittler klar, dass ein Heizlüfter der Hauptverdächtige für die Brandursache war.

Wie konnte es passieren, dass fast alle Insassen starben? Gab es keine Sicherheitsmassnahmen?

Es gab keine Eigenrettungskonzepte. Der Grossteil der Menschen war deshalb lange in den Kabinen eingesperrt, weil sich die Türen von innen nicht öffnen ließen. Der Fahrer hat erst spät erkannt, was passiert. Zwölf Menschen konnten sich mit Gewalt retten: Sie haben mit ihren Skiern die doppelwandige Plexiglasscheibe eingeschlagen und sind im Tunnel nach unten gerannt.

Nach dem Unglück wurden 16 Personen angeklagt.

Die Verantwortlichen der Gletscherbahn und der Firmen, die für Zugaufbau und Hydraulik zuständig waren. Sie wurden aufgrund des Hauptgutachtens, das den Heizlüfter, seine unsachgemässe Verwendung und die unmittelbare Nähe zu den unter Hochdruck stehenden Hydraulikölleitungen als Brandursache aufführte, angeklagt. Ausserdem Beamte des Verkehrsministeriums, die den Zugumbau genehmigt hatten.

Aber alle wurden 2004 freigesprochen – warum?

Es gab von Anbeginn an ein starkes Ungleichgewicht der Kräfte im Prozess. Die Angeklagten hatten eine Armada an hochkarätigen Verteidigern an ihrer Seite. Darunter übrigens heute sehr bekannte Persönlichkeiten: Wolfgang Brandstetter, späterer Justizminister – oder Wilfried Haslauer, heute Landeshauptmann Salzburgs. Ihnen gegenüber stand eine einzige Staatsanwältin – und ein Gutachter, der von der Verteidigung massiv attackiert wurde und schliesslich krankheitsbedingt ausschied. Dadurch hat der Prozess eine Wendung genommen, sein Gutachten spielte keine Rolle mehr. Plötzlich war nicht mehr der unsachgemässe Einbau des Heizlüfters Grund für den Brand, sondern ein Produktionsfehler. Damit war für den Richter niemand der Angeklagten verantwortlich, sondern die deutsche Firma, die den Heizlüfter fabriziert hatte. Dabei ist heute klar, dass vor allem der Einbau das Problem war.

Die Särge der Opfer liegen in einer Halle beim Flughafen Salzburg (18. November 2000).
Die Särge der Opfer liegen in einer Halle beim Flughafen Salzburg (18. November 2000).
Foto: AP, Keystone

Inwiefern?

Der Heizlüfter war nicht für Transportmittel entwickelt worden, sondern für den Gebrauch zu Hause, im Bad oder WC. Er wurde zudem konstruktiv verändert, aus Platzgründen zerlegt und in das Pult verschraubt. Durch den Einbau neben den Hydraulikölleitungen wurde er zur tickenden Zeitbombe. Die Staatsanwältin konnte noch durchsetzen, dass das Gutachten mit dem Befund verlesen wurde im Prozess – aber darauf eingegangen ist niemand. Plötzlich war alles entschuldbar, kein österreichischer Beteiligter mehr verantwortlich. Alle wurden freigesprochen mit dem Hinweis: Es war ein unabwendbares Ereignis, ausgelöst durch einen Dritten, und zwar den deutschen Heizlüfter-Hersteller Fakir. Dieser ging infolge insolvent.

Abgesehen von den Freisprüchen kam es während des Prozesses noch zu weiteren Ungereimtheiten.

Es vergingen zum Beispiel mehrere Monate, bis der externe Gutachter den Heizlüfter überhaupt untersuchen durfte – weil das Beweismittel vom Innenministerium und später vom Landeskriminalamt in Salzburg offenbar zurückgehalten wurde. Aufgrund dieser Ungereimtheiten war sogar eine Hausdurchsuchung im Innenministerium Thema. Aber das wurde aus Rücksicht auf das Image Österreichs in der Weltöffentlichkeit wieder verworfen.

«Schritt für Schritt wurde verschleiert und beschwichtigt.»

Laut Medienberichten sorgte man sich auch um den Tourismus.

Ja, der Stellenwert des Tourismus ist enorm in Österreich, vergleichbar mit der Autoindustrie in Deutschland. Das dürfte einer der Gründe sein, warum Schritt für Schritt verschleiert und beschwichtigt wurde. Ähnliches haben wir ja in Ischgl erlebt – wo auch niemand schuld sein will für die vielen Corona-Infektionen und das späte Handeln der Behörden. Starke Lobbys im Hintergrund verhindern offenbar eine schonungslose Aufklärung. Dasselbe war in Kaprun der Fall. Österreich hat sich reingewaschen.

Heute ist Kaprun in Österreich kaum Thema mehr, obwohl die Staatsanwaltschaft Heilbronn 2007 zu anderen Schlüssen kam. Welche waren das?

Das ist für mich das Schockierende: Wäre der Gerichtsakt nicht wegen einer Sachverhaltsdarstellung gegen die Firma Fakir nach Heilbronn gegangen, würden wir heute noch nicht wissen, was in Kaprun passiert ist. Dabei sind die Fakten, die Heilbronn veröffentlicht hat, keine Überraschung: Das Urteil des Richters in Salzburg, dass es ein unabwendbares Ereignis gewesen wäre, ist demnach nicht haltbar. Man hat es in Österreich gerne auf göttliche Fügung geschoben, der Richter sagte damals bei der Urteilsverkündung sogar: «Da hat der liebe Gott für einige Minuten im Tunnel das Licht ausgemacht.» Fakt ist aber, dass der Heizlüfter und seine Prüfabzeichen in dem Moment, in dem er woanders als in einem Bad oder WC eingebaut wurde, hinfällig geworden sind. Er hätte niemals in den Zug eingebaut werden dürfen, so wie es auch schon vom ersten Gutachter festgehalten wurde. Konstruktionsfehler haben die deutschen Ermittler keine gefunden. Es war kein göttlicher Donnerschlag, sondern eine von Menschenhand gebaute Maschine hat 155 Personen getötet. Weil der Mensch Fehler gemacht hat.

Sie haben das alles in Ihrem Buch aufgeschrieben und für verschiedene Medien. Was gab es für Reaktionen?

Es gab vor der Veröffentlichung eine ganze Menge an Klageandrohungen, um mich und meinen Co-Autor einzuschüchtern. Aber es kam schliesslich zu keiner einzigen Klage. Keiner der Beteiligten möchte offenbar, dass die ganze Sache noch mal vor Gericht thematisiert wird.

Die Republik Österreich hat die Hinterbliebenen aber doch entschädigt, auch die Sicherheitsmassnahmen in solchen Bahnen sind deutlich verschärft worden.

Ja. Heute gibt es Sprechverbindungen aus der Personenkabine, es werden brandhemmende Materialien verbaut. Aber für viele Hinterbliebene hat die Katastrophe nie aufgehört. Es hat ja niemand die Verantwortung übernommen. Natürlich hat keiner dieses Unglück gewollt oder vorausgesehen, aber es wäre laut allem, was wir heute wissen, vermeidbar gewesen. 20 Jahre später wäre es an der Zeit, dass die eigenen Fehler in Österreich eingestanden werden. Aber bis heute gibt es nur Beileidsbekundungen.

12 Kommentare
    Jürg R. Schweri

    Ich bin gespannt, ob wir Schweizer bei unseren Skandalen die Schuldigen finden (wollen), z.B. bei der Bahnschwellen-Blauseevergiftung oder Schuldige bei der Krypto-Affäre?