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Bundesliga-Statistiken zeigenOhne Zuschauer spielen sie anders

Fünf Geisterrunden in der Bundesliga bringen überraschende Erkenntnisse: In einem leeren Stadion gibt es mehr Verwarnungen. Und: Der Heimvorteil ist zum Heimnachteil geworden.

Schiedsrichter und Spieler verhalten sich bei Geisterspielen anders. Nicht nur beim Jubeln und Abklatschen, sondern auch während der Partie.
Schiedsrichter und Spieler verhalten sich bei Geisterspielen anders. Nicht nur beim Jubeln und Abklatschen, sondern auch während der Partie.
Foto: Michael Sohn/Pool via Getty Imag

Fünf Runden wurden in Deutschlands Bundesliga seit der Corona-bedingten Unterbrechung bereits wieder absolviert. 45 Spiele vor leeren Rängen. 45 Spiele mit Trainern mit Masken auf der Bank. 45 Spiele ohne Handshakes. Doch nicht nur rund um das Spielfeld haben sich die Dinge verändert. Auch auf das Spiel selbst haben die Anpassungen Auswirkungen.

Die Pässe

Im Durchschnitt kamen vor der Corona-Unterbrechung 81 Prozent aller Pässe an, wobei Heimteams eine leicht bessere Quote hatten. Seit dem Wiederbeginn liegt die Passquote durchschnittlich bei 81,5 Prozent. Die Gäste konnten ihre Passgenauigkeit leicht mehr steigern als die Gastgeber. Dafür gibt es drei Erklärungen:

1. Die Emotionen. Ohne Fans sind diese schwächer. Die Spieler werden von den schreienden und tobenden Zuschauern nicht zusätzlich aufgestachelt. Sie können eher einen kühlen Kopf bewahren und dadurch bessere Pässe spielen.

2. Die bessere Kommunikation. Im Stadion ist es ruhiger. Statt bis zu 80’000 Fans schreien nur noch die 22 Spieler auf dem Platz und die Trainer von der Bank. Wenn das Stadion ausverkauft ist, käme er mit seinen Rufen keine zehn Meter weit, sagte beispielsweise der Dortmunder Verteidiger Mats Hummels im Bayerischen Rundfunk. Doch jetzt könne er mit seinen Kommandos auch Mittelfeldspieler erreichen.

3. Die Ruhe. Dass die Auswärtsteams ihre Passquote stärker verbessern konnten, kann mit den ausbleibenden Pfiffen der Fans erklärt werden. Versucht die Gastmannschaft den Ball tief in der eigenen Platzhälfte zu halten und geordnet aufzubauen, wird sie sofort mit Pfiffen von den Rängen eingedeckt. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Die Gäste können sich beim Spielaufbau Zeit lassen, die Pfiffe fehlen.

Die Tore

Die bessere Passquote führt aber nicht zu mehr Toren. Im Gegenteil: Im Schnitt fallen seit dem Wiederbeginn drei Tore pro Spiel, 0,25 weniger als vor dem Unterbruch. Am vergangenen Wochenende wurde mit 2,33 Toren pro Spiel sogar der zweittiefste Wert der aktuellen Saison erreicht.

Dass weniger Tore fallen, kann ebenfalls mit der Ruhe im Stadion erklärt werden. BVB-Abwehrchef Hummels: «Ich könnte, wenn das Stadion tobt, niemals den offensiven Mittelfeldspieler oder gar den Stürmer mit meinen Anweisungen erreichen.» Ohne Fans kann er auch ihnen Anweisungen für ihr Defensivverhalten geben. Die Abwehr ist daher besser organisiert, die Angreifer haben es schwieriger.

Der Heimvorteil

Er wird im Fussball oft beschworen und zitiert: der Heimvorteil. Doch ist dieser auch noch da, wenn das Stadion leer ist? Bevor das Coronavirus den Fussball zum Erliegen brachte, gewannen die Heimteams 43 Prozent der Spiele, 22 Prozent endeten unentschieden. Somit holten sich die Teams im Schnitt 1,5 Punkte pro Heimspiel, die Auswärtsteams durchschnittlich 1,3 Punkte.

Seit dem Wiederbeginn hat sich dies stark verändert: Nur in 10 von 45 Spielen gewann das Heimteam. Das entspricht 22 Prozent – das Heimteam holte nur knapp einen Punkt pro Spiel. Die Auswärtsteams nehmen dafür durchschnittlich 1,7 Punkte mit nach Hause.

Dies wird natürlich mit den abwesenden Zuschauern erklärt – das Heimteam wird nicht von der Menge nach vorne gepusht, die Gäste haben nicht das ganze Stadion gegen sich. Doch es gibt noch einen anderen Erklärungsansatz.

Für den Sportpsychologen Christian Heiss sind die Fans nur zweitrangig. Wie er gegenüber der «Stuttgarter Zeitung» sagt, ist das gewohnte Umfeld entscheidender: «Die Vertrautheit des Stadions kann sich psychologisch positiv auswirken.» Doch wegen der Hygienemassnahmen haben sich auch die Abläufe vor dem Spiel verändert. Die Routine, die die Spieler vor allem im eigenen Stadion bestens kennen, ist nicht mehr dieselbe.

Die Verwarnungen und die Penaltys

Auch die Schiedsrichter agieren vor leeren Rängen anders. So werden seit dem Wiederbeginn im Schnitt pro Spieltag fast fünf Gelbe Karten mehr verteilt. 37,8 anstatt wie zuvor 33. Und auch bei den Platzverweisen gibt es einen kleinen Anstieg von 1,6 auf 2 pro Runde. Auch bei den Penaltys gibt es leicht mehr. 2,4 pro Spieltag anstatt wie zuvor knapp 2,1.

Dies kann auch mit der Ruhe im Stadion erklärt werden. «Man hört den Fusskontakt, Schienbein an Schienbein, Sohle an Sohle», sagte Daniel Siebert gegenüber der Funke Mediengruppe. Als Schiedsrichter habe er ein geschultes Ohr dafür, welcher Kontakt regelwidrig sei. In einem vollen Stadion gehen solche Geräusche unter, doch ohne Zuschauer sind sie gut hörbar. Und somit ist es durchaus möglich, dass ein Schiedsrichter ein Foul trotz eingeschränkter Sicht richtig beurteilen und ahnden kann.

Der Schiedsrichter fällt eine umstrittene Entscheidung, die Fans pfeifen und toben, die Spieler belagern den Spielleiter. Solche Szenen waren vor der Corona-Pause keine Seltenheit. Doch seit dem Re-Start sieht man sie nicht mehr. Zu sehr sind sich die Spieler daran gewöhnt, Abstand zu halten. «Die Spieler stürmen bei einer kritischen Entscheidung nicht sofort auf den Schiedsrichter zu», sagte Schiedsrichter Guido Winkmann gegenüber der «Bild»-Zeitung. «Es gibt keine Rudelbildung.»

Diese fehlenden Reaktionen können ebenfalls einen Einfluss auf die Entscheidungen des Schiedsrichters haben. So ist es durchaus möglich, dass sich die Spielleiter unbewusst anders entscheiden, wenn sie mit Rudelbildung und Pfeifkonzert rechnen müssen. Doch diese gibt es im Moment nicht. Deshalb entscheiden die Schiedsrichter eher basierend darauf, was sie gesehen und gehört haben, was in mehr Karten resultieren kann. Denn in einer strittigen Situation keine Karte zu zeigen, führt in der Regel zu weniger Reaktionen, als die Verwarnung zu geben.

Die Spieldauer

Nach dem ersten Spieltag nach der Corona-Pause vermeldete der Datenanbieter Opta, dass die Netto-Spielzeit im Schnitt 57 Minuten betrug, zwei mehr als in den 25 Runden zuvor. Doch dies hat sich mittlerweile wieder eingependelt. Der Ball rollt je nach Quelle zwischen 18 und 30 Sekunden länger als vor dem Unterbruch.

8 Kommentare
    Raymond Allaman

    Nach fünf Runden ist die Aussagekraft der Daten sehr gering und damit ohne Aussagekraft.