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Big Brother aus dem Schwabenland

Das neue E-Klasse-Cabriolet von Mercedes-Benz will ein echter Vierplätzer sein und dient sich mit seinem Mehrlagenverdeck und Allrad als Ganzjahreswagen an. Aber ist es die über 10'000 Franken Aufpreis zur C-Klasse wert?

Mit dem E-Klasse-Cabrio, das im Herbst auf den Markt kommt, komplettiert Mercedes-Benz die Markenfamilie, deren Bedeutung für den Konzern auch im SUV-Zeitalter nicht überschätzt werden kann. Dass das Cabrio zuletzt drankommt, hat seine guten Gründe. Die offenen Varianten, so sehr sie in Stuttgart gepflegt werden, sind Nischenprodukte. Und das E-Klasse-Cabrio startet nicht eben unter dem günstigsten Stern. Denn mit der offenen C-Klasse bieten die Schwaben gleich selbst einen ausgewachsenen Konkurrenten an, mit denselben Antrieben, aber zu Startpreisen, die bei gleicher Motorisierung deutlich tiefer liegen.

Mercedes vermarktet die offene E-Klasse als vollwertigen Vierplätzer und spricht gewohnt unbescheiden vom Cabrio mit der bequemsten zweiten Reihe überhaupt. Ob das stimmt, sei einmal dahingestellt. Der C-Klasse hat das E-Cabrio jedenfalls neun Zentimeter in der Länge voraus, was sich im Fond positiv bemerkbar macht. Hinzu kommen Annehmlichkeiten wie eine optional bestellbare Heizung für die hinteren Sitze oder Leselampen im Dach – das gibt es in der C-Klasse nicht.

Die Differenzen sind allerdings schnell erschöpft. Die Fahrtwindumlenkung Air-Cap zum Beispiel ist für beide Modelle bestellbar. Wie bei der C-Klasse ist die Kombination aus einem Netzspoiler, der aus dem Frontscheibenrahmen ausfährt, und einem Windschott zwischen den hinteren Kopfstützen ebenso unansehnlich wie effektiv. Ist das System zugeschaltet, legt sich auch die abenteuerlustigste Haarsträhne wieder aufs Haupt. Es fragt sich nur, was das noch mit Cabriofeeling tun hat.

Eine andere Wahrheit ist: Selbst wenn die E-Klasse den besten Rückraumkomfort auf dem Markt bietet – dort sitzt normalerweise niemand, und wenn, dann am ehesten Enkelkinder. Ob C- oder E-Klasse, das ist vorab eine Frage von Portemonnaie, Prestige und Geschmack. Für das E-Cabrio spricht die noch gestrecktere Silhouette und vor allem die Eleganz des Interieurs mit dem Cinemascope-Cockpit und einer Armada von Assistenzsystemen. Spektakulär wird in der E-Klasse die Fahrzeugbreite inszeniert, mit einer Zierleiste, in die eine ganze Reihe von Luftdüsen eingelassen wurde. Sie sehen wie kleine Flugzeugtriebwerke aus und verströmen auf Wunsch «Daybreak», einen Duft, der unter anderem aus Pfefferminze, Mandarine, Zitrone und einer Note Muskat komponiert wurde.

Von der S-Klasse abgeleitet ist wie der Raumduft auch das mehrlagige Verdeck, mit einer Wetterbeständigkeit und einem Akustikkomfort, die nah an ein Coupé-Dach heranreichen. Das Dach öffnet und schliesst in 20 Sekunden, bis Tempo 50 auch während der Fahrt, so kennt man das aus anderen Mercedes-Modellen. Das Kofferraumvolumen verkleinert sich im offenen Zustand um 75 auf annehmbare 310 Liter.

Zum Marktstart im September liefert Mercedes das E-Klasse- Cabrio mit einem Diesel mit 194 PS und mit drei Benzinern mit 184 bis 333 PS aus. Alle Versionen sind serienmässig an die bekannte 9G-Tronic-Getriebeautomatik gekoppelt. Als Novum gibt es den permanenten Allradantrieb 4Matic, vorderhand aber nur in Kombination mit dem Top-Benziner.

Erste Testfahrten im Montblanc-Gebiet bestätigen die Erwartungen: Das E-Klasse-Cabrio ist in allen Versionen gut motorisiert und liegt souverän auf der Strasse. Der E400 4Matic mit seinem 333 PS leistenden V6 hat einen satten Durchzug und einen ansprechenden Klang, die Vierzylinderfraktion hält sich dagegen etwas zurück. Hervorragend ist der Abrollkomfort, vor allem in Kombination mit der optionalen Luftfederung, das schafft die C-Klasse nicht. Dagegen wird das E-Cabrio durch den langen Radstand etwas weniger handlich und agil als der kleinere Bruder.

Die grösste Differenz ist und bleibt aber wie angekündigt der Preis. Das C-Klasse-Cabrio gibt es mit dem 184-PS-Benziner für ab 50‘785 Franken. Der Big Brother in identischer Motorisierung kostet mindestens 68‘000 Franken.

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