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Der grollende Mittelweg

Mehr Sport bei gleicher Leistung? Auch das geht. GM hat den V8-Sauger der Corvette C7 Stingray mit dem Body der rabiaten Z06 gekreuzt. Herausgekommen ist die Grand Sport, ein veritables Wummerkind.

Vier Endrohre lugen hinten raus, als hätte da jemand ein Stück einer Kirchenorgel ins Heck verbaut. Der Sound ist dann aber eher infernal, es röchelt, röhrt und knallt gewaltig – mancher Sportwagen-Verrückte dürfte darin dennoch die Englein singen hören. Nein, die Corvette, die wir hier beschreiben, ist kein Abklatsch eines klingenden Namens von anno dazumal und auch kein Kompromiss im Zwang zum Modellausbau. Sie verkörpert die US-Sportwagenikone zu ihren besten Zeiten.

Grand Sport hat General Motors das neue Modell getauft. Es ist das dritte in der jüngsten Baureihe der Corvette, die unter dem Kürzel C7 läuft, und ein gewagtes dazu. GM hat den 6,2-Liter-V8-Saugmotor der Stingray mit dem Aerodynamik-Kit und dem Fahrwerk der rabiaten Z06 kombiniert. Das Resultat solcher Kreuzungen ist oft genug weder Fisch noch Vogel, im Falle der Grand Sport ist es der goldene Mittelweg.

Wie die Stingray hat die Grand Sport 466 PS unter der langen Haube, die erst im Dachstock des Drehzahlmessers bei 6000 Touren alle galoppieren. Dazu kommen die Aerodynamik-Anbauteile und das Fahrwerk der Z06, und das heisst: Grip ohne Ende. Das Gewicht ist dank Transaxle-Bauweise gleichmässig auf die Achsen verteilt. Der Sauger sitzt vorne, das Getriebe hinten, wo die Corvette ihre Kraft auf die Strasse loslässt. Ein Sperrdifferenzial ist ab Serie verbaut.

4,1 Sekunden dauert der Sprint auf Tempo 100, wenn wie im Testwagen die Achtgangautomatik die Gänge wechselt. Das können andere zwar besser, schon bei Audi schafft mancher RS eine 3 vor dem Komma. Kommt aber die Querbeschleunigung in die Rechnung, ändert sich die Hierarchie. Bis zu 1,2 G soll die Grand Sport wegstecken. Auf der Rennstrecke macht sie so locker einen Porsche platt, wenn nicht im Minimum ein GT3 am Start steht. Mit den massiven Reifen – 285er sind es vorne und hinten gar 335er – walzt sie durch Kurven, bleibt beim Herausbeschleunigen aber deutlich beherrschbarer als die ungestüme Z06, deren abrupt ausreissendes Heck auch gestandenen Rennfahrern Respekt einflösst. Grosser Sport, aber ohne Todesängste.

Dass wir den Grenzbereich im Alltag und auf Schweizer Strassen natürlich nicht annähernd erreichen, sei nicht verschwiegen. Aber der Grip, die Balance, die Aggressivität sind spürbar. Noch deutlicher spürbar sind die Ausmasse. Noch einmal 8,9 Zentimeter breiter ist die Grand Sport als die Stingray. So ist die Zufahrt in die Garage fast nervenaufreibender als die Hatz über die Passstrasse.

Auch langsame Kurven sind keine Paradedisziplin der Grand Sport, bei vollem Lenkeinschlag und Schritttempo beginnt sie arg zu ruckeln. Aber das ist alles kein Ding. Ungefilterter, draufgängerischer, echter – das sind seit jeher die Charaktereigenschaften der Corvette. Genauso wie der Preis, der mit ab 114‘600 Franken gemessen an Fahreigenschaften und Rundenzeiten konkurrenzlos erscheint.

Das gilt umso mehr, als die Zeiten des schnöden Plastikinterieurs mit Bausatzcharme passé sind. Das Interieur des rund 125‘000 Franken teuren Testwagens mag einen AMG GT nicht toppen, aber es ist herzeigbar: Alcantara-Sportsitze, ein zeitgemässes Multimedia- und Navigationssystem, die wichtigsten Assistenten und eine satte Soundanlage, alles, was ein modernes Auto braucht, ist da. Die Spaltmasse stimmen, die Ergonomie auch. Dazu kommt beim Testwagen das Cabriodach, das sich manierlich öffnet und schliesst, auch während der Fahrt.

Selbst den Verbrauch haben die Amerikaner unter Kontrolle gebracht. Unter Teillast schaltet die Corvette die Hälfte der Zylinder ab. So geht es dann auch mal mit etwas über 11 Litern voran, in Unterbietung der Werksangabe (12,3). Aber das ist bei diesem Wagen nur eine Randnotiz. Im Vordergrund steht die Emotionalität: der Sound, der Schub, der Grip und nicht zuletzt die krawallige Optik, die sich mit Streifen und Farben wunderbar auffällig individualisieren lässt. Der amerikanische Traum kommt eben ohne Understatement aus. Das gefällt, oder es gefällt nicht. An mehr als einer Kreuzung zücken Jugendliche aufgeregt das Handy, um die Begegnung festzuhalten. Wir fragen polemisch: Mit welchem Sportwagen erlebt man das sonst noch?

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